Zeitung Heute : Vom Kontinent der guten Hoffnung

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

In Kapstadt tagte das Weltwirtschaftsforum zu Afrika und bemühte sich um Aufbruchstimmung. Welche wirtschaftlichen Chancen hat der schwarze Kontinent tatsächlich?

Für die 700 Teilnehmer am Afrika-Gipfel des Weltwirtschaftsforums ist klar: 2005 soll das Jahr des wirtschaftlichen Aufschwungs auf dem schwarzen Kontinent werden. An positiven Stimmen mangelte es auf der Veranstaltung nicht: Manager, Politiker und Vertreter internationaler Organisationen lobten die wirtschaftlichen Fortschritte auf dem Kontinent. Lazarus Zim, der für Südafrika zuständige Geschäftsführer des Bergbauriesen Anglo American, und Graham Mackay, Chef des weltweit drittgrößten Braukonzerns SAB Miller, zeigten sich über die im internationalen Vergleich „fantastischen“ Profitmargen ihrer Konzerne in Afrika beglückt und meinten, wer das Risiko nicht scheue, werde in Afrika reich belohnt.

In der Tat hat sich einiges verändert: In einzelnen Ländern sinkt die Korruption. In manchen Staaten sind ausländische Unternehmen erstaunt, wie schnell Zulassungen heute erteilt werden und dass die versprochenen Erleichterungen für die Einfuhr bestimmter Güter nicht wie früher nur auf dem Papier stehen. Wichtiger noch ist, dass die 48 Länder südlich der Sahara im vergangenen Jahr stärker als 2003 gewachsen sind, auch wenn dies vor allem an dem weltweiten Rohstoffboom liegt. Die Volkswirtschaften der meisten Länder sind noch immer kaum diversifiziert und exportieren noch immer zumeist nur einen einzigen Rohstoff, auf dessen Preis Wohl und Wehe des Landes gründen.

Immerhin ist das durchschnittliche Wachstum in Afrika von 3,5 auf 4,5 Prozent gestiegen, was jedoch bei einem Bevölkerungszuwachs von drei Prozent nicht ausreicht, um die Armut zu lindern. Die Econonomist Intelligence Unit spricht von der stärksten Wirtschaftsentwicklung in den vergangenen zehn Jahren. Neben hohen Erdölnotierungen und stark gestiegenen Metallpreisen waren die gute Verfassung der Weltwirtschaft und eine bessere Wirtschaftspolitik in einigen afrikanischen Staaten wie Senegal, Mosambik oder Uganda für den Aufschwung verantwortlich.

Dennoch ist die tiefe wirtschaftliche Kluft zwischen Afrika und dem Rest der Welt jüngst eher noch gewachsen – und wenig deutet auf eine grundsätzliche Trendwende hin. Auch fast 25 Jahre nach Beginn der ersten ökonomischen Reformen hat fast keine einzige Wirtschaft südlich der Sahara die Intensivstation der westlichen Finanzinstitutionen verlassen. Die Ausnahmen bilden neben dem Industriestaat Südafrika die winzige Inselrepublik Mauritius sowie das dünn besiedelte Botswana, dessen relative Prosperität von einem florierenden Diamanten- und Tourismussektor unterfüttert wird. Aber selbst hier hat die Aids-Epidemie die hohen Wachstumsraten drastisch reduziert. Alle drei Volkswirtschaften sind untypisch für die anderen schwarzafrikanischen Länder, was ihre Vorbildfunktion einschränkt.

Besonders ernüchternd ist, dass der Anteil des Kontinents am Welthandel von neun Prozent Anfang der 1960er Jahre auf 1,6 Prozent im Jahr 2003 geschrumpft ist. Selbst der jüngste Rohstoffboom hat daran wenig geändert. Symptomatisch für die enorme Abhängigkeit vom Rohstoffexport in die Industriestaaten ist der extrem geringe Anteil des innerafrikanischen Handels, der seit Jahren bei durchschnittlich acht bis neun Prozent des Sozialprodukts verharrt.

Solange Afrika von korrupten Eliten regiert wird, die 40 Prozent des vorhandenen Privatvermögens außerhalb des Kontinents bunkern, wird es Afrika selbst bei einem drastischen Anstieg westlicher Hilfsgelder nicht gelingen, wirtschaftlich zu genesen. Dazu gehört vor allem der Versuch, den Anteil der Menschen, die mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen müssen, von derzeit über 50 Prozent bis 2015 auf die Hälfte zu reduzieren. Beim gegenwärtigen Tempo würde dies Ziel trotz einzelner Lichtblicke frühestens gegen 2147 erreicht werden – mehr als 100 Jahre später als ursprünglich erhofft.

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