Zeitung Heute : Vollspann mit etwas Außenrist

Das Tor des Monats war das Tor der Männer – bis 1974 Bärbel Wohlleben kam. Sie schoss sich als erste Frau in die Sportschau. Und wunderte sich über viele blöde Fragen.

Andreas Teichmann (Foto) Bernd Müllender

Das erste „Tor des Monats“ einer Frau? Das schoss Bärbel Wohlleben vom TuS Wörrstadt am 8. September 1974. Es passierte im ersten Frauenfinale des deutschen Fußballs überhaupt gegen Eintracht Gelsenkirchen-Erle. „Aus gut 20 Metern hab ich einen abgewehrten Ball mit rechts getroffen“, erinnert sich die Schützin. „Vollspann mit etwas Außenrist, halbhoch rechts, das 3:0. Dass Kameras da waren, wusste ich. Aber erst Tage danach hat jemand gesagt, dass das in eine Auswahl zum Tor des Monats kommt.“ Der Titel war auch viel wichtiger: Deutsche Meisterin! 4:0 hatte Wörrstadt gewonnen.

Im März 1971, vor 35 Jahren, hatte die Sportschau das Tor des Monats erfunden. Wohllebens Treffer war der erste einer Frau, den die Männerriege der ARD in die Auswahl nahm. Drei Wochen nach Wohllebens Volltreffer „kam plötzlich der Anruf von diesem, wie hieß er noch …“ Huberty etwa? „Nein, der dann gestorben ist, der Oskar Klose!“

Bärbel Wohlleben, heute 62, ledig, aus Ingelheim bei Mainz, ist eine ruhige und bescheidene Frau mit rheinhessischem Dialekt. Man solle bloß nicht denken, dass sie wie einst Helmut Rahn oft angesprochen würde nach dem Motto: „Bärbel, erzähl mich dat Tor.“ Natürlich wüssten es alle Freunde und Nachbarn, und neulich noch habe sie jemand auf der Straße angesprochen: „Immer wenn ich Sie sehe, Frau Wohlleben, muss ich an das Tor des Monats denken.“ Aber so richtig wichtig ist es ihr nicht: „Schöne Sache, nette Nebenerscheinung, aber es hätte auch eine andere sein können.“

Zum Gespräch in einem heimischen Café bestellt sie einen Hagebuttentee. Die gelernte Anwaltsgehilfin arbeitet als Hausverwalterin und Übungsleiterin Sport an einer Hauptschule, nebenbei trainiert sie eine Mädchen-Elf und eine C-Jugend. Der Sport habe immer ihr Leben geprägt: Fußball ab zehn in der Schülermannschaft, gleichzeitig Leichtathletik, danach Handball.

Bärbel Wohlleben ging zu Oskar Klose ins Studio. Das erste Mal im Fernsehen. „Und ich wurde dauernd Sachen gefragt, die nichts mit dem Sport zu tun hatten: ob mein Partner das Fußballspielen akzeptiere, ob der Hausmann sei.“

Ein Video des Auftritts gibt es nicht. Wohl aber habe eine Bekannte alles direkt vom Fernsehen abfotografiert. Wenn sich Bärbel Wohlleben die Bilder heute ansieht, „kommen schöne Erinnerungen auf, aber mehr an die Zeit als an das Tor: Wie der Frauenfußball damals war, an Freundinnen, Gegner, die Reisen ins Ausland, zum Beispiel nach Turin zum Länderspiel. Da waren 10 000 Zuschauer.“ Seit 1969 hatte Wohlleben Vereinsfußball gespielt – erst in Wörrstadt für 50 Mark Benzingeld, später in Bad Neuenahr („Das war auch weiter weg“) gab es sogar etwas mehr. Das Trikot hat sie nicht aufgehoben, sondern aufgetragen. Und die Schuhe? „Die habe ich bis 1980 getragen. Und nach meinem letzten Spiel symbolisch auf dem Platz stehen lassen.“ Größe 37. Vielleicht die kleinsten, die je ein Tor des Monats schafften.

Politisch war Bärbel Wohlleben nicht („Politik verdirbt den Charakter“), und auch „keine Feministin“. Sie wollte schlicht Respekt für kickende Frauen. Und erlebte oft das Gegenteil: Männliche Zuschauer waren oft „so Gaffer, die ’ne Show sehen wollten, Frauen und Fußball, wie im Zirkus.“ Und auch beim DFB habe es „so mittelalterliche Typen“ gegeben. Sie sagt: „Die Männer waren nicht so weit, dass sie hätten emanzipiert sein wollen.“

Zeit fürs Mädchen-Training beim SV Gau-Algesheim, einem Weindorf zwischen Mainz und Bingen. „Hallo Bärbel“, rufen die Mädels zwischen neun und elf, die hier Anna, Hanna und Johanna heißen. Kurzes Passspiel, freilaufen. Bärbel Wohlleben lobt mit sanfter Stimme. „Bei mir“, sagt sie, „muss jede mindestens 200 Ballkontakte schon in der Aufwärmphase haben.“ Und kritisiert den heutigen Männerfußball: „Viel zu destruktiv, zu ergebnisorientiert, zu viel Taktiererei.“ Deshalb ist die Vorfreude auf die WM verhalten: Karten hat sie nicht, und wenn sie vom Verband welche bekäme, würde sie trotzdem nicht hingehen.

Die Mädchen wissen: Die Bärbel hat mal das Tor des Monats geschossen. Wohlleben lächelt. „Ich sag dann: Trainier gut, dann wird das vielleicht was bei dir.“ Dann schießt die neunjährige Hanna das Tor des Tages.

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