Zeitung Heute : Vollversammlung im Volkspark

In den neuen Großarenen boomt das Eishockey – nur die Fußball-Bundesliga hat mehr Zuschauer

Ulrich Brüning Claus Vetter

Von Ulrich Brüning

und Claus Vetter

Hamburg. Die Szenerie, die sich in den frühen Morgenstunden zum Montag im Hamburger Volkspark bot, war abenteuerlich. Bereits um drei Uhr gab es größere Ansammlungen von Menschen. Es waren keine Filmstars, derentwegen da mitten in der Nacht vor der Color Line Arena campiert wurde. Nein, dass Volk gierte nach ein paar Zetteln bedruckten Papiers: Vor den Kassen der Halle warteten Eishockey-Fans auf den Vorverkaufsbeginn für die ersten Play-off-Spiele der Hamburg Freezers.

Nachdem die Kassen dann um sieben Uhr endlich geöffnet hatten, ging alles ganz schnell. Um zehn Uhr waren alle 26 000 Karten für die beiden ersten Heimspiele der Freezers gegen Mannheim vergriffen. Derartiges hat es in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) noch nicht gegeben, und sicher haben die Freezers (Zuschauerschnitt bei Heimspielen 11 300) neben den Kölner Haien (Schnitt 13 000) eine Sonderstellung. Trotzdem, der Boom in Hamburg illustriert eine Entwicklung, die bei Gründung der Liga 1994 niemand vorausgesagt hat. Die DEL galt als unausgegorenes Experiment. Doch das war einmal. Seit ein paar Jahren geht es aufwärts, der Zuschauerschnitt ist in dieser Saison wieder einmal gestiegen, liegt nach der Hauptrunde bei über 5600 Besuchern pro Spiel. Damit hat die DEL – natürlich mit gehörigem Abstand zum Fußball – den zweithöchsten Besucherzuspruch im Land, vor der Handball-Bundesliga (Zuschauerschnitt: 4000) und vor Basketball (3400).

Nach dieser Erfolgsstory sah es vor zehn Jahren nicht aus. Kritiker wähnten mit der Gründung der DEL einen Traditionsverlust – hatte doch das Eishockey als erste Sportart in Deutschland im Jahr 1958 eine Bundesliga gegründet. In der DEL war nun alles anders, die Klubs firmierten nun als Kapitalgesellschaften, Wirtschaftlichkeit sollte Vorrang vor sportlichem Erfolgsdenken haben, Pleiten während der Saison vermieden werden – in der Bundesliga hatte es 16 Klubs erwischt. Nach zehn Jahren steht nunmehr fest: In der DEL ist wirklich vieles anders – und besser. Die einzigen Teams, die in der neuen Liga in der Spielzeit den Spielbetrieb einstellen mussten, waren 1994 die Maddogs München und die Kaufbeurer Adler – doch das ist schon fast acht Jahre her.

Nicht unschuldig am Boom um den Puck sind neben der wieder besser gewordenen Eishockey-Nationalmannschaft die neuen Großarenen im Land. Auf komfortablen Polstersitzen lässt sich Eishockey eben angenehmer genießen als in einer alten, zugigen Eishalle auf bierverklebten Stehplätzen. Hallen wie die Kölnarena (18 600 Plätze) oder Hamburg sprechen ein neues, familiäreres Publikum an. Kein Wunder, dass DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke die Liga „auf einem guten Weg“ sieht. „Die neuen Hallen haben den Aufschwung gebracht“, sagt er.

In dieser Hinsicht droht der DEL weiterer Fortschritt: Die Hannover Scorpions sind in die Preussag-Arena umgezogen (10 500 Zuschauerplätze), eine neue Arena in Krefeld wird im November eingeweiht und in Mannheim wird bereits an einer Arena gebaut, während in Berlin, Frankfurt und Düsseldorf Hallen geplant sind. In Berlin will Philip Anschutz, Eigner der Eisbären, eine Arena am Ostbahnhof errichten. Das Gelände hat die in Denver ansässige Anschutz-Gruppe bereits gekauft, der Baubeginn der Arena für 16 500 Besucher soll im Mai sein. Gut möglich, dass sich in ein paar Jahren am Ostbahnhof ähnliche Bilder abspielen wie am Montagmorgen im Hamburger Volkspark.

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