Zeitung Heute : Vom Glück des Unglücksraben

Peter Siebenmorgen

Morgens um sieben ist die Welt schon in Ordnung. Gerade an diesem Freitag, dem Tag der Entscheidung über Schröders Kanzlerschaft und den Einsatz der Bundeswehr im Krieg gegen den Terrorismus. Bereits gegen die siebte Stunde rollen an diesem Schicksalstag die Panzer an. Zwei von ihnen erreichen die Julius-Leber-Kaserne, in der Rudolf Scharping wohnt. Panzer - so nennt man in Berlin die gegen Anschläge gesicherten, tonnenschweren Dienstlimousinen der sicherheitsgefährdeten Politiker.

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Doch der Verteidigungsminister hat noch etwas Zeit. Denn der ursprünglich für acht angesetzte Zählappell in der SPD-Bundestagsfraktion beginnt erst eine halbe Stunde später. Seit der Sitzung am vorangegangenen Abend ist die größte Anspannung weg: Die eigenen Reihen stehen. Die Mehrheit für den Kanzler müsste reichen. Die Abgeordneten dürfen eine halbe Stunde länger schlafen. Erstaunlich, für welch kleine Gaben ein Minister in diesen Tagen dankbar sein darf.

Während sich Rudolf Scharping also noch in seiner bescheidenen Stube im Haus 14 auf dem Kasernengelände in Reinickendorf aufhält, herrscht vor dem dringend renovierungsbedürftigen Haus emsiges Treiben. Die Sicherheitskräfte und der Chauffeur verstauen die Aktenkoffer und Kleidersäcke im Kofferraum des gepanzerten Mercedes. Und achten darauf, dass der streng, fast wie eine Uniform geschnittene Mantel des Ministers aus grauem Tuch keinen Knitterschaden unter den anderen Habseligkeiten und Pilotentaschen nimmt. Immer wieder wird umgeräumt: Mantel rein, Koffer raus, Mantel drauf, Mantel raus, Kleidersack drauf, Mantel obendrauf. Die Laune ist gut, der Fahrer mit seinem bunten Pullover zieht sich, während die anderen Beamten weiter munter hin- und herpacken, schnell einmal das Ministertuch über. "Steht mir gut", rutscht es aus seinem Mund, was auch die Sicherheitsbegleiter des Ministers finden. Nun aber genug des Schabernacks, der Mantel findet seinen endgültigen Bestimmungsort im Wagen.

Seit zehn Jahren begleitet nun schon dieser Tross Rudolf Scharping, und auf ihren Minister lassen sie nichts kommen. "Er ist ein wirklich guter Chef", sagt einer der BKA-Beamten, der auch schon andere, weniger angenehmere Zeitgenossen dienstlich kennen gelernt hat. Rund um die Uhr sind sie in der Nähe des Dienstherren. Selbst nachts, denn sie wohnen im gleichen Haus, auf dem gleichen Flur wie ihr Minister.

Neue Zufriedenheit

Um 8 Uhr 15 ist es so weit. Der Minister naht, mit straffem Schritt, aus einem Seiteneingang des Kasernengebäudes. Ein freundliches "Guten Morgen", Handschlag für jeden, Abfahrt. Ein erstes Telefonat, doch nur die Mailbox antwortet. Beim zweiten Anruf hat Scharping mehr Glück. Mit ruhiger, warmer Stimme, von gelegentlichem Raucherhusten unterbrochen, spricht er mit jemandem, der ihm vertraut sein muss.

Ausgeschlafener, zufriedener schaut er drein als in den Morgenstunden der vorangegangenen Tage. Auf der Fahrt unter dem grauen Moabit-Himmel, noch fünf Minuten sind es bis zum Reichstag, verrät er den Grund: "Wir hatten gestern Abend eine sehr gute Fraktionssitzung. Die Mehrheit steht." Anschließend hätten noch ein paar Seeheimer - so heißt der starke rechte Flügel der Fraktion, die verlässlichste Truppe des Kanzlers und seiner Regierung - mit ihm über den heute in Nürnberg beginnenden Parteitag sprechen wollen. Doch Scharping mochte mit den treuen Genossen lieber ein Bier trinken, "wobei mein Bier ein Rotwein war".

