Zeitung Heute : Vom Buddelschiff zum Luxus-Liner

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Wer sich schon seit frühester Kindheit an Modellbaukästen für Schiffe, Autos oder Eisenbahnen versucht hat, muß für diesen Beruf nicht zwingend geschaffen sein. Denn der Modellbauer fügt keine fertigen Teile nach Anleitung zusammen. Hier wird vom Balkongitter für das Architekturmodell bis zum Miniatur-Schornstein des Luxus-Liners alles per Hand gefertigt. "Jeder, der diesen Beruf lernen will, braucht unbedingt ein abstraktes Vorstellungsvermögen", sagt Modellbaumeister Richard Georgi. Denn die Auftraggeber legen in der Regel lediglich komplizierte Baupläne vor, nach denen dann die Modelle - seien es nun Gebäude, Parkanlagen oder Schiffe - hergestellt werden sollen.

Auch Ronald Landvoigt hat zunächst an seine Modellbaukästen gedacht, als er zum ersten Mal vom Modellbauer als Ausbildungsberuf gehört hat. "Ich war im Berufsinformationszentrum und habe dort den Computer mit meinen Angaben, Wünschen und Interessen gefüttert", erinnert sich der 19-Jährige. Nach einigen Bewerbungen fand er schließlich eine Lehrstelle in der Pankower Firma "MB Modellbau". "Bisher habe ich fast nur an Schiffsmodellen mitgebaut", erzählt Landvoigt. Seine Freunde fragten ihn immer wieder, was "man so mache" als Modellbauer. "Die wissen oft nicht, dass wir jedes kleinste Teil selber herstellen müssen", sagt er. Bis auf die winzigen Liegestühle, die auf dem Deck eines Modell-Kreuzfahrtschiffes angebracht sind, ist alles andere handgemacht.

Als Modellbauer braucht man nicht nur eine ruhige Hand, sondern muß sich schon vorher vorstellen können, wie das fertige Objekt aussehen soll. "Im ersten Lehrjahr bekommen die Auszubildenden zunächst eine Art Mechanikerausbildung, wobei sie lernen, mit Messing und anderen Metallen zu arbeiten", sagt Firmenchef Georgi. Später arbeiten die Lehrlinge an den großen Modellen mit, so dass sie nach drei Jahren Ausbildungszeit zumindest die unkomplizierten Aufträge selber übernehmen können. "Große Projekte sind oft so komplex, dass man dazu noch einige Jahre Berufserfahrung braucht", sagt Georgi.

Doch mit Ausbildung und Berufserfahrung allein wird niemand ein Modellbauer. Wie in allen Ausbildungsberufen ist auch hier der schulische Teil wichtig. Einmal wöchentlich und einmal im Monat an zwei Tagen müssen sie die Theorie pauken. Auf dem Stundenplan stehen Fächer wie Sozialkunde, Mathematik, Fachkunde und Technisches Zeichnen. In den ersten anderthalb Ausbildungsjahren sitzen die Anschauungsmodellbauer - wie der Beruf ganz genau heißt - und die Gießerei-Modellbauer zusammen im Unterricht. Danach werden sie nach Fachrichtungen getrennt.

Das Einstiegsgehalt des Anschauungsmodellbauers liegt bei 2000 bis 2300 Mark. Wer auf Honorarbasis arbeitet, kann mehrere tausend Mark je Modell verdienen. "Allerdings kann es auch Zeiten geben, in denen der freie Modellbauer kaum etwas verdient, weil er keine Aufträge hat", räumt Georgi ein. Gerade unter Architekturstudenten seien die Modellarbeiten eine willkommene Einkommensquelle.

Ronald Landvoigt will aber nach dem Wehrdienst versuchen, bei seinem Lehrmeister wieder eine Anstellung zu bekommen. "Ich möchte zunächst etwas Festes haben, dann kann ich mir immer noch überlegen, was ich machen will", sagt der 19-Jährige.

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