Zeitung Heute : Vom Glück, einen Ölbaum anzuschauen

Der Tagesspiegel

Hier klagt ein erfahrener Architekt: „Was tun, wenn das Gefühl aufkommt, zum Hampelmann der Bauherrschaft verkommen zu müssen, wenn das Unglück über einen hereinbricht, dass sich Honorarverhandlungen zu orientalischen Basarhändeln entwickeln?“ Da ist einer reif für die Toskana, mindestens, und jener Architekt, um den es hier geht, lebt sogar noch weiter weg: Peter- Gregor Rottwinkel hat sich nach 20 Jahren Arbeit in Berlin in die Ägäis abgesetzt - und lebt dort als Olivenbauer.

Rottwinkel hat seine Zukunft auf der weitgehend unbekannten Insel Thasos gefunden, der nördlichsten ägäischen Insel im ostmazedonischen Teil Griechenlands. Zusammen mit seiner Frau bewirtschaftet er dort am Rande der Gemeinde Limenaria zwei Hektar Land mit etwa 150 Ölbäumen, 200 Meter über dem Meer in angenehmer Südlage. Die fetten Oliven der Sorte Throumba wachsen unter rein biologischen Bedingungen - kleiner Luxus eines Liebhabers, der nicht darauf angewiesen ist, seinen Lebensunterhalt mit Olivenöl zu verdienen, und der das sinnliche Vergnügen an Handarbeit und Öl als eigentliches Ziel versteht. Rottwinkel erntet jährlich etwa 2500 Kilo Oliven, das entspricht 500 Kilo Öl; einige Nachbarn haben sich seiner Methode angeschlossen und liefern langsam mehr und mehr zu, so dass bald etwa 1000 Kilo verfügbar sind

Rottwinkel pflügt jährlich im Spätherbst von Hand Ziegen- oder Schafdung unter, den er von den Hirten aus der Nachbarschaft erhält, kämpft gegen die Ölfruchtfliege ausschließlich mit Hormon-Fallen und bewässert nur in anhaltenden Dürreperioden. Innerhalb von 14 Tagen wird lagenweise geerntet, mit der Hand, versteht sich - im Kampf gegen die Ziegen, die sich gern auf die im Netz liegenden Oliven stürzen, „wie die Horden Etzels“, schreibt Rottwinkel. Der Pflücker muss vom Baum und einen schrillen Schrei ausstoßen, dann verziehen sie sich, für einen Moment. Spätestens nach zwei Tagen gelangt die Ernte in die Ölmühle, die ein Kardiologe am Ort betreibt, ausschließlich für die Oliven seriöser Biobauern. Nach der Zentrifugierung ist das Öl fertig, eine Filterung findet nicht statt, weil Rottwinkel den vollen Geschmack erhalten will und dafür die leichte Trübung in Kauf nimmt.

Der Lohn ist das Bio-Siegel nach der EG-Öko-Verordnung - aber vor allem der fulminante Geschmack: Das goldgelbe, recht breit angelegte Öl besticht durch schöne, charaktervolle Frucht, im Abgang wartet eine sanfte, durchaus angenehme Schärfe, grundiert von ebenso sanfter Bitterkeit. Ein Olivenöl, das musterhaft den bodenständigen Charakter griechischer Öle zeigt und wieder einmal Anlass gibt, die Ödnis der Supermarkt-Billigöl-Kultur zu beklagen.

Ebenso ungewöhnlich wie das Produkt ist die Vermarktung. Rottwinkel verzichtet auf den Zwischenhandel und verschickt selbst, den halben Liter für etwa 10, dem Liter für etwa 17 Euro plus Steuer. Die Einzelheiten stehen auf der informativen Website www.der-oelbaum.de , Bestellungen sind aber auch über die Berliner Rufnummer 892 58 69 möglich - solange Vorrat reicht. Noch ein Wort Rottwinkels zum Preis: „Das entspricht einem Monatsertrag von 1360 Mark für zwei Personen. Die Differenz, die zum Leben benötigt wird, ist das Glück, einen Ölbaum anzuschauen, der auf einer mit roten Mohnblumen und Anemonen übersäten saftig grünen Wiese steht.“ bm

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