Gegen 23 Uhr war alles vorbei - die Zeit, zu der er üblicherweise in seiner Stube noch Akten wälzt. In der sich zum Ende neigenden Woche waren dies vor allem Papiere für den Parteitag; dort ist Scharping Vorsitzender der strategisch wichtigen Antragskommission, und mit dem Zwischenbericht über den Stand des neuen Grundsatzprogramms wird er am Donnerstag seinen eigenen Tagesordnungspunkt haben. Aber die Nacht zum Tag der Vertrauensabstimmung hat er ausnahmsweise mit keinerlei Akten beschwert.

Die erreichen ihn erst wieder am Freitagnachmittag, als alles überstanden ist und bevor es zum letzten Termin des Tages geht. Am späten Nachmittag fliegt er nach Frankfurt - nein, nicht wegen der Gräfin -, Weiterfahrt nach Mainz, um ein verschobenes Gespräch mit seinem Nachfolger als Ministerpräsident, Kurt Beck, in der Staatskanzlei nachzuholen. Dabei geht es auch um Ramstein, jenen amerikanischen Flughafen in der Pfalz, der die wichtigste Operationsbasis der US-Streitkräfte in Europa ist. Mit dessen Sicherung gibt es Probleme, denn dort, wo die Bundeswehr helfen dürfte - bei der Innensicherung -, wollen die Amerikaner das nicht. Zur Außensicherung indes, die die rheinland-pfälzische Polizei vor gewisse Probleme stellt, darf die Bundeswehr nach herrschender Grundgesetzlage nicht tätig werden. Und wenn es nach dem Kanzler geht, auch in Zukunft nicht, denn erweiterte Einsatzmöglichkeiten im Innneren würden ja an den Grundfesten der Verfassung rütteln, wie Schröder gerade erst den Bundestag wissen ließ.

Nach 23 Uhr erst wird Scharping an diesem Freitag die Dienstgeschäfte abstreifen, für wenige Stunden in der Nähe seiner Lebensgefährtin ist seine Welt dann erst recht in Ordnung. Derweil amüsiert sich der Bundeskanzler seit dem frühen Abend auf dem Bundespresseball. Niemand kommt auf die Idee, dies frivol zu finden. Obwohl am gleichen Tag im Bundestag die folgenschwere Entscheidung über die Entsendung von Bundeswehrsoldaten in den Krieg getroffen wurde. Auch von Schröder gibt es an diesem Abend durchaus eindrucksvolle Bilder, die von guter Laune, ja, von Ausgelassenheit zeugen. Anders als Scharpings Turtelbilder von Mallorca, veröffentlicht zu einem Zeitpunkt, als sich das Bundeskabinett mit dem Einsatz von deutschen Soldaten in Mazedonien beschäftigte, zeitigen sie jedoch keine Wirkung. Schröder ist ein Siegertyp. Und Scharping steht im Ruf eines Losers, eines Unglücksraben. Der eine ist vom Glück verfolgt; durch das politische Leben des anderen zieht sich seit geraumer Zeit eine Pechsträhne. 1994 - die verlorene Bundestagswahl; 1995 - der Verlust des Parteivorsitzes beim Putsch von Mannheim. 1998 - neben Schröder und Lafontaine bloß Randfigur bei der Regierungsbildung. Und seither, so die öffentliche Wahrnehmung, der große Verlierer im Kampf mit Schröder und Eichel um die finanzielle Ausstattung der Bundeswehr. Seither findet sein Name immer wieder Berücksichtigung auf den in den Medien ausgeheckten Entlassungslisten des Bundeskanzlers.

