Zeitung Heute : Volles Risiko

Der Tagesspiegel

Von Katja Füchsel

Eine sonderbare Spezies, diese nördlichen Großstädter. Sie richten sich ein zwischen Stahl, Beton und Abgasen. Ertragen stoisch die nicht enden wollenden Winter, erdulden Monate in tiefem Grau – und sind nach den ersten wärmenden Sonnenstrahlen kaum zu halten. Dann soll es grünen, blühen, strahlen auf dem Balkon und im Garten. „Die Leute scharren hier doch schon seit Februar mit den Füßen“, sagt Gärtnermeister Gerhard Reuber, seit 35 Jahren angestellt im Unternehmen Pluta.

Die Zeit des Scharrens ist vorüber. In den Glashäusern des Gartencenters wird seit Ostern richtig zugelangt. Mit zweistöckigen Einkaufswagen kurvt die Menge durch die Gänge. Blütendüfte, mal süß, dann schwer, hängen in der Luft. Die Menschen greifen nach links und rechts, manchmal schwärmen die Familien einzeln aus: Du die Geranien, ich die Begonien, Du die Margeriten. Den rauhen Nächten zum Trotz? Den Eisheiligen? Der kalten Sophie? Reuber zuckt mit den Schultern. „Den Leuten können Sie von Frost jetzt nichts mehr erzählen.“

Im Frühjahr setzt der Städter gerne auf Risiko. „Sicher“, sagt Brigitte Kumbel, „der Frost macht mir schon große Angst.“ Ein Mandelbäumchen wackelt auf dem Wagen, daneben leuchten rot und weiß die Geranien. Seit zehn Jahren buddelt sie im Garten, hatte gerade in den ersten Jahren herbe Verluste zu beklagen. Hortensien, Geranien, alles erfroren, sagt Frau Kumbel. Und kann trotzdem nicht vom Pflanzen lassen. „Aber die Geranien kommen erstmal sicherheitshalber auf den Balkon.“ Alles Spießerkram, findet das junge Paar im nächsten Gang. Fuchsien, Primeln, Petunien kommen den Bbeiden nicht auf den Balkon. Rechts die Kräuter, links Tomaten und zwischendrin soll es blühen: Hibiskus, Glockenblumen, Sonnenblumen. „Die jungen Leute greifen manchmal arg daneben“, sagt der Gärtnermeister – und zählt die Fehler an den Fingern ab: Hibiskus blüht nur ein oder zwei Tage, Glockenblumen blühen höchstens drei Monate und die Sonnenblumen brauchen Sonne satt. Doch wie Prince schon sang: Manchmal schneit es im April. „Dann kann das böse ins Auge gehen“, sagt ein Paar mit fast leerem Wagen. Ehemalige Gärtnersleute, die namentlich nicht genannt werden möchten, dann aber doch erzählen: von damals, als die Gärtner ihren Grundsätzen noch treu bleiben konnten: Im Februar, März und April wurde bei ihnen ausschließlich die Frühjahrskollektion feilgeboten: Stiefmütterchen, Tausendschönchen, Tulpen, Osterglocken, Vergissmeinnicht, Primeln. Tomaten in April? Der 71-Jährige schlägt die Hände zusammen. „Viel zu früh!“

Natürlich zogen manche Kunden beim ersten Sonnenstrahl zur Konkurrenz – standen im Mai aber wieder im Geschäft. Weil die Fuchsien nachts eingegangen waren. Die Geranien so murkelig blieben. Die Margeriten so viele schwarze Blätter bekamen.

Der Gärtner aus Lankwitz ist zwischen Pflanzen groß geworden. Er kann die Ungeduld der Städter nicht verstehen. „Wenn man die Blumen erst in die Wärme pflanzt, wachsen sie schneller!“ Das weiß Gärtnermeister Reuber auch. Doch er ist den Winter, die Kälte, das Grau schon so lange satt. „Meine Tomaten habe ich auch schon draußen.“ Allerdings arbeitet der Mann mit Netz und doppeltem Boden: Die Pflanzen hat er an der Hauswand postiert und in der Nacht schützt ein übergestülpter Plastikeimer die Stauden. Zudem glaubt Reuber an das Gesetz der Serie. „Seit Jahren hatten wir nach Mitte April keinen Nachtfrost mehr.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben