Zeitung Heute : Vom Forscher zum Unternehmer

Mit „profund“ zur eigenen Firma

Stephan Töpper

„Wir simulieren Evolution“, sagt Dr. Jens Baumgardt. Der Mikrobiologe aus der Arbeitsgruppe von Professor Rupert Mutzel an der Freien Universität hat zusammen mit Dr. Claudia Keil eine eigene Firma gegründet. Ihr Name: durakult. Das Produkt: eine kleine Revolution in der Mikrobiologie. Baumgardt und sein Team haben ein Bioreaktorsystem entwickelt, in dem kleinste Zellen nach Wunsch modelliert werden können. Eine beschleunigte Evolution im Miniaturformat. Durch den Prozess der künstlich vorangetriebenen Zellveränderung können wichtige Grundbausteine der chemischen Industrie, aber auch Inhaltsstoffe der Lebensmittelindustrie zu deutlich reduzierten Produktionskosten hergestellt werden. Und das, ohne gentechnisch verändert worden zu sein.

Unterstützt wurde durakult von profund – der Gründungsförderung der Freien Universität Berlin. Seit eineinhalb Jahren unterstützt profund Wissenschaftler und Absolventen dabei, den Übergang von der Wissenschaft in die Wirtschaft zu meistern. „Wir helfen, Anträge zu schreiben, damit Firmengründer in den Genuss eines der zahlreichen Förderprogramme kommen“, sagt Elisabeth Busse von profund. „Außerdem vermitteln wir Kompetenzpartner, die professionelle Leistungen zu besonderen Konditionen anbieten.“ Um sich am Markt zu behaupten, sind nicht nur eine gute Idee samt technischer Umsetzung vonnöten, sondern auch Businesspläne und BWL. „Wir haben schnell gelernt, wie wichtig es ist, auf Messen zu gehen und den Leuten unser Produkt vorzustellen“, meint Baumgardt. Die Kunst der Vermarktung ist oft ungewohntes Terrain für Wissenschaftler. „Das war eine neue Herausforderung für uns und ging schon beim Binden eines ordentlichen Krawattenknotens los.“

Durakult wird im Rahmen des „EXIST-Forschungstransfers“ durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie mit rund 370 000 Euro für 18 Monate gefördert. Mit dem gleichen Betrag wird auch das Projekt „QMQ Software Endoscopy“ unterstützt. Mit der von Professor Raul Rojas am Institut für Informatik entwickelten Technologie können Software-Hersteller ihren Kundenservice qualitativ kontrollieren. In den ersten Monaten der Förderung durch profund geht es meist darum, den Businessplan, weiterzuentwickeln. „Wir haben vor, in eineinhalb Jahren eine GmbH anzumelden“, sagt Baumgardt.

Die Gründungsförderung profund unterstützt Wissenschaftler aus allen Fachgebieten, obwohl es eher die Naturwissenschaftler sind, die sich mit marktfähigen Produkten in die Welt der Wirtschaft wagen und auf profund zugehen. Immerhin werden mit „Loge 2“, einer Kombination aus sozialem Online-Netzwerk und Kulturportal sowie „Mashero“, einer Software, mit der ein Film automatisch an den Geschmack des Zuschauers angepasst werden kann, zwei geisteswissenschaftliche Projekte mit dem EXIST-Gründerstipendium gefördert. Ein anderes Bundesministerium, das für Bildung und Forschung, fördert mit dem Programm „Forschung für den Markt im Team“ (Format) die wirtschaftliche Verwertbarkeit von Forschungsergebnissen.

Zu zwei bereits erfolgreich geförderten Projekten sind 2008 fünf weitere hinzugekommen, was die Freie Universität bundesweit zur Hochschule mit den meisten geförderten Format-Projekten macht. Die Spannbreite reicht von der Entwicklung einer „Toolbox“ zur Erforschung von neurodegenerativen Erkrankungen bis zu Fahrer-Assistenzsystemen für sichereres Autofahren.

Baumgardt und das durakult-Team begeben sich indes auf die Suche nach Partnern in der Industrie. Positiv für potenzielle Auftraggeber in dieser Phase ist, dass der erste Entwicklungsauftrag kostenlos angeboten werden kann. Bezahlt wird erst dann, wenn die Zellen die gewünschten Eigenschaften auch aufweisen. Stephan Töpper

Weiteres im Internet:

www.fu-berlin.de/profund

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