Richtig eskalierten die Gerüchte seit den Badebildern des vergangenen Sommers und der dummen Geschichte um den Flug mit einem Luftwaffen-Airbus nach Mallorca. Nur der 11. September habe ihn damals gerettet, weil der Kanzler der uneingeschränkten Solidarität am Vorabend einer kriegsähnlichen Auseinandersetzung mit dem internationalen Terrorismus es sich nicht leisten habe können, seinen Verteidigungsminister zu schassen. Dass die Opposition derartige Parolen ausgibt, ist nicht weiter schlimm. Bedenklicher ist da schon, dass der größte Spott aus den eigenen Reihen kommt.

Ein Kollege aus SPD-Fraktion und -Parteivorstand beispielsweise, der für sich das Urheberrecht an Scharpings Nickname "bin Baden" reklamiert, findet gar keine Ende mehr, wenn es darum geht, Witze auf Kosten des Verteidigungsminister zu machen. In der harmlosen Variante klingt das dann so: Unterhalten sich zwei Journalisten darüber, was eigentlich Rudolf Scharping mache. "Der schreitet gerade mal wieder eine Front ab." "Gut so", erwidert der andere, "aber auf Dauer ist das auch keine Lösung." Es geht auch heftiger: In welche drei Phasen lässt sich die Geschichte der Nachkriegs-SPD einteilen? Die erste stand unter dem Zeichen "Nie wieder Krieg." Danach, während des Streits um die Wiederbewaffnung: "Ohne mich." Und heute: "Nie wieder Krieg ohne mich."

Gar nicht komisch

Scharping wird das, man kann es sich vorstellen, überhaupt nicht komisch finden. Keine Ahnung von der Sache, keine Ahnung von der Verantwortung, die auf ihm lastet, haben solche Schwätzer, mag der Verteidigungsminister denken. Er, dem am frühen Morgen, wenn das Gesicht noch verquollen vom Schlaf ist, von seinem Adjutanten die Ereignisse der vergangenen Nacht vorgetragen werden. Und seit geraumer Zeit sind das nicht nur Meldungen über besondere Vorkommnisse in deutschen Kasernen, sondern auch Berichte über die Sicherheitslage in den internationalen Einsatzgebieten der Bundeswehr. Inhalt solcher Meldungen können, wie am Dienstag auf dem Flug ins dänische Karup, wo Scharping zurückkehrende Kfor-Soldaten begrüßt, umgestürzte Bundeswehr-Lastwagen in Mazedonien sein; glücklicherweise wurde bei dem Unfall niemand verletzt. An anderen Tagen sind es aber auch schon einmal Nachrichten über entführte Deutsche, die von Bundeswehr-Soldaten unversehrt befreit wurden. Er ist immerhin der erste Verteidigungsminister der Bundesrepublik, der permanent Schutzbefohlene in internationalen Einsätzen, die durchaus gefährlich sind, weiß.

Daneben gilt, auch in der Woche des Nervenkitzels wegen der Regierungsmehrheit, die Aufmerksamkeit des Verteidigungsministers seiner einstweilen noch Unvollendeten - der Reform der Bundeswehr unter dem Diktat des Sparens und der Notwendigkeit zur Bündnisfähigkeit. Am Tag, an dem Schröder die Vertrauensfrage bekannt gibt und Scharping, aus Dänemark zurückgekommen, kurz noch in die Fraktion und den Verteidigungsausschuss eilt, wartet bereits die Lenkungsgruppe des Reformmanagements im Ministerium. Die Sitzung fällt kürzer als geplant aus, doch nie macht Scharping einen gehetzten Eindruck. Straff geführt, präzise im Detail, ohne sich in Kleinigkeiten zu verzetteln, verläuft die Sitzung, zu der Gummibärchen gereicht werden. Auch hier, in der Runde mit Generälen, Controllern und Unternehmensberatern, herrscht die gleiche Stimmung wie im Kreis der Leibwächter: ruhig, angenehm im Ton, von gegenseitigem Respekt getragen.

