Zeitung Heute : Voller Schmerz

Der Tagesspiegel

Von Ludwig Ring-Eifel, Rom

und Benjamin Leonhardt

Dem schwer kranken Papst Johannes Paul II. bleibt auch das nicht erspart: Seit Wochen muss sich der 81-Jährige mit pädophilen Priestern und anderen sexuellen Verfehlungen von Kirchenmännern befassen, die dem Ansehen der katholischen Kirche schweren Schaden zugefügt haben. Im Mittelpunkt stehen die in den USA bekannt gewordenen Fälle von Kindesmissbrauch. Aber auch Europa ist von Sexskandalen nicht verschont. Bisher mussten deshalb zwei Erzbischöfe zurücktreten – in Polen und in Österreich.

Die Experten müssen lange in den Vatikan-Annalen zurückblättern, um ein ähnliches Ereignis zu finden: Zwölf Kardinäle aus den USA und die Führung der dortigen Bischofskonferenz hat der Papst für zwei Tage nach Rom zitiert, um über eine Krise zu diskutieren, die der US-Kirche den Boden unter den Füßen wegzureißen droht. Zuletzt hatte Johannes Paul II. 1989 33 US-Oberhirten in den Vatikan einbestellt, um sie angesichts der US-Scheidungs-Kultur an die Unauflöslichkeit der Ehe zu erinnern. Damals war aus Vatikan-Sicht die Identität der Kirche bedroht, weil manche Bischöfe sich zu sehr an den Zeitgeist anzupassen schienen.

Beim Gipfeltreffen 13 Jahre später steht vielleicht noch mehr auf dem Spiel. Anlass ist eine Vertrauenskrise, deren Ursachen so komplex sind, dass es diesmal nicht genügt, die Bischöfe lediglich „auf Linie“ zu bringen. Sie stehen in der Öffentlichkeit am Pranger, weil sie über Jahrzehnte bei Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Priester nicht hart genug durchgegriffen und zu zögerlich mit den Justizbehörden zusammengearbeitet haben. Die Krise hat, obwohl die meisten Fälle weit zurückliegen, inzwischen solche Ausmaße angenommen, dass selbst in katholischen Pfarreien der Rücktritt des Bostoner Erzbischofs, Kardinal Bernard Francis Law, gefordert wird.

Als kriminelle Vereinigung tituliert

Und auch der mächtige New Yorker Kardinal Edward Michael Egan hat sich öffentlich entschuldigen müssen, weil er als Bischof von Bridgeport schwarze Schafe nicht rechtzeitig vom Dienst suspendierte. Der US-Katholizismus, der sich in 150 Jahren von der misstrauisch beäugten Minderheit irischer und italienischer Einwanderer zur landesweit größten Konfession und zu einer moralisch geachteten Institution hochgearbeitet hat, steht nun vor einem Scherbenhaufen. Die Kirche wird erstmals seit langer Zeit von Kritikern wieder öffentlich als „kriminelle Vereinigung“ tituliert, an deren Spitze der Vatikan eifrig mitwirkt, wenn es darum geht, Straftaten der eigenen Leute zu verschleiern.

Am ersten Tag des zweitägigen Krisentreffens fand der Papst zumindest deutliche Worte. Die Fälle von Kindesmissbrauch durch Priester und Ordensleute seien nicht nur Verbrechen und Sünde, sie hätten zugleich der Glaubwürdigkeit der Kirche zutiefst geschadet. Die Bischöfe müssten klare Richtlinien erstellen und energische Maßnahmen ergreifen, dass sich solche Fälle nicht wiederholten, mahnte er die US-Kardinäle. Die Leute müssten wieder wissen, dass es im Priesteramt und Ordensleben „keinen Platz für Leute gebe, die jungen Menschen Schaden zufügten", lautete das päpstliche Monitum. Zwar sei Missbrauch Minderjähriger ein Krisensymptom, das nicht nur die Kirche, sondern die Gesellschaft insgesamt betreffe. Aber er sei „zutiefst traurig", dass gerade Priester und Ordensleute, deren Berufung die Heiligung des Lebens sei, solche Leiden ausgelöst hätten. Er sprach den Opfern und ihren Familien seine Solidarität aus.

Eine Milliarde Dollar Schadenersatz

Neben den katastrophalen Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen in den Gemeinden ist die Krise auch materiell bedrohlich: Einige Diözesen mussten bereits Millionensummen für die Entschädigung von Opfern zahlen; nun rollt eine neue Prozesswelle von Männern und Frauen heran, die als Minderjährige von Priestern missbraucht wurden. Im schlimmsten Fall könnte sie etliche Diözesen in den Ruin treiben. Schon jetzt muss das Erzbistum Boston dafür Immobilien veräußern. Mehr als eine Milliarde Dollar habe die US-Kirche bislang im ganzen Land an Missbrauchsopfer gezahlt, schätzt Patrick Scully von der Katholischen Liga, der bedeutendsten US-Bürgerrechtsorganisation.

In der amerikanischen Öffentlichkeit jedenfalls nimmt die Kritik an der katholischen Kirche zu. Drei von vier Befragten äußerten die Ansicht, die Kirche habe nicht angemessen auf die Fälle von sexuellem Missbrauch in ihren Reihen reagiert, wie eine Umfrage des Fernsehsenders ABC und der Zeitung „Washington Post" ergab. Im März hatten erst zwei Drittel das Verhalten der Kirchenführung missbilligt. Zwei Drittel der Befragten waren der Ansicht, der Papst hätte früher und entschlossener gegen die sexuelle Gewalt an Kindern vorgehen müssen.

Deshalb steht beim Krisengipfel in Rom auch weniger die finanzielle Seite im Vordergrund. Das Signal soll offenbar lauten: Der Vatikan nimmt die Sache ernst und will mit Nachdruck für die Einhaltung der Regeln sorgen. Um welche Regeln es gehen wird, ist allerdings noch nicht klar. Dem Vernehmen nach stehen folgende Maßnahmen zur Debatte: Amtsenthebung schuldig gewordener Priester, Einschaltung der Staatsanwaltschaft sowie eine scharfe Überwachung der Priesterausbildung und der Jugendarbeit.

Unter Verwendung von KNA und dpa.

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