Vom Irak bis bin Laden : Rückzug kommt vor dem Fall

Fast alle Irakbesucher bestätigen, dass landesweit und speziell in Bagdad die Gewalt zurückgegangen ist, nachdem US-Präsident Bush die Truppen verstärkt hat. Auch die US-Bürger sehnen sich nach Fortschritten im Irak, freilich aus anderen Gründen.

Christoph Marschall

Irak und Osama bin Laden: In der wahren Geschichte von 9/11 hatten sie nichts miteinander zu tun. Aber heute, vor dem sechsten Jahrestag des Terrorangriffs auf Amerika, beherrschen sie doch noch gemeinsam die Nachrichten – eine düstere Ironie. Dem US-Parlament erstatten David Petraeus, des Präsidenten General, und Bagdad-Botschafter Ryan Crocker einen Lagebericht, der die weitere Irakpolitik bestimmt. Und in der Welt kursiert das erste bin-Laden-Video seit 2004, nun mit schwarzem statt eisgrauem Bart. Bush und bin Laden reklamieren Erfolg im Irak, aber glauben mag die Welt keinem von beiden mehr. Das Land ist zu keiner Demokratie in Freiheit und Sicherheit geworden, wie Bush 2003 versprach. Aber Al Qaida ist auch nicht dabei, den USA eine Niederlage beizubringen und sie zum Abzug zu zwingen, wie bin Laden behauptet. Im Gegenteil, die Terroristen hatten auf den Widerstandswillen der Sunniten gesetzt, doch die wenden sich in der Anbar-Provinz gegen Al Qaida, nicht mehr gegen die Amerikaner. Die Aussicht, nach einem US-Abzug allein gegen dominierende Schiiten und ihre Milizen dazustehen, ist für die sunnitische Minderheit abschreckend.

In den Details widersprechen sich die Lageanalysen zwar – Kritiker werden Bush erneut Schönfärberei vorwerfen –, aber fast alle Irakbesucher bestätigen diese Tendenz. Landesweit und speziell in Bagdad ist die Gewalt zurückgegangen, nachdem Bush die Truppen um 30 000 auf 162 000 Mann verstärkt hat. Die Zahl der Anschläge wie der Opfer innerirakischer Bluttaten sinkt. Die Ausbildung der Armee und Polizei kommt voran. Das wollen die Republikaner hören. Es sind die Argumente, mit denen sie die Forderung der Demokraten nach einem Rückzugsplan mit festen Terminen zurückweisen können. Seht her, sagen sie, wir schaffen die Wende, Irak wird doch noch ein Erfolg. Also: Durchhalten! Auch die US-Bürger sehnen sich nach Fortschritten, freilich aus anderen Gründen. Keine Nation hält es lange aus, immer nur neue Schreckensmeldungen und Totenzahlen zu hören. Das verfestigt den Eindruck, es hat doch alles keinen Sinn. Vor allem aber wollen sie nach viereinhalb Jahren Irakeinsatz hören, wann ihre Truppen endgültig nach Hause kommen.

Am politischen Patt in Washington werden die Fortschrittsberichte wenig ändern, schon wegen der zweiten Hauptbotschaft: In Iraks Politik kommt wenig voran. Die ist aber der Schlüssel zur Versöhnung. US-Truppen können Frieden und Stabilität nicht erzwingen, wenn Schiiten, Sunniten und Kurden in Regierung und Parlament gegeneinander arbeiten und teils auch noch Mordmilizen decken. Wegen dieser Rückschläge müsste Bush eigentlich um mehr Geduld bitten, um mehr Zeit für die Truppen im Irak. Doch Geduld hat Amerika nicht mehr, nicht mit ihm und nicht mit Iraks Politikern, die aus Amerikas Sicht die Chance auf Freiheit in Frieden verspielen. Und Bushs eigene Zeit nähert sich dem Ende.

Die Fortschritte verschaffen ihm Luft. In einer Rede an die Nation am Donnerstag wird er die Erfolge betonen und, vielleicht, die Heimkehr von 4000 Mann im Frühjahr 2008 ankündigen – nicht geschlagen, sondern unter dem Motto: Mission erfüllt. Damit macht er aus der Not eine Tugend. Er kann den „Surge“, die Truppenverstärkung, nicht länger durchhalten – es sei denn, die Armee ändert ihre Regeln, nach denen jeder Soldat nach zwölf bis fünfzehn Monaten Auslandseinsatz Anspruch auf ein Jahr daheim hat. Der Einstieg in den Abzug wäre das noch nicht. Der beginnt in Wahrheit erst, wenn die Truppenstärke unter 130 000 sinkt, die Zahl vor dem „Surge“.

Bilder schaffen Fakten, selbst wenn sie lügen. Vietnam gilt als amerikanische Niederlage, weil jeder die Szene mit dem letzten Hubschrauber kennt, der vom Dach der US-Botschaft in Saigon abhebt. Bushs Aufgabe ist es, einen Rückzug vorzubereiten, der nicht nach Flucht aussieht. Sondern geordnet und freiwillig, weil Irak alleine zurechtkommt. Gut möglich, dass er diese Aufgabe dem Nachfolger im Weißen Haus hinterlässt. Beider Schicksal hängt jetzt vor allem ab vom Versöhnungswillen der Iraker.

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