Zeitung Heute : Vom Fischerdorf zum mondänen Seebad

Heike Glow

Wie weiße Perlen an einer kostbaren Kette reihen sich die Gründerzeitvillen am Ostseestrand von Ahlbeck auf der Insel Usedom. Eingebettet in Buchenwälder, die zum Spazierengehen einladen, grüßen die meist zwischen 1875 und 1905 erbauten Villen mit fantasievollen Namen wie "Villa Rosenhof" und "Villa Strandschloss". Die nach der Wende aufpolierten Bauten lassen vergessen, dass es bereits 150 Jahre her ist, dass das verträumt am Aalbach (niederdeutsch: Ahlbeck) gelegene Fischerdorf begann, sich zum mondänen Seebad zu mausern. Ein Jubiläum, dass die Ahlbecker und ihre Gäste in dieser Urlaubssaison kräftig feiern wollen.

Schon am Ostersonnabend (30. März) steht ein Highlight auf dem Programm: Pferdenarren aus nah und fern treffen sich zum Wettrennen der edlen Traber aus ganz Vorpommern am Ostseestrand. "Wie im Vorjahr erwarten wir wieder an die 6000 Gäste", sagt Elke Hönemann von der Ahlbecker Gemeindeverwaltung. Am 6. April wollen Radfahrer auf "Friedensfahrt" gehen.

Eine große Festwoche geht vom 20. bis 28. Juli über die Bühne, Höhepunkt ist der Festumzug am 27. Juli. "Wir wollen Bilder aus der Geschichte des Seebades gestalten", verrät Bernd Kellermann, Vorsitzender des Ahlbecker Karneval-Klubs, der für den Umzug verantwortlich zeichnet. Mit von der Partie seien auch - das gehöre zur Geschichte - Pioniere und FDJler, sagt der Chef der 40 Ahlbecker Jecken.

"Unser Budget für die Ausgestaltung des Umzuges beträgt leider nur 10 000 Euro", bedauert Kellermann. Damit müssen 800 Mitwirkende ausgestattet werden. Die Karnevalisten leihen Kostüme bei den Theatern Anklam und Greifswald aus. Auch schneidern die Teilnehmer selbst. Gegenwärtig werden noch Statisten gesucht. Der fast drei Kilometer lange Umzug soll zweieinhalb Stunden dauern. Landesförderung gibt es für die Festlichkeiten nicht, wie Kellermann sagt. Nach Angaben der Gemeindeverwaltung stehen 100 000 Euro aus den Haushalten der Kommune und des Kurzweckverbandes sowie aus den geschätzten Standgebühren der Händler zur Verfügung. Das Geld muss auch noch für die Landesmeisterschaften im Beach-Volleyball am 13. und 14. Juli und den "Usedom-Cup im Handball" am 17. und 18. August mit acht internationalen Mannschaften reichen.

Wer mehr über die Geschichte von Ahlbeck erfahren will, kann sich montags, 10 Uhr, an der schmiedeeisernen Uhr an der Seebrücke einfinden. Werner John lädt dort zur historischen Führung durch das Seebad ein. Er weiß, wie die Seebadtradition in Ahlbeck begann: "1852 schickte der Gutspächter Holtz aus Stolpe auf Usedom seine Kinder mit ihrer Erzieherin nach Ahlbeck zum Seeluft-Schnuppern und Baden", erzählt er. Das seien die ersten Badegäste gewesen. "Mit ihnen begann die Geschichte von 150 Jahren Seebad Ahlbeck." "Wendickes Hotel" (heute "Haus Meereswelle") war 1875 der erste Hotelbau und gab den Auftakt für eine rege Bautätigkeit. Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts zählte das Seebad schon mehrere 1000 Gäste. Nach dem Ersten Weltkrieg waren es 20 000 Urlauber. Prominenz kam: Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) und der österreichische Kaiser Franz Joseph I. (1830-1916) standen auf der Gästeliste. Thomas Mann (1875-1955) schrieb in Ahlbeck 1924 an seinem "Zauberberg", Schauspieler Theo Lingen (1903-1978) erholte sich am Ostseestrand.

Auch heute zieht das Bad wieder Polit-Prominente an: Der einstige Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) war dort. Auch Altbundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) und Mecklenburg- Vorpommerns Regierungschef Harald Ringstorff (SPD) und schrieben sich in die Gästebücher der Ahlbecker Hotels ein.

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