Zeitung Heute : Vom Feinsten

Ost trifft West – und ist erfolgreich: Sentech Instruments produziert Geräte für die Dünnschichtmessung

Er sitzt im ersten Stock eines gerade erst fertig gewordenen, frisch bezogenen Gebäudes. Das hat 3, 7 Millionen Euro gekostet, ist mit seiner einladenden Form und gläsern-transparenten Fassade eine Zierde für die Schwarzschildstraße in Adlershof und damit gleichermaßen für Deutschlands größten Wissenschafts- und Technologiepark vor den Toren Berlins. Hinter dem Haus liegt das weite Feld des einst weit über Berlin hinaus berühmten Flugplatzes Johannisthal. Dr. Albrecht Krügers Büro ist modern und sachlich eingerichtet – bis auf die Schreibtischgarnitur. Sie scheint ein wenig aus der Zeit und aus der Umgebung gefallen: Jugendstil. Aus schwarzem Marmor zusammengesetzt ist die breite Schale für Stifte und Federhalter samt Tintenfass, daneben steht der mit saugfähigem Papier bespannte Tintenlöscher. „Beides braucht heute kein Mensch mehr“, sagt der Physiker, „aber es ist ein Erbstück. Und es gefällt mir.“

Albrecht Krüger hat noch so eine Geschichte, die zum Thema passt, mit Geld zu tun hat und zeigt, wie verschlungen manche Wege sind, die am Ende doch zum Erfolg führen. Vor genau 20 Jahren, im September 1990, gründeten er, der von Abwicklung bedrohte Physiker der Sektion Gerätebau der damals dem Tode geweihten Akademie der Wissenschaften der DDR, und sein westdeutscher Kollege Helmut Witek die Firma Sentech Instruments. Grundkapital waren Fördermittel – und ein beträchtlicher Zuschuss aus dem Sparbuchguthaben von Albrecht Krügers Schwiegermutter.

Und wie hatte das alles angefangen? Krüger lernte Witek 1990 durch „blanken Zufall“ kennen. Er suchte bei einer Elektronik-Messe in Zürich Kunden für seine Produkte aus dem wissenschaftlichen Gerätebau. Dabei lief ihm sein bundesdeutscher Kollege Witek aus München über den Weg. Der kannte den Markt und wusste, wie der Verkauf und Vertrieb im Westen funktionieren. Die beiden spürten sehr schnell, dass sie sich gut ergänzten. So kam das Duo plus Fördermittel und Schwiegermutters Sparkonto ins Ost-West-Geschäft, schon 1991 wurden die ersten Geräte verkauft. „Wir begannen mit zwei Leuten – heute hat Sentech 45 Mitarbeiter, davon 35 mit akademischem Abschluss“. Das erwähnt der 62-Jährige ganz nebenbei, aber man spürt dabei einen gewissen Stolz auf „diese verlässliche Truppe“. Die Firma Sentech meldet einen Jahresumsatz von über acht Millionen Euro. „Und wir hoffen, in den zweistelligen Bereich zu wachsen – auf den 2600 Quadratmetern im neuen Haus.“ Die vormalige Produktionsstätte hatte nur 1700 Quadratmeter Fläche. „Dort waren die Grenzen erreicht, wir konnten nicht mehr wachsen. Aber wir wollten.“

Die Firma entwickelt, produziert und verkauft wissenschaftliche Geräte für die Dünnschichtmesstechnik sowie die Plasmaprozesstechnologie. Sentech-Anlagen stehen in vielen Forschungslaboren und Produktionsstätten für optoelektronische Bauelemente von Mikrosystemen, Mikrooptiken sowie als Neuestes in der Photovoltaik. Die „feinsten Strukturen“ kann man nur ahnen, wenn man durch den Betrieb geht und beobachtet, was sich hinter den großen Glasscheiben in den Produktionsräumen tut. „Um feine Strukturen im Mikro- und Sub-Mikrometer-Bereich herzustellen, nutzen wir das „reaktive Ionenätzen“, erklärt Albrecht Krüger: Dabei wird eine Probe mit einem Strahl aus geladenen Gasatomen beschossen. „Der Beschuss schwächt die chemischen Bindungen der Atome an der Oberfläche. Erst dadurch können sie mit den Gasatomen reagieren und werden so abgetragen. Mit Hilfe spezieller Ionenquellen können wir einen sehr sanften, aber dichten Gasstrahl erzeugen. Auf diese Weise lassen sich auch kleinste Strukturen sauber herstellen.“

In einem Raum der kleinen Fabrik für Feinmechanik, Messtechnik, Optik und Optoelektronik stehen silbrig schimmernde Geräte, „Ellipsometer“ für die Dünnschichtmessung. Eins dieser Produkte wird gerade reisefertig gemacht, sicher verpackt und für 35 000 Euro verkauft – an einen Kunden in China. Das ist für Albrecht Krüger der Alltag: mit Freude sehen, wie das Unternehmen läuft. Wer wie Sentech schon im April drei Viertel vom Umsatz für das ganze Jahr im Sack hat, scheint sich von der Krise unabhängig gemacht zu haben. „Wir hatten Glück, weil wir mehr als die Hälfte unserer Produkte ins Ausland verkaufen“, sagt Krüger, „aber wir merken schon, dass sich andere Betriebe mit Kurzarbeit über Wasser halten. Deshalb sind manche Zulieferzeiten sehr lang“.

Der Chef bezeichnet Firmen seiner Größenordnung als stabilisierenden Faktor für Berlins Wirtschaft, „weil wir keine Leute entlassen, sondern im Gegenteil sechs neue eingestellt haben“. In den letzten 20 Jahren wurde bei Sentech „nicht ein einziger Kollege“ wegrationalisiert. Albrecht Krüger geht mit Harmonie und Freundlichkeit ans Werk: „Ich weiß, dass ich nicht besser bin als meine Leute. Aber ich muss sie motivieren können, damit wir alle weiter an einem Strang ziehen.“

www.sentech.de

Ich weiß, dass ich nicht besser bin als meine Leute. Aber ich muss sie motivieren können, damit wir alle weiter an einem Strang ziehen.“

Dr. Albrecht Krüger, Physiker

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