Zeitung Heute : Vom Elfgeschosser zur Stadtvilla

Der Tagesspiegel

Cottbus. Mehr als ein viertel Jahrhundert wohnte das Cottbuser Ehepaar Peter und Erika Schrödter im fünften Stockwerk eines elfgeschossigen Plattenbaus. Jetzt ziehen die beiden in das zweigeschossige Haus mit der Nummer 9b, das seit Freitag fertig an der Theodor-Storm-Straße steht. „Die Treppe und der Hausflur sind wie in einem Plattenbau“, meint Peter Schrödter. Sonst erinnert wenig daran, dass die in grau gehaltene, eckige Stadtvilla aus den Überresten eines behutsam abgerissenen Hochhauses entstanden.

Die Gemeinnützige Wohnungsbaugenossenschaft (GWG) ließ in einem von Bund, Land und Kommune geförderten Modellprojekt einen 20 Jahre alten Riesen demontieren. Mit 30 Prozent der alten Platten entstanden am selben Ort fünf kleine Häuser mit 13 Wohnungen zwischen 55 und 112 Quadratmetern. „Wir ließen den Film der Montage rückwärts laufen“, erklärt der Technische GWG-Vorstand, Rüdiger Kießlich.

Dass ihr künftiges Domizil aus 25 Jahre alten Betonplatten besteht, bereitet Erika Schrödter (53) keine Kopfschmerzen: „Hätten Sie gesehen, dass es ein Plattenbau ist? Ich nicht.“ Mit Vollwärmeschutz und Innenputz gleicht das Haus tatsächlich gängigen Neubauten. „Hier gefällt es mir - und meinem Mann auch“, sagt Erika Schrödter energisch. Die beiden Pächter einer kleinen Gaststätte können es kaum erwarten, den Schlüssel für ihr Traumhaus in den Händen zu halten. Mit zwei weiteren Familien werden sie künftig unter einem Dach leben.

„Im alten Haus stimmt das Umfeld nicht mehr“, sagt Peter Schrödter (62), „wir wollten da weg.“ Viele ehemalige Nachbarn sind bereits aus den Elfgeschossern ausgezogen, ganze Quartiere stehen leer. Das Ehepaar Schrödter wünschte sich endlich ein besseres Wohnumfeld: „Als wir von den Stadtvillen hörten, haben wir uns sofort beworben.“ Weil sie seit mehr als 30 Jahren zur Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft Cottbus gehören, bekamen die Gastwirte am Ende tatsächlich den Zuschlag für eines der begehrten Stadthäuser. Für die 13 Wohnungen in den fünf Häusern lagen 60 Bewerbungen vor - deutlich mehr, als die Genossenschaft erwartet hatte, als sie das Pilotprojekt startete.

Besonders für die große Küche, das Bad und das größere Wohnzimmer schwärmt Erika Schrödter. Ihr Mann begeistert sich für die Terrasse an der Südseite. Noch ist nicht alles perfekt. Eine Tür öffnet zur falschen Seite, im Bad fehlen Fliesen, über abschließbare Jalousien wird noch verhandelt. Aber das Positive überwiegt: „Die Wohnung ist größer, 85 Quadratmeter statt bisher 72, drei größere Zimmer statt der zwei und der zwei halben.“ Dafür müssen die Schrödters jetzt fünf Euro kalt pro Quadratmeter auf den Tisch legen. Früher reichten 380 Euro für die Warmmiete.

Bis zu ihrer Gaststätte brauchen die Wirtsleute nur zehn Minuten. Und ihr Nachbar im ersten Haus der Einfamilienhaussiedlung, die beim Hochhausbau vor 25 Jahren stehen blieb, ist ein alter Bekannter. Mit Siegfried Becker spielte Peter Schrödter schon als Kind Fußball. Einmal pro Woche dreschen sie Skat. „Da wird uns das Einleben nicht schwer fallen“, meinen die Schrödters unisono. Und ruhiger als im Hochhaus mit 88 Mietparteien wird es auf jeden Fall: „Dort wurde es einfach zu laut, gab zu viel Streit.“

Im Vorfeld gab es Kritik an dem Projekt, selbst Brandenburgs Bauminister Hartmut Meyer (SPD) gestand, erst misstrauisch gewesen zu sein. „Rechnet sich das?“, sei die bange Frage gewesen, wie sich Kießlich erinnert. Da es aber keine Transportkosten gab und die alten Platten in gutem Zustand waren, lagen die Kosten von 1,7 Millionen Euro etwa 15 Prozent unter denen eines kompletten Neubaus. „Im Grunde genommen haben wir bewiesen, dass es geht.“

Wie Meyer ergänzte, konnte der alte Plattenbau ohnehin nicht mit dem Bagger abgerissen werden, da er mit einem Nachbarhaus verbunden war. „Die Einzelteile musste Stück für Stück entfernt werden.“ Daher könne das Projekt auch nicht an jedem beliebigen Ort wiederholt werden. Zudem sei der Überhang an leer stehenden Wohnungen in Brandenburg „unheimlich groß“. Im vergangenen Herbst wurde die Zahl vom Potsdamer Bauministerium mit 150 000 angegeben. Der Leerstand in den Außenregionen Brandenburgs wurde auf 14,5 Prozent geschätzt.

Auch in Cottbus entstand das Modellprojekt aus der Not heraus: 1989 lebten in der größten Plattenbausiedlung des Landes knapp 30 000 Bürger - heute sind es noch 24 000. Ob das Projekt in Cottbus wiederholt wird, ist noch offen. Kießlich sagt: „Wir prüfen, an welchen Stellen wir ähnliche Bedingen wie hier vorfinden.“ dpa

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