Alle wissen alles besser

Routine ist dies zweifellos nicht, dafür wäre in diesen Tagen auch wahrlich keine Zeit. Rücksprachen verzögern sich, Termine können nicht gehalten werden, das Eiligste rasch am Telefon. Etwa am Donnerstagabend, an dem die Regierungsfraktionen zusammentreten, um den großen Tag des Kanzlers abzusichern, und Agenturmeldungen Schlimmes ahnen lassen: In Brüssel berate die Nato bereits die nächste Anforderung an Deutschland, da die erste noch nicht entschieden ist.

Eine ungeheure Anspannung ist es, die Scharping im Ringen um den deutschen Beitrag zur Anti-Terror-Koalition mehr als jedes andere Regierungsmitglied aushalten muss. Lange bevor die Bundeswehr ins Spiel kommt, richten sich die drängender werdenden Fragen, ob es sinnvoll sei, was die Amerikaner tun, an ihn. Ohne dass dies, der Eindruck drängt sich auf, irgendeiner der kritischen Frager wirklich wissen will. Am Dienstagabend, in der Maske des ARD-Hauptstadtstudios, kommt es zu einem kurzen, in der Art erstaunlich herzlichen Austausch zwischen ihm und Claudia Roth, die gleichfalls zum "Brennpunkt" über Afghanistan und die Vertrauensfrage des Kanzlers eingeladen wurde. Scharping bietet an, wie er das seit Wochen bereits tut, alle Fragen im direkten Gespräch zu beantworten: "Dafür musst du nur zu mir ins Ministerium in den abhörsicheren Raum kommen. Denn meine Informationen müssen geheim bleiben. Sonst ist mit den Amerikanern der Teufel los." Darin liege doch eine ungeheure Chance für Frau Roth, feixt einer aus der Begleitung des Ministers, "sie muss nur die Geheimhaltung brechen, und niemand fragt uns mehr, ob wir mitmachen". Dankbar, anscheinend überrascht nimmt die Grünen-Chefin das Angebot entgegen - um bis zum Wochenende ebenso wenig darauf zurückzukommen wie die vielen anderen, denen Scharping das Angebot einer ausführlichen Unterrichtung gemacht hat. Auch keiner der kritischen Genossen.

So sind sie. Alles wissen sie besser und wissen doch nichts. So sagt er, Rudolf Scharping, das zwar schon längst nicht mehr. Aber im Subtext klingt es immer wieder durch. Bei allen Anfeindungen, allem Spott, auch vielen Gehässigkeiten - er ist sich seiner Sache, seiner selbst, doch ziemlich sicher. Auch vor wenigen Wochen, als die Mär durch die Reihen der SPD-Führung ging, der Parteitag in Nürnberg müsse vollstrecken, woran sich der Kanzler selbst die Hände nicht schmutzig machen wolle. Erhalte Scharping ein schlechtes Ergebnis bei den Vorstandswahlen, dann sei er politisch tot. Natürlich sind solche Redensarten auch an das Ohr des Betroffenen gedrungen. Und selbstverständlich haben sie ihn zeitweise auch in Unruhe versetzt. Doch wenige Tage vor Nürnberg ist die Lage beruhigt: "Wer so denkt, übersieht, dass er auch den Bundeskanzler und Parteivorsitzenden beschädigen würde."

Alles in Ordnung wieder? Vergessen, was er im Sommer gesagt hat, dass er sich auch ein Leben ohne Politik vorstellen könne? Waren es eher die politischen Erfahrungen oder das neue private Glück mit der Gräfin Pilati, die ihn über einen Rückzug nachdenken ließen? "Die private Seite hat solche Gedanken sicherlich begünstigt. Entscheidend ist aber, dass ich an einen Punkt gelangt bin, von dem an ich mir nichts mehr beweisen muss."

Gelegentlich vielleicht doch noch. Zum Beispiel beim Parteitag, wenn sein Wahlergebnis es zeigen wird, ob und wie Rudolf Scharping im Krieg - dem gegen den Terrorismus, dem um den Fortbestand der rot-grünen Koalition, auch dem um den eigenen politischen Fortbestand - überlebt hat. Wenn am Montagabend gegen sieben Uhr die Stimmen ausgezählt sind, weiß er, ob die Welt immer noch in Ordnung ist.

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