Zeitung Heute : Vollmond: Wenn der Mond aufgeht...

Manuela Röver

Wenn der Mond als große runde Scheibe am Himmel steht, schlafen nach einer Allensbach-Umfrage rund 40 Prozent der Deutschen schlechter als gewöhnlich. Und nicht nur das, der Erd-Trabant provoziert offenbar noch weitere Phänomene: "Es gibt hunderte wissenschaftliche Studien, die einen möglichen Zusammenhang zwischen bestimmten Mondphasen und der Häufigkeit von Verkehrsunfällen, Gewaltverbrechen oder der Geburtenrate untersuchen", sagt Hans Erkert, Leiter der Arbeitsgruppe Chronobiologie an der Universität Tübingen. Der Erkenntniswert ist allerdings begrenzt, zu widersprüchlich sind die Ergebnisse.

Dabei schien die Sache schon Ende der 80er Jahre klar. Damals prüfte der kanadische Psychologe Ivan Kelly an der Universität in Saskatchewan alle bis dahin existierenden Studien und kam zu einem eindeutigen Schluss: Es lässt sich kein Zusammenhang zwischen Vollmond und dem Verhalten der Menschen nachweisen. Trotzdem leben die Gerüchte um die geheimnisvolle Macht des Mondes fort.

"Viele Menschen sagen: Wenn der Mond so viel Kraft hat, dass er Ozeane bewegt und Ebbe und Flut erzeugt, dann wird er den kleinen Menschen doch noch viel mehr beeinflussen können", berichtet der Soziologe und Amateur-Astronom Edgar Wunder von seinen Erfahrungen an der Nürnberger Sternwarte. Das ist allerdings ein Trugschluss. Ebbe und Flut gehorchen dem Gravitationsgesetz. Die Kräfte, die da wirken, hängen von der Masse der beteiligten Objekte ab: Je kleiner, desto geringer die Anziehungskraft. Das heißt, die Anziehungskräfte zwischen dem Mond und der Wassermasse der Erde sind wesentlich größer als die zwischen Mond und Mensch.

Dennoch wächst die Zahl der Mondgläubigen, wie beispielsweise die hohen Verkaufszahlen der populären Bestseller von Johanna Paungger und Thomas Poppe zeigen. Nach eigenen Angaben erreichte das Autorenehepaar mit seinen Büchern eine Auflage von fünf Millionen. In ihrem Ratgeber "Vom richtigen Zeitpunkt - Die Anwendung des Mondkalenders im täglichen Leben" erläutern Paungger und Poppe, wann in Abhängigkeit von der Mondphase der

beste Zeitpunkt ist für das Haareschneiden, Blumendüngen oder eine Operation.

"Tatsächlich kommt es in den letzten Jahren häufiger vor, dass Patienten ihren Operationstermin verschieben, da bei Vollmond angeblich öfter Komplikationen auftreten", sagt Edgar Wunder. Zusammen mit dem österreichischen Chirurgen Michael Schardtmüller ging der Soziologe dieser Behauptung auf den Grund. Sie führten am Landeskrankenhaus Krems in Österreich eine Studie mit 228 Patienten durch, die erstmalig eine Knie- oder Hüftprothese erhielten. "Das Resultat stimmt mit anderen empirischen Studien überein", versichert Wunder. Die Mondphase oder die Stellung des Mondes im Tierkreiszeichen hatten keinen Einfluss auf Komplikationen.

Bleibt die Frage, warum so viele Menschen bei Vollmond schlechter schlafen? "Das liegt vermutlich an der Funktionsweise unseres Gehirns", erklärt Till Roenneberg, der an der Universität in München die erste deutsche Professur für Chronobiologie inne hat und sich mit den biologischen Rhythmen von Mensch und Tier beschäftigt. "Das menschliche Hirn sucht nach Informationen, mit denen es Regeln entwerfen kann". Schläft ein Mensch gelegentlich schlecht, so werden sich ihm die Nächte mit Vollmond besonders einprägen. Das Gehirn macht aus dieser subjektiven Wahrnehmung dann die Regel: Bei Vollmond schlafe ich schlechter. In künftigen Vollmondnächten kann daraus eine selbsterfüllende Prophezeiung werden.

Die Chronobiologen machen aber nicht nur die Psyche für die Schlafstörungen verantwortlich. "Das hellere Licht in diesen Nächten kann auch einen Einfluss haben", sagt Roenneberg. Eine steuernde Wirkung des Mondlichts auf die Aktivität oder Keimfähigkeit von Organismen gilt bei einigen Tieren und Pflanzen bereits als erwiesen (siehe Interview).

Was aber ist mit Menschen, die bei Vollmond den Rolladen runterlassen und trotzdem schlecht schlafen? Darauf hat die Wissenschaft bis heute keine Antwort, nicht zuletzt, weil sich Untersuchungen zu diesem Thema schwierig gestalten. "Der Mensch ist ein sehr undankbares Versuchstier. Es lässt sich bei ihm nur schwer he-rausfinden, was biologisch und was psychisch bedingt ist," erklärt Roenneberg. Außerdem müssten die Studien über einen Zeitraum von mindestens einem halben Jahr angelegt werden, damit das Ereignis Vollmond auch häufig genug eintritt. Nur, welcher Proband lässt sich freiwillig für sechs Monate unter konstanten Bedingungen in einem Labor halten?

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