Zeitung Heute : Vollmond: Interview: Kartoffeln mögen keinen Vollmond

Herr Spieß[in vier Tagen ist Vollmond. Welc]

Hartmut Spieß, 56, ist Agrarwissenschaftler im Institut für biologisch-dynamische Forschung in Darmstadt. Er untersuchte mehrere Jahre den Einfluss des Mondes auf den Anbau von Kulturpflanzen und habilitierte mit seinen Arbeiten 1994 an der Universität Kassel-Witzenhausen.

Herr Spieß, in vier Tagen ist Vollmond. Welche Arbeiten sollten Landwirte jetzt erledigen?

Wenn man in dieser Zeit aussät, dann keimen die Frühjahrssaaten sicherlich besser.

Basiert diese Aussage auf einer alten Bauernregel oder neuen Erkenntnissen?

Diese Äußerung bezieht sich auf aktuelle Forschungsergebnisse. Aber schon unsere Vorfahren beobachteten sehr genau, wie das Wachstum der Pflanzen von der Witterung und der Stellung der Gestirne beeinflusst wird. Die Erfahrungen wurden dann in Form von Bauernregeln überliefert. Die älteste Sammlung stammt von Plinius dem Älteren aus dem ersten Jahrhundert nach Christi. Heutige Sammlungen von Bauernweisheiten deuten jedoch darauf hin, dass die Mondregeln durch die Astrologie des ausgehenden Mittelalters verfälscht wurden oder dass sie aus Aberglauben entstanden sind. So wurde beispielsweise gesagt, wenn man Rübensamen bei Mondwechsel aussät, dann würde er zu Kohl- oder Senfsamen. So etwas ist natürlich barer Unsinn; selbst moderne Gentechnik hätte da Schwierigkeiten. Eine andere alte Regel lautet: Alles was unter der Erde wächst, soll im abnehmenden Mond gesät werden, alles was über der Erde wächst im zunehmenden Mond. Das kann man so nicht bestätigen.

Was haben denn Ihre Untersuchungen gezeigt?

Wir konnten nachweisen, dass vor Vollmond gesäter Roggen eine bessere Keimfähigkeit zeigt. Vor allem Möhren reagierten mit statistisch gesicherten Mehrerträgen bei Aussaat ein bis drei Tage vor der Vollmondstellung. Kartoffeln zeigten dagegen Mindererträge, wenn sie vor Vollmond gelegt wurden. Also man kann das nicht alles über einen Kamm scheren, sondern man muss schauen, was hat man für Pflanzenarten vor sich und wie reagieren sie im einzelnen auf die Mondphasen.

Wie erklären Sie sich diese Beobachtungen?

Aus der wissenschaftlichen Literatur ist einerseits bekannt, dass das vom Mond reflektierte Licht, obwohl es nur 1/500 000 so stark wie das direkte Sonnenlicht ist, die Photoperiode und die Keimung der Pflanzen beeinflusst. Man weiß auch, dass schwache elektromagnetische Felder das Pflanzenwachstum verändern können. Zudem deuten neuere Untersuchungen an Bäumen darauf hin, dass Gravitationskräfte wirksam sind. Dennoch kann man heute noch nicht genau sagen, worin der Mondeinfluss tatsächlich besteht.

Welche Relevanz haben die Mondregeln denn in der landwirtschaftlichen Praxis?

Der Praktiker wird sich bei der Aussaat in erster Linie danach richten, wie der Bodenzustand ist. Wenn die Witterung stimmt, wird man aussäen, egal ob Neumond oder Vollmond ist. Denn ein günstiger Mondstand kann schlechte Wachstumsbedingungen auf dem Acker in der Regel nicht ausgleichen. Sollte der übliche Saattermin mit der Mondstellung zusammenpassen, kann man dankbar den günstigen Zeitpunkt nutzen. Im Gartenbau haben die Mondregeln, denke ich, eher eine Bedeutung, da kann man flexibler sein.

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