Zeitung Heute : „Vom Erfolg verblendet“

Der Stadtplaner Johannes Novy kritisiert, dass Berlins Tourismus die falschen Ziele verfolgt

Johannes Novy (34) forscht am Center for Metropolitan Studies der TU Berlin, unter anderem über Stadtentwicklungspolitik. Er ist außerdem Mitglied der Grünen. Foto: TU/Dahl
Johannes Novy (34) forscht am Center for Metropolitan Studies der TU Berlin, unter anderem über Stadtentwicklungspolitik. Er ist...

Herr Novy, der Tourismus in Berlin boomt, seine Entwicklung nach der Wende ist eine Erfolgsstory. Sie aber kritisieren die Tourismuspolitik des Berliner Senats.

Da muss ich etwas richtig stellen: Ich kritisiere vor allem, dass es in Berlin kaum eine Tourismuspolitik gibt. Die Berliner Politik hat es bislang versäumt, wichtige Debatten darüber zu führen, wie sich der Tourismus in der Stadt entwickeln soll. In den vergangenen 20 Jahren wurde sich fast ausschließlich mit Besucherzahlen und dem erwirtschafteten Umsatz befasst. Jenseits seines ökonomischen Nutzens und der Verkündung immer neuer Übernachtungsrekorde gab es keine Diskussion über übergeordnete Werte und Ziele, zum Beispiel über nachhaltigen Tourismus. Dass in den stark frequentierten Innenstadtbezirken Akzeptanz- und Verträglichkeitsprobleme immer offener zu Tage treten, ist nicht zuletzt ein Resultat dieser Politik. Sie ist vom Erfolg verblendet.

Aber der ökonomische Nutzen ist für Berlin enorm wichtig. Wir wissen ja vom Regierenden Bürgermeister, Berlin ist arm dran. Da ist es doch gut, eine solche Wachstumsbranche wie den Tourismus zu haben.

Natürlich, aber es ist nicht nachhaltig und damit für die Entwicklung des Tourismus kontraproduktiv, alles einseitig an Wachstumskennzahlen auszurichten. Wie brauchen eine intensivere Diskussion über einen Tourismus, der unterschiedliche Interessen berücksichtigt, der Berlins Off-, Kiez- und Kreativkultur nicht plattmacht, und eine Debatte über den Zusammenhang von Tourismus, Aufwertungstendenzen von Stadtteilquartieren und ihrer Gentrifizierung.

Warum finden diese Debatten nicht statt?

Weil sich die Politik bis heute primär darauf beschränkt zu schauen, was die Stadt für den Tourismus tun kann. Die positiven wie problematischen Effekte des boomenden Tourismus zwingen aber zu fragen, was er mit Berlin macht und was er für die Stadt tun kann. Die Rolle des Tourismus’ als wichtiger Faktor in den Prozessen der Stadtentwicklung wurde bisher kaum gesehen. Durch den Wegfall des „Zweckentfremdungsverbotsgesetzes“ im Jahr 2002 sind zum Beispiel Tausende von Wohnungen in Ferienwohnungen umgewandelt worden. Weitere Probleme sind der bislang unkontrollierte Hotelboom und die Homogenisierung der Einzelhandelsstruktur durch Gastronomie, Souvenirläden und Geschäfte im Kreativ- und Fashion-Bereich – alles Angebote, die für den Tourismus relevant sind. Im Gegenzug verschwinden die Läden, die für den Alltag der Bewohner wichtig sind. Dabei könnte man den Tourismus dafür nutzen, genau diese Einzelhandelsvielfalt und Kleinteiligkeit zu erhalten, nicht zuletzt, weil sie die Attraktivität des Tourismusstandorts mitbestimmen.

Das Problem wird also in zu eng gefassten Grenzen betrachtet?

Genau. Man muss Tourismusentwicklung zusammen denken mit Fragen der Quartiers- und Stadtteilentwicklung, der Kulturpolitik, der Mietenpolitik, der Beschäftigungspolitik. Nehmen wir das Feld der Beschäftigung. Wir hören viel über den Job-Motor Tourismus, aber wenig darüber, ob sich dahinter hauptsächlich Billig-Lohn-Jobs oder qualifizierte Berufe verbergen.

Woran zeigt sich, dass Berlins Tourismus Ihrer Meinung nach nicht nachhaltig ist?

Ein Beispiel ist die fortschreitende touristische Überformung einzelner Quartiere. Diese Entwicklung schadet langfristig auch dem Tourismus selbst. Schließlich sind es gerade Berlins funktional und sozial gemischten Kieze, die viele Besucher anziehen. Nebenbei: Von den mittlerweile populär gewordenen Touristen-Anfeindungen halte ich gar nichts. Der Tourismus ist nicht Berlins Problem. Es ist die mangelnde Bereitschaft, über Anreize und Steuermechanismen nachzudenken, durch die Tourismus in verträglichere Bahnen gelenkt werden könnte. Und man darf den breiteren Zusammenhang nicht außer Acht lassen. Es sollte der Politik zu denken geben, dass sich inzwischen selbst Vertreter der Tourismuswirtschaft kritisch über die negativen Folgen von Gentrifizierung und Verdrängung äußern.

Der Städtetourismus boomt weltweit. Machen es andere Städte besser?

Zumindest nehmen sie sich der Probleme an. San Francisco ist zum Beispiel Mitglied in einer von den Vereinten Nationen mitentwickelten Initiative für nachhaltigen Tourismus und geht viel selbstverständlicher, als es bei uns üblich ist, gegen die Tendenz zur Filialisierung und Uniformität im Einzelhandel vor. Aber ganz abgesehen davon, was andere Städte tun: In kaum einer anderen Stadt ist der Tourismus in den letzten Jahren so gewachsen wie in Berlin. Daraus resultieren besondere Herausforderungen, und es würde Berlin gut zu Gesicht stehen, eine Vorreiterrolle bezüglich eines nachhaltigen Tourismus’ anzustreben.

Das Interview führte Sybille Nitsche.

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