Zeitung Heute : Vom Kurs abgekommen

Matthias Meisner

Rupert Neudeck kritisiert die Rettungsaktion von Cap Anamur im Mittelmeer. Was kostet das die Hilfsorganisation?

Es könnte die letzte große Aktion von Cap Anamur gewesen sein. Seit 25 Jahren sind die Helfer der von Rupert Neudeck und seiner Frau Christel gegründeten Organisation in allen Ecken der Welt unterwegs – doch wohl noch nie mit einem so desaströsen Ausgang: 37 Afrikanern, die das Schiff nach 22-tägiger Irrfahrt im Mittelmeer nach Italien brachte, droht die Abschiebung. Neudeck geht zu seinem Nachfolger Elias Bierdel, der die Aktion gemanagt hat, auf Distanz und spricht von „Rufschädigung“. Falls die Italiener die Cap Anamur, die für 1,8 Millionen Euro aus dem gemeinnützigen Vereinsvermögen gekauft wurde, verschrotten, könnte das die Pleite der Hilfsorganisation nach sich ziehen. Diese Gefahr sei „sehr groß“, sagt Neudeck dem Tagesspiegel. Bierdel habe nun „den Salat“. „Jetzt ist die ganze Sache gefährdet.“

Die Kritik von Neudeck ist harsch – zumal der selbst sich in seiner Zeit als Cap-Anamur-Chef immer wieder übermütig gezeigt und deshalb auch bei anderen Helfern unbeliebt gemacht hat. „Gleich losstarten“, so lautete sein Motto, ob es nun in Uganda, in Libanon oder Ruanda war. In Nordkorea nahm er nach eigenen Worten an der „letzten Schlacht des Kalten Krieges“ teil, im Kosovo erlebte er „die letzte Herausforderung des 20. Jahrhunderts“. Nach einem Kosovo-Einsatz griff er das UN-Flüchtlingshilfswerk an: eine „pflichtvergessene“ Organisation, „die nur noch das Elend verwaltet, aber