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Der Tagesspiegel

Von Rosemarie Stein

Einfach nur mit den Patienten zu reden, war den Schwesternschülerinnen verboten. Eine tat es trotzdem, galt daher als faul und wurde in einen Nebenraum geschickt, um Wattetupfer zu drehen. Da nahm sie die Kranke mit, die so dringend ein Gespräch brauchte. An die bösen Blicke der Oberschwester erinnert sie sich noch heute, nach 25 Jahren. Inzwischen ist sie Pflegedozentin, und es hat sich einiges geändert; wenig zwar an der Ausbildung der Schwestern und Pfleger, aber viel an der der Leitungskräfte.

Es wurde aber auch Zeit. In anderen europäischen Ländern qualifizieren sie sich schon seit langem an den Hochschulen, in den USA fing das sogar schon vor einem Jahrhundert an: 1899 wurde an der New Yorker Columbia University das erste Institut für Pflegewissenschaft eingerichtet. Bei uns aber kam man über ein paar Modellversuche lange Zeit nicht hinaus. Selbst als die EG 1985 einen höheren Standard für die Krankenpflegeausbildung festsetzte, änderte sich noch nichts an der im Niveau ungleichen Weiterbildung der Lehr- und Leitungskräfte. Aber auch „Pflege braucht Eliten“ – dies ist der Titel einer 1992 erschienenen Denkschrift der Robert Bosch Stiftung. Seither richteten deutsche Universitäten und Fachhochschulen etwa 50 Studiengänge ein.

Das gewährleistet aber noch nicht, dass das akademisch geschulte Lehrpersonal in der Pflegeausbildung auch tätig wird und sie endlich modernisiert. Um auch hierzu einen Anstoß zu geben, bat die Bosch Stiftung 1998 zehn Experten aus Praxis, Lehre und Wissenschaft, Vorschläge zu erarbeiten. Nachzulesen ist das Ergebnis in dem (bei Schattauer erschienenen) Buch „Pflege neu denken – Zur Zukunft der Pflegeausbildung“.

Diese recht revolutionären Vorschläge haben die Autoren inzwischen auf sechs Regionalkonferenzen überall in Deutschland der Fachwelt vorgestellt. Jetzt haben sie, gemeinsam mit der Bosch Stiftung, auch bei den Politikern für ihre neuen Ideen geworben, auf einem Parlamentarischen Abend in Berlin. Die herkömmliche Ausbildung genüge den Anforderungen nicht mehr, sagten Christel Bienstein und Angelika Zegelin vom Institut für Pflegewissenschaft der Universität Witten-Herdecke. Noch immer ist sie auf die stationäre Pflege akut Kranker fixiert, noch immer gelten die überwiegend weiblichen Pflegenden in der Krankenhaus-Hierarchie als Angehörige eines ärztlichen Hilfsberufs.

Für die Assistenz des Arztes bei Untersuchungen und Therapien ist zwar hohe Fachkompetenz nötig. Aber auch die eigentlichen Pflegeaufgaben gehen weit über die Körperpflege Kranker hinaus. Auf jeden muss man sich neu einstellen, jeden einzelnen samt seinen Angehörigen individuell beraten. Dabei kommt es darauf an, die chronisch Kranken, heute die große Mehrheit, zu befähigen, sich soweit wie möglich selbst zu helfen, also ihnen ihre Mobilität und Alltagskompetenz zu erhalten oder wieder herzustellen.

Bei den immer kürzeren Klinikaufenthalten dürfte die häusliche Pflege künftig dominieren, die Selbstständigkeit und Entscheidungsfähigkeit erfordert. Und mit zunehmender Lebenserwartung wird die Zahl der Pflegebedürftigen weiter steigen. Die Ausbildung muss also berufliche Orientierungen einbeziehen, die darin noch fast ganz fehlen, sagte auch Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg: Präventive und rehabilitative, edukative und heilpädagogische Aspekte. Hinzu kommt eine palliative – leidenslindernde – Orientierung: Hospize für Sterbende werden in der Regel von Pflegekräften geleitet.

Frank Weidner, Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung in Köln, skizzierte die Grundlagen einer Ausbildungsreform: Die strenge Trennung in Hebammenwesen, Kinderkrankenpflege, Krankenpflege und Altenpflege sollte aufgehoben werden. Das ist international üblich und entspricht den Anforderungen an den Beruf. Spezialisieren kann man sich später.

Der Flexibilisierung dient das durchlässige „Stufenmodell“, ebenfalls aus dem Ausland bekannt: Nach zweijähriger Pflegefachausbildung mit Abschluss kann man sich für schwierigere Pflegeaufgaben in weiteren zwei Jahren qualifizieren, laut Weidner „eine bedarfsgerechte und arbeitsmarktorientierte Entscheidung“. Drittes Reformprinzip neben Generalisierung und Flexibilisierung ist eine stärkere Professionalisierung. Die Pflegekraft der Zukunft muss auf breiter fachlicher Basis selbstständig und verantwortlich arbeiten und sich dabei an pflegewissenschaftlich fundierte Qualitätsstandards halten können.

Die Experten empfehlen, neue Ausbildungsformen in Modellversuchen zunächst zu erproben. Die Robert Bosch Stiftung (Telefonnummer: 07 11 / 460 84 77) hat einen Ideenwettbewerb für zukunftsfähige Ausbildungskonzepte ausgeschrieben. Am Ende des Parlamentarischen Abends stand die Anregung, alle Initiativen zur Ausbildungsreform zu vereinen – in einem „Bündnis für Pflege“.

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