Zeitung Heute : Vollidioten und Wolfsgeheul

Wilde Beschimpfungen, rohe Attacken: Silvio Berlusconi führt einen hochaggressiven Wahlkampf, und die Linke gerat in die Defensive

Paul Kreiner[Rom]

Perfektionist war er schon immer. Das Make up, die Haarfarbe, die Haardichte; den Kamerawinkel, in dem er gefilmt wird; das Blau der Kulissen; die Frisur, die Anzüge, die Krawatten – nie hat Silvio Berlusconi etwas dem Zufall überlassen. Nun hat er für 18 Uhr zur Abschlusskundgebung seines Wahlkampfs eingeladen, und auf die Sekunde genau beginnt er.

Sieben- bis achttausend Fans belagern die Bühne in dieser römischen Messehalle. Hingebungsvoll singen sie die Hymne der Berlusconi-Partei. Vom „Herzklopfen für die Freiheit“ ist darin die Rede, vom „Himmel in uns, blauer denn je“. Dann, auf einmal, teilen sich die Wogen des Menschenmeeres, und vorne am Rednerpult steht er. Die Arme breitet er dämpfend aus wie der Herr im Seesturm, eine kongeniale Geste für einen, der sich als „Jesus Christus der Politik“ versteht. Eine Offenbarungsszene wie im Film.

Und dann geht’s los. Keine Vorgruppe, keine Einleitung, nur er. Berlusconi pur. Zwei Stunden lang. Das wahlkampfübliche Programm: Einhämmern auf die Linken, danach das sturzbachartige Aufzählen eigener Erfolge und feierlicher Versprechungen. „Silviooo!“ jubelt da das Volk, „grande Silviooo!“ Sie hüpfen im Takt nach Art eines beliebten italienischen Volkstanzes. „Wer nicht mit uns hüpft“, singen sie dazu, „der ist ein Sack, ein Vollidiot.“

Sack, Vollidiot? So hat ein maßloser Silvio Berlusconi tags zuvor die Wähler der Linken bezeichnet. „Coglioni“ hat er sie genannt, das ist ein mehr als unflätiges Wort für die männlichen Geschlechtsteile, aber die Anhänger der Opposition betrachten das nach der ersten Entrüstung mittlerweile als Ehrentitel. „Ich bin stolz, ein Coglione zu sein!“, steht auf den T-Shirts und den Ansteckern, die sich zu Tausenden in Rom verkaufen. „Ciao, Coglione!“, begrüßen sich Freunde mittlerweile auf der Straße.

Berlusconi steht am Rednerpult und sagt, das sei doch gar nichts gegen die „Beschimpfungen, die ich aushalten musste: Teppichverkäufer, Besoffener, Delinquent, Mörder, Mafioso ...“ Das C-Wort selbst wiederholt er nicht: „Ich habe nur einen absolut gebräuchlichen Begriff verwendet“, sagt er. Da nickt das Volk und tanzt: „Wer nicht mit uns hüpft, der ist ein Coglione.“

Als Redner ist Berlusconi sehr empfänglich für die Stimmung im Saal. Wenn er Unruhe spürt, wenn er merkt, er hat zu lange monologisiert, dann ruft er ins Publikum: „Wollt ihr eine Linke, die euch das Geld aus der Tasche zieht? Wollt ihr linke Regierungen, die nur an die Macht wollen, um die eigenen Freunde zu bedienen? Wollt ihr …? Wollt ihr …?“ Und wenn die Menge dann oft genug „Nooo!“ geschrien hat, dann wirft er ihr auch noch die Namen linker Politiker zum Fraß vor: Prodi, D’Alema, Fassino. Und jedesmal geht ein Wolfsgeheul durch die Halle.

Diktatur, Regime – mit diesen Kampfbegriffen beschreiben italienische Linke die ineinander verquickte wirtschaftliche, mediale und politische Herrschaft Berlusconis. Ob eine solche Etikettierung zulässig ist, darüber gehen auch innerhalb der Opposition die Meinungen auseinander. Aber nun ist Wahlkampf, und Berlusconi hat eigens eine Provokation inszeniert, um diesen Begriff seinerseits gegen die Linken wenden zu können: In „Canale 5“, einem seiner drei privaten Fernsehsender, hatte Berlusconi einen zweistündigen Soloauftritt zum großen Wahlkampffinale arrangiert. Weil das in dieser Form eindeutig gegen Recht und Gesetz verstoßen hätte, wollten Berlusconis Gefolgsleute auch noch den Spitzenkandidaten der Opposition, Romano Prodi, einladen. Der Form nach wenigstens. Sie taten es indes so kurzfristig , dass Prodi absagen musste. Um die vorgeschriebene parteipolitische Ausgewogenheit zu garantieren, verfielen sie dann darauf, Berlusconi in ein Viererpaket ausgewiesener linker Journalisten einzubetten und gaben vor, sie hätten dafür die Genehmigung der Fernsehkontrollbehörde erhalten.

