Zeitung Heute : Voller Sound

Komponieren mit dem Laptop: Native Instruments bringt Software zum Klingen

Das Soul-Klavier von Alicia Keys ist 17 Gigabyte groß. Inklusive feinster Klangfärbungen für Tastenanschlag und Pedalmechanik. Schließt man die Augen, erscheint Alicia Keys an ihrem edlen Yamaha-Neo-3-Flügel. Öffnet man die Augen, ist nur ein Laptop zu sehen, auf dem das Programm „Alicia’s Keys“ läuft.

Die Kreuzberger Firma Native Instruments hat die Musikerzeugung komplett in den Computer verlagert und ist in diesem Segment zur Weltspitze aufgestiegen. Viele Profimusiker nutzen digitale Instrumente für ihre Kompositionen. Das aufwendige Einspielen im Studio entfällt. Die Qualität ist gleich und die Vielfalt möglicher Tonmodulationen weitaus größer. Und virtuelle Instrumente sind einfach unschlagbar billig. Das C3 von Yamaha ist ab 20 000 Euro zu haben, das Softwarepaket von NI für 99 Euro.

Im vorigen Jahr wuchs der Umsatz um 60 Prozent. 200 Grafiker, Programmierer und Techniker arbeiten in den Büroetagen in einem Gewerbehof an der Schlesischen Straße. Zu Beginn ihrer 15-jährigen Geschichte waren sie zu sechst. Daniel Haver, abgebrochener BWL-Student und langjähriger Fan elektronischer Musik, stieß erst ein Jahr nach Gründung dazu. Damals war die Finanzlage so mau, dass sich die Teilhaber mit Nebenjobs über Wasser halten mussten. Auch Haver verzichtete zunächst auf ein Gehalt.

Ein Freund hat ihn ins Unternehmen geholt. Die Gründer, so erzählt es Haver, waren technikbegeisterte Idealisten, die für Businesspläne und Marketingstrategien nicht zu begeistern waren. Dafür hatten sie die Musikwelt fest im Blick. Bands wie Kraftwerk oder Depeche Mode arbeiteten mit Synthesizern, die ein begrenztes Klangspektrum ablieferten. Kompositorische Ideen waren in ein enges Hardware-Korsett gezwungen, das die NI-Leute aufbrechen wollten.

Was dabei herauskam, waren Softwarepakete mit Namen wie Traktor, Reaktor oder Generator. Das klingt nach den Pioniertagen der Elektrifizierung, sollte aber vor allem auf die deutsche Herkunft verweisen. Die Verknüpfung von großer Musik und präziser Technik, darin seien die Deutschen einfach besser als viele andere, findet Haver. Wobei er sich selbst eher zu den digitalmusikalischen Dilettanten zählt. Auf Geburtstagen setzt er sich noch mal an die Reaktor-Bedienung, nur so zum Spaß. Im Unternehmen sieht er sich eher als Lordsiegelverwalter der NI-Philosophie, die in etwa so lautet: Wir bauen digitale Instrumente und lassen uns durch nichts davon ablenken. Als einer der NI-Gründer einen Live-Sequenzer plante – eine Software zum Arrangieren und Komponieren –, legte Haver sein Veto ein: der Freund verließ die Firma. Eine Herausforderung sind für NI vor allem die großen US-Musiksoftwarefirmen wie Digital Design. Anfangs hatte Haver auch japanische Instrumentenhersteller wie Roland, Yamaha und Korg im Blick, aber heute weiß er: „Die können nicht solche Software entwickeln wie wir.“

Daniel Haver, 43, die grausträhnigen Haare gescheitelt, hatte einen kurvigen Weg zurückgelegt. Mitten im BWL-Studium ging er für ein Jahr nach Barcelona, zum Jobben und Genießen. Zurück in Deutschland, konnte er das Studium nicht mehr ernsthaft weitermachen. Er arbeitete sich in Grafikprogramme ein und gründete ein Grafikdesignbüro in Hamburg. Bald hatte er sich einen anspruchsvollen Kundenkreis aus Werbeagenturen aufgebaut. Haver merkte, dass er Dinge auch ohne Diplome bewegen kann.

Als ein Freund ihm von NI erzählt, sieht Haver seine Chance. Inzwischen ist er so oft in den USA, wo viele Kunden sitzen und die Firma eine Filiale hat (natürlich in L.A.), dass man ihn mindestens für einen Halbamerikaner hält. Um 18 neue Stellen zu besetzen, schalteten sie keine Anzeigen, sondern befragten Kunden nach Kandidaten. Es kamen 2000 Bewerbungen, für Haver eine „irre response“.

www.native-instruments.com

Unsere Konkurrenten können nicht solche Software entwickeln wie wir.“

Daniel Haver, Geschäftsführer

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!