Zeitung Heute : Vom Berg erschlagen

An jeden Hang krallen sich Zelte, starr vom Raureif. Der Winter ist da in Pakistan – und die Opfer des Bebens sind ohne Obdach

Ruth Ciesinger[Islamabad]

Irgendwann hat der Vater aufgegeben. Mit den Fingern, sagt er, hat er noch versucht, seinen fünfjährigen Sohn aus den Trümmern, die einmal ein Haus waren, auszugraben. Aber manche Steinbrocken können selbst seine Hände nicht bewegen, die das Leben nahe dem Himalaya breit und stark gemacht hat, in die es tiefe Rillen gefurcht hat. Da hat Mohammed Nazeer den kleinen Körper unter den Brocken ruhen lassen. Das Beben, das im Norden Pakistans am 8. Oktober und noch mehrmals danach die Berge erschüttert hat, hat der Bauer überlebt. Aber sonst hat ihm die Erde alles genommen. Weil so niemand den Winter übersteht, ist er mit seiner Frau und drei Kindern aus seinem Dorf hinunter gestiegen nach Muzaffarabad. Oder dem, was von der Provinzhauptstadt noch übrig ist.

Mitte November wärmt die Mittagssonne noch einmal das Flüchtlingslager auf dem Campus der alten Universität; nachts wird es schon eisig kalt. Wie eine Wand steht am Eingang der Dunst von 16 Plumpsklos, die für viele, viele Menschen reichen müssen. Er wabert durch die engen Spalten zwischen den Zelten und mischt sich mit dem Rauch kleiner Feuer. Etwa 3000 Flüchtlinge leben auf dem früheren Sportplatz, schätzt der Mitarbeiter von „Humanity first“, einer Hilfsorganisation, die hier mit mehreren Ärzten arbeitet. Trotzdem ist es still. Kinder wie Erwachsene hocken vor den Zelten und sagen wenig, niemand läuft herum, kein Kind spielt. Mohammad Nazeers Tochter, drei Jahre ist sie alt, drückt sich in die abgenutzten Stuhlpolster, die jemand im Zelt der Familie auf die krümelige braune Erde geworfen hat. Sie ist barfuß. Regnet es, steht dort, wo Eltern und Kinder schlafen, in Minuten das Wasser.

Viele im Lager haben Fieber und Durchfall, sagt Mohammed. Weil die Hygieneverhältnisse eine Katastrophe sind, der Platz überfüllt ist und die Flüchtlinge inzwischen wieder aus den Lagern raus sollen, hat man beschlossen, das Camp aufzulösen. Sie sollen umziehen, es gibt neue, besser angelegte Lager, sagt ein UN-Mitarbeiter. Seit mehreren Tagen haben sie deshalb kein Essen mehr zur alten Uni gebracht. Für Mohammed Nazeer ist das nicht mehr zu begreifen. Er glaubt, jetzt völlig allein zu sein. Wenn nachts die dünnen Zeltplanen steif von Raureif werden und er vor Kälte nicht schlafen kann, sagt er, wünscht er sich, doch noch zu sterben.

Fast drei Millionen Menschen sind jetzt obdachlos, heißt es, die Zahl der Toten differiert immer noch stark. In Muzaffarabad sind die meisten in ihren Häusern gestorben, in den Schulen, als die Betondächer alles und jeden begruben, wie große graue Grabplatten; weiße Flecken an den Hängen rund um die Stadt zeugen schon aus der Ferne vom Schicksal: Weiße Steine markieren die Grabstellen tausender Menschen. Aber gleichzeitig sind von den Hängen und Gipfeln die herbeigeströmt, die noch laufen konnten. Etwa 290000 werden jetzt allein in der Gegend um Muzaffarabad versorgt, schätzen die UN, und täglich treffen hunderte weitere ein. Das wird teuer; und die Hilfsorganisationen setzen alle Hoffnung in die große Geberkonferenz, die an diesem Samstag in Islamabad stattfindet.

In den Hang über dem Fluss Jhelum hat die Armee eine neue Straße in den Hang gehauen. Männer und Frauen drängen sich über die Piste aus Schlaglöchern und Steinen, gefährlich nah am Abhang. Ab und an bahnt sich hupend ein Wagen den Weg. Vor einer Ladenzeile, die nicht eingestürzt ist, wird Pepsi verkauft, Nüsse oder Konservendosen. Wer Geld hat, kann sich hier Essen kaufen.

