Zeitung Heute : Vom Feldweg zur Einkaufsstraße

Die Shoppingmeile ist eine der ältesten Straßen Charlottenburgs und kreuzte früher einmal den Ku’damm

Philipp Eins

Ursprünglich war die Wilmersdorfer Straße nur ein Feldweg zwischen den Dörfern Lützow und Wilmersdorf. Doch bereits Anfang des 20. Jahrhunderts war von dörflicher Beschaulichkeit nichts mehr zu spüren: Der Weg wurde zu einer Prachtstraße ausgebaut. Im Jahr 1900 eröffneten die Kaufleute Graff und Heyn ein Manufaktur- und Kurzwarengeschäft in der Wilmersdorfer Straße – und nur sechs Jahre später ein ganzes Kaufhaus. „Graff und Heyn“ gilt als ältestes Kaufhaus Berlins, heute ist hier eine Karstadt-Filiale beheimatet.

Ende der 50er-Jahre war die „Wilmersdorfer“ nicht nur eine der fünf größten Berliner Geschäftsstraßen – sie war auch eine der schmalsten. Als „Charlottenburgs Engpass“ bezeichnete der Tagesspiegel die Einkaufsmeile am 11. Januar 1959, als sie noch vollständig für Autos und Motorräder freigegeben war. In Hauptverkehrszeiten brauchte ein Kraftfahrer rund 20 Minuten für die zwei Kilometer lange Strecke zwischen Otto-Suhr-Allee und Kurfürstendamm. Rund 350 Läden, Spezialgeschäfte und Kaufhäuser hatten sich hier damals bereits angesiedelt.

Um die Einkaufsmeile nicht dem Chaos zu überlassen, entwarfen die Verkehrsplaner eine Entlastungsstraße, die heutige Lewishamstraße. Im Jahr 1964 begannen die Umbaumaßnahmen, die Charlottenburger Markthalle wurde abgerissen. Außerdem plante das Bezirksamt noch im selben Jahr ein fünfgeschossiges Parkhaus an der Wilmersdorfer Straße mit 350 Stellplätzen. In den Medien wurde die Prachtstraße zur goldenen Mitte West-Berlins stilisiert. Kaufleute erkannten, dass ein Laden in der Wilmersdorfer Straße eine wahre Goldgrube sein kann.

Im Sommer 1965 zogen die Besucherzahlen weiter an. Erstmals sprachen die Stadtplaner davon, die Straße in eine Fußgängerzone umzuwandeln. Realisiert wurde diese Idee für den Abschnitt zwischen Krumme Straße und Schillerstraße aber erst 1978. Widerspruch gegen die Pläne kam insbesondere von der Berliner Polizei. Die Verkehrsbelastung mache die Stilllegung der Straße unmöglich, hieß es. Die „Interessengemeinschaft Wilmersdorfer Straße“, ein Zusammenschluss betroffener Einzelhändler, hielt dagegen. Nach Vergleichen mit Fußgängerzonen anderer Großstädte waren sich die Kaufleute sicher, ihre Umsätze in einer autofreien Einkaufsstraße steigern zu können.

Am 7. November 1970 wurde ein Teil der Wilmersdorfer Straße erstmals zur Fußgängerzone erklärt – versuchsweise nur für einen Tag. Verkehrsprobleme gab es nicht. Daraufhin beschloss die Stadtverwaltung, die Sperrung an den vier langen Sonnabenden vor Weihnachten zu wiederholen. Auch der Kurfürstendamm sollte als Fußgängerzone erprobt werden – doch der Versuch blieb dort ohne Folgen.

Am 24. Juli 1971 war die Verlängerung der Kaiser-Friedrich- Straße fertig – nach sieben Jahren. 15 Millionen D-Mark hatte das Projekt verschlungen, 286 Wohnungen wurden für die zweispurige Autostraße abgerissen. In der Wilmersdorfer Straße gingen die Bauarbeiten in den Folgejahren weiter: Die U-Bahnlinie wurde Richtung Spandau verlängert, Sitzbänke und Springbrunnen für die zukünftige Fußgängerzone geplant. Außerdem wurde ein Dach aus Plexiglas rund um den neuen U-Bahnhof gebaut. Anfang 2001 wurde es aus optischen Gründen wieder abgerissen.

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