Zeitung Heute : Vom Bücherwurm zum Businessman

Geisteswissenschaftler sind für die Wirtschaft überraschend attraktiv: Sie bringen Farbe in Beraterteams und Personalbüros

Carina Groh

„Olen opiskellut fennistiikkaa ja haen yrityskonsultin paikkaa.“ Das ist Finnisch und heißt: „Ich habe Fennistik studiert und bewerbe mich hiermit als Unternehmensberater.“ Ungewöhnlich ist das nicht, auch wenn es irgendwie so klingt. Immer mehr Geisteswissenschaftler, die bekanntlich während ihres Studiums schon lernen, über den Tellerrand hinaus zu blicken, wagen den Sprung in neue, in wirtschaftswissenschaftliche Gefilde.

„Geisteswissenschaftler bereichern unsere Beraterteams“, sagt Sven Breipohl, Personaldirektor bei der Strategieberatung Roland Berger. „Das Studienfach ist bei uns nicht entscheidend, wir suchen neue Mitarbeiter vielmehr aufgrund der persönlichen Fähigkeiten und des Entwicklungspotenzials aus.“ Breipohl erwartet von Bewerbern die Fähigkeit zu strukturellem Denken, Sozialkompetenz und Kreativität. Zwei Mal pro Woche veranstaltet die Strategieberatung Recruiting-Tage in München, zu denen je zehn Bewerber eingeladen werden. „Rund fünf Prozent davon sind Geisteswissenschaftler“, sagt Sven Breipohl. „Ein Absolvent der Fennistik hat im Auswahlverfahren die gleichen Chancen wie ein Betriebswirt. Für uns ist soziale Kompetenz genauso wichtig wie Fachwissen.“

Allerdings erwarten viele Unternehmen durchaus das ein oder andere Indiz dafür, dass der Bewerber betriebswirtschaftlich affin und wirtschafswissenschaftlichen Themen nicht abgeneigt ist. Der Impuls hierfür ist häufig ein Industriepraktikum oder Erfahrung in der elterlichen Firma. Durch Training-on-the-job und begleitende Seminare lernen die neuen Mitarbeiter sehr schnell die notwendigen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse.

Leider nicht „on the job“ sind derzeit sechs Prozent aller Germanisten, Historiker oder Anglisten. Deren Arbeitslosenquote liegt zwei bis drei Prozent oberhalb des Durchschnitts aller Akademiker. Auch deswegen versuchen sich immer mehr Geisteswissenschaftler als Konkurrenz zu Wirtschaftswissenschaftlern. Dabei sichern sie sich einen entscheidenden Vorteil, wenn sie zusätzlich betriebswirtschaftliches Know-how vorweisen können und Gewinnerzielungsabsichten nicht unmoralisch finden.

Den „schwarzen Gürtel“ in Ökonomie brauchen Geisteswissenschaftler trotzdem nicht abzulegen, um in der Wirtschaft Fuß zu fassen. Gerade im Bereich Marketing, Personalentwicklung und Unternehmenskommunikation gibt es viele Einsatzmöglichkeiten. „Oft weiß man gar nicht, worauf man sich bewerben soll oder kann“ sagt Vanessa Dippel, die auf der Internetplattform Xing das Forum „Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft“ moderiert. Auf der Webseite, die unter dem Namen Open Business Club (openBC) vor vier Jahren bekannt wurde, können geschäftliche Kontakte geknüpft werden. Dippel, die selbst als studierte Germanistin mit einer PR-Agentur den Einstieg in die Wirtschaftswelt gepackt hat, weiß, was Geisteswissenschaftler auszeichnet: „Die Fähigkeit, einen Sinnzusammenhang herzustellen, Problemfelder zu finden und Lösungsansätze zu erarbeiten, das sind einige der ausgezeichneten Qualifikationen, mit denen sie sich am Markt anbieten können.“ Leider hätten einige Geisteswissenschaftler falsche Vorstellungen von Wirtschaftsunternehmen und damit eine große Hemmschwelle, in diese Welt hineinzuschnuppern.

Das Chemieunternehmen BASF will diese Hemmschwelle senken und kommt Interessierten auf halber Strecke entgegen. Der Konzern bietet zwei Mal im Jahr Seminare für Geistes- und Sozialwissenschaftler an. „Wir wollen die Gelegenheit geben, unternehmerische Zusammenhänge nachzuvollziehen und neugierig auf die Wirtschaft machen“, sagt Elisabeth Schick, Leiterin Unternehmenskommunikation Europa. „Der globale Wettbewerb fordert hoch qualifizierte und kreative Spitzenkräfte aus verschiedenen Studienrichtungen.“

Ob Kunsthistoriker, Romanist oder Philosoph: Trotz aller Kontakte gibt es in der Berufswelt Bereiche, in denen Geisteswissenschaftler als „schwer vermittelbar“ gelten. „Schwierig könnte es werden, wenn sich beispielsweise ein Germanist als Controller oder im Finanzbereich bewirbt“, sagt Susanne Böhlich, Abteilungsleiterin Personalentwicklung bei der Deutschen Post in Bonn. „Im Bereich Unternehmenskommunikation kann das aber wieder besser passen.“ Vor kurzem erst habe sie eine junge Geisteswissenschaftlerin eingestellt, die durch Lebenslauf und Auslandserfahrung überzeugt und vorab ein Praktikum im Unternehmen gemacht hat. „Es spielt – je nach Einsatzbereich – nicht immer eine Rolle, was der einzelne studiert hat“, betont Böhlich. „Wichtig sind analytische und Problemlösungsfähigkeiten und das, was der Bewerber bisher in seinem Leben gemeistert hat.“

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