Doch in der Einsicht, nur zur Selbstdarstellung Berlusconis missbraucht zu werden, sagten auch die Journalisten ab – und Berlusconi hätte ums Haar seinen Soloauftritt tatsächlich bekommen. Dann aber passierte das Unerwartete: Die Fernsehleute in Berlusconis eigenem Sender protestierten gegen den Gesetzesbruch und drohten mit Streik. Nachdem auch die Kontrollbehörde in einem bisher ungekannten Anfall von Courage jede angebliche Genehmigung dementiert hatte, musste Berlusconi zurückziehen.

Doch seinen Fans erklärt Berlusconi nun, es handele sich um einen „Angriff auf die Freiheit“, um einen „antidemokratischen Überfall der Linken“. Systematisch werde er daran gehindert, die Italiener über die Regierungsarbeit zu informieren, tobt er in der römischen Messehalle, „er, der fünf Jahre lang Tag und Nacht für das Land gearbeitet hat, während die anderen nichts getan haben“. „Buuuu!“ schreien sie in der Messehalle, Tausende pfeifen gellend, und Berlusconi peitscht sie sofort auf den Gipfel der Aufwallung: „Da seht ihr, was passieren wird, wenn die Linke erst die Wahl gewinnt!“

Umfragen dürfen seit zwei Wochen nicht mehr veröffentlicht werden, aber Berlusconi sagt: „Ich kenne sie dennoch. Glaubt mir: Wir liegen in Führung.“ Im Wahlkampf hat ihn eine einzige Studie in diesem Optimismus bestärkt, und die hatte Berlusconi selbst in Auftrag gegeben, nicht in Italien, „wo alles, aber auch alles von den Linken beherrscht wird“, sondern in den USA. „Und jetzt“, spottet sein Herausforderer Prodi, „hat er eine in der Ukraine bestellt. Die bescheinigt ihm mehr als 100 Prozent.“

Romano Prodi hat sich für seine Schlusskundgebung einen der repräsentativsten Plätze der Olympiastadt Turin ausgesucht. Er spricht langsam, schleppend, mit Pausen, nichts gegen den Wasserfall seines Gegners, dafür so staatstragend, als wollte er gar nicht Regierungschef, sondern lieber gleich ein altersweiser Staatspräsident werden. Der knapp 70-jährige Berlusconi gibt sich – und fühlt sich nach eigenen Angaben – wie „ungefähr Mitte 40“; Prodi dagegen, dem Lebensalter nach drei Jahre jünger, verkörpert den Landesgroßvater: gütig, aber streng. Pastorales Lächeln. „Seriosität ist unser Motto.“ Und wenn Prodi etwas betonen will, dann schaut er seiner Gemeinde tief in die Augen und wiederholt es in beschwörendem Raunen dreimal: „Die Jugend. Die Jugend. Die Jugend.“ „Die Fundamente. Die Fundamente. Die Fundamente.“ „Die enorme, enorme, enorme Kraft des italienischen Volkes.“

Die Linken sind zuletzt in die Defensive geraten. Unklare Passagen ihres Wahlprogramms, dazu die gewohnt widersprüchlichen Interviews ihrer Parteichefs haben es Berlusconi erst ermöglicht, sein letztes Kaninchen aus dem Hut zu zaubern: Wie rechtzeitig zum Wahlsieg 2001, so verspricht er auch jetzt Steuersenkungen, vor allem die Abschaffung der Grundsteuer. Die Linken dagegen, behauptet Berlusconi in der römischen Messehalle zum x-ten Mal, wollten „gerade diese Steuer verdreifachen, zum eklatanten Schaden der 87 Prozent aller Italiener, die ein Haus oder eine Wohnung besitzen“.

Das Dementi Prodis fällt schwach aus, kleinlaut, beschwörend wieder einmal: „Glaubt ihm nichts!“ Finanzminister Giulio Tremonti kann sich’s in den letzten Wahlkampftagen sogar straflos leisten, eine weitere Zerrüttung der italienischen Staatsfinanzen einzuräumen: 4,1 Prozent Haushaltsdefizit, dazu ein Anstieg der ohnehin schon rekordträchtigen Staatsverschuldung. Kaum ein Linker vermag das noch zum zündenden Thema zu machen – unter den Dauerattacken Berlusconis.

Der schickt seine „Missionare der Freiheit“ aus. Am Sonntag und Montag werden Tausende von ihnen die Wahllokale bewachen, „um die Freiheit des Votums sicherzustellen“. Die Linken, sagt Berlusconi, seien ja zu allem fähig, auch zur Manipulation der Stimmzettel.

Ein entsprechendes Misstrauen hat auch die Opposition beschlichen; deshalb schickt sie ihrerseits Freiwillige in die Wahllokale. Nur haben Berlusconis Wächter darüber hinaus – der Mann ist eben perfekt – in einem Kurs gelernt, worauf sie besonders zu achten haben – sie, die „Blauen Garden“, unterwegs im Auftrag Italiens. Denn Blau, „Azzurro“, ist ja nicht nur Berlusconis Markenzeichen. Geschickt hat er die Farbe des italienischen Lebensgefühls okkupiert, das Azzurro der Nationalmannschaften, die Farbe des Meeres. Und der Teppich, der die Fans in die Messehalle geleitet, ist so stechend blau, dass die Augen schmerzen.

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