Mohammed Nazeer hat gar nichts mehr. Sein weites Hemd und seine Hose hat er aus Kleiderspenden zusammengeklaubt. In seinem Dorf, erzählt er, steht kein Stein mehr auf dem anderen. Die meisten Familien hätten drei und mehr Tote zu beklagen, viele seiner Nachbarn, die krank sind und alt, haben es nicht bis in die Stadt geschafft. Ob Hilfe zu ihnen gekommen ist, weiß er nicht. Dann gab es andere, die ihren Grund nicht verlassen wollten – und immer noch nicht gehen. Sie haben Angst. Davor, dass sie nicht wieder zurückkommen. Dass Plünderer in den Steinen doch noch den verlorenen Brautschmuck finden. Und sie wollen ihre Tiere nicht zurücklassen. Auf etwa zwei Millionen Menschen schätzt die UN die Zahl derjenigen, die für den Winter Hilfe brauchen. Ganz Kaschmir hat sich in eine Zeltstadt verwandelt. An fast jedem Hang, auf jeder Kuppe krallt sich neben einem Haufen Schutt ein Zelt fest. Meist sind es nur notdürftig zusammengeflickte Tücher und Planen, kein Schutz vor meterhohem Schnee und Eis.

Winterfeste Zelte brauchen sie deshalb, diesen Chor singen die Hilfsorganisationen seit Wochen, und Pakistans Armee, die die Hilfe koordiniert, stimmt darin ein. Am Anfang ist das Militär schwer kritisiert worden. Dass die Soldaten viel zu spät gekommen sind, sich erst um die eigenen Verluste gekümmert haben und dann um die Menschen in Not, und dass es die religiösen Organisationen waren, die am schnellsten geholfen haben.

General Farooqs Blick wird ganz dunkel, wenn er solche Vorwürfe hört. Er koordiniert die Erdbebenhilfe seit dem 10.Oktober, gleich am Vormittag seien die Truppen damals nach Kaschmir aufgebrochen, sagt er. Es brauche eben Zeit, 30000 Soldaten aus dem ganzen Land abzuziehen. Etwas über 50 dürfte Farooq sein, sein genaues Alter will er nicht sagen, da ist der drahtige Soldat mit dem adrett gestutzten Bart eitel. In seinem Büro im Amt des Premierministers in Islamabad wird morgens um einen langen Tisch herum die Lage besprochen, auf die Stuhllehnen sind kleine Namensschilder genagelt. Farooq zählt auf. Tote: In ganz Asad-Kaschmir und in den Nördlichen Gebieten mindestens 73000, es können noch mehr werden. Verletzte: 69000 Menschen schwer, 58000 weitere leicht. Beschädigte oder zerstörte Häuser: 200000 allein in Kaschmir. An der Holzwand in der einstöckigen Militärbaracke in Muzaffarabad hängt eine Karte mit dem Einsatzgebiet der Armee in Asad-Kaschmir. Sie ist vor allem gelb. Gelb bedeutet, dass das Beben am 8. Oktober 70 bis 80 Prozent aller Häuser, Straßen und Brücken zerstört hat. Muzaffarabad, das ganz in der Nähe des Epizentrums liegt, ist gelb. Ein einzelner Bagger sitzt wie eine Fliege inmitten der grauen Steinwüste.

Der Wiederaufbau wird mindestens drei Jahre dauern. Und viel Geld kosten. 5,2 Milliarden Dollar, diese Summe hat Präsident Pervez Musharraf immer wieder genannt, und die Weltbank hat die Zahlen kurz vor der großen Geberkonferenz heute in Islamabad bestätigt. UN-Generalsekretär Kofi Annan ist nach Pakistan gereist, Zeitungen berichten von 75 Staaten, die ihre Teilnahme zugesagt haben. Auch Deutschland hat nachgelegt und 44 Millionen Euro für den Wiederaufbau versprochen. Aber bis jetzt sind noch nicht einmal jene 550 Millionen Dollar da, die die Erdbebenopfer über die kommenden sechs Monate, über den Winter bringen sollen.

„Die Menschen hier sind Schlimmes gewohnt“, das sagen die Soldaten hier. Aber manche Dinge sind kaum mehr zu ertragen. Nahe bei dem Zelt von Mohammed Nazeer hat Neek Alan einen schmalen Graben um sein wackeliges Schlaflager ausgehoben, Brackwasser schwappt darin, Schmeißfliegen surren darüber. Alans Wangen unter dem dünnen Bart sind eingefallen, die ganze Gestalt ausgemergelt und erschreckend dünn. Der 46-Jährige verschwindet zwischen den Plastikplanen und taucht mit einem Bilderrahmen wieder auf. Fotos stecken darin. Ein Bild seiner Frau und das zweier Kinder stecken darin. Seine Frau ist tot, sagt er, erschlagen vom Berg. Auch die beiden Kinder sind tot und zwei weitere der Geschwister. Er selbst hat seit Tagen nichts mehr gegessen. Er sieht nicht so aus, als ob er noch die Kraft hat, wieder weiter zu ziehen.

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