Zeitung Heute : Vom Clown zum Manager

REGINA KÖTHE

"Was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?" Wer erinnert sich nicht an diese Frage von Bekannten oder Verwandten, die in der Kindheit hartnäckig auf einen niederging.Ein "Clown im Zirkus" wurde als Erwiderung nur selten akzeptiert.Kinder lernen schnell, auf diese Frage mit der "gewünschten" Antwort zu reagieren, und als Erwachsene setzen sie dieses Verhalten fort, sagt Uta Glaubitz.Anstatt den eigenen Ideen zu folgen, werden "Vernunft", Verdienstmöglichkeiten und Sicherheit zu Entscheidungskriterien für die Berufswahl.Auf der Strecke bleiben dabei oft die Inhalte der Arbeit und die eigene Motivation.

Uta Glaubitz veranstaltet keine Bewerbungstrainings, sondern seit zwei Jahren Workshops zur "individuellen Berufsfindung".In übersichtlichen Gruppen von bis zu fünf Teilnehmern arbeitet sie die persönlichen Berufsziele heraus und entwickelt mit den Teilnehmern Strategien, wie diese zu erreichen sind.Im Mittelpunkt stehen die Fragen: Was kann ich? Was will ich? Wo kann ich meine erkannten Fähigkeiten einbringen?

Hauptsächlich Hochschulabsolventen, darunter viele Ingenieure und Juristen, sowie Frauen, die mit ihrer jetzigen Arbeit unzufrieden sind, nehmen an den Seminaren teil."Worauf sind sie wirklich stolz? Was würden Sie tun, wenn es keine Hindernisse gebe?" Mit diesen Fragen überrascht die Trainerin ihre Kursteilnehmer.Nach kurzem Zögern fällt jedem etwas ein und die Teilnehmer fesseln sich gegenseitig mit ihren berichten."Sie merken sofort, wo die Motivation sitzt, wenn jemand etwas erzählt", berichtet Uta Glaubitz.Die Analyse der Berichte dient dazu, die Interessen einer Person an konkreten Beispielen faßbar zu machen.Hier liegen oft Fähigkeiten und vor allem Motivationen versteckt, die auch fürs Berufsleben genutzt werden können.Das Konzept ihres Workshops hat Uta Glaubitz in einem jüngst erschienenen Buch zusammengefaßt: "Der Job, der zu mir paßt" (Campus Verlag, 29 Mark 80) ist ein Arbeitsbuch, mit dem der Leser anhand von Fragen und Übungen seine Berufsziele selbständig erarbeiten kann.

Die Frage nach dem "passenden Job" betrifft nicht nur einige Unentschlossene, sondern ist ein weitverbreitetes Phänomen.Weder Schule noch Hochschule bereiten Schüler und Absolventen auf die Berufswahl und Arbeitssuche vor.Viele Studiengänge an den Hochschulen haben kein konkretes Berufsziel.Dieses muß parallel zum Studium oder danach entwickelt werden.Hier bietet das deutsche Bildungssystem wenig Unterstützung an, sagt John C.Webb, der seit mehreren Jahren nach amerikanischem Vorbild Berufsorientierungskurse an deutschen Universitäten und Schulen anbietet.In den USA ist es seit zwanzig Jahren üblich, solche Kurse durchzuführen.Seiner Meinung nach fehlt den deutschen Studenten schlicht das Know-how, sich und den Arbeitsmarkt einzuschätzen und selbst aktiv zu werden.

Seine Fähigkeiten als "Leistungspaket" anzusehen, für das man potentielle Märkte suchen kann, dieser Gedanke ist vielen Kursteilnehmern zuerst fremd.Und über seine Fähigkeiten offen zu sprechen, wird als peinlich erlebt."Sagen Sie mal, warum Sie die passende Mitarbeiterin sind?" Diese Frage während eines Vorstellungsgesprächs löst bei den meisten Menschen eher Entsetzen als Begeisterung aus.Anstelle einer munteren Antwort verfallen auch Akademiker häufig ins Stammeln oder verstecken sich hinter Allgemeinplätzen und Floskeln.John C.Webb arbeitet mit seinen Gruppen über einen Zeitraum von zweieinhalb Wochen."Man kann Ihnen viel erzählen, was Sie tun sollen.Es geht darum, daß Sie es selbst machen und üben", erklärt er.

Die Uni Münster bietet seit 1996 dreimal jährlich den Kurs "Vom Diplom zum Beruf" mit großem Erfolg an, wie Klaus Pott, Leiter der Weiterbildung, bestätigt.Die eingehende Analyse der Fähigkeiten dient dazu, sein eigenes Potential zu erkennen."In Studien wurde belegt, daß der Mensch durchschnittlich nur ein Prozent seiner Fähigkeiten benennen kann", sagt John C.Webb.Diese Aussage verdeutlicht, wieviel ungenutztes Potential aktivierbar ist.

An diesem Punkt setzt auch Karl-Heinz Albers an, der bei Perspektive e.V.Beratung und Kurse anbietet.Seine Zielgruppe sind weniger Hochschulabsolventen, sondern Menschen mit mehrjähriger Berufserfahrung, die unzufrieden mit ihrer Arbeit oder arbeitslos sind.Eine konkrete und realistische Vorstellung von Arbeitsmöglichkeiten zu entwickeln und gleichzeitig die Persönlichkeit zu stärken, sind für ihn die beiden wesentlichen Aspekte der Beratung.Ein Kompromiß zwischen Wunsch und Realität soll gefunden werden."Manchmal müssen wir den Traumberuf auch auf ein realistisches Maß herunterbrechen." Doch vorher gilt es den Mut zum Träumen zu haben.

Uta Glaubitz, Wie finde ich den Job, der zu mir paßt?, Vortrag in der Urania, Freitag, 9.April, 15 Uhr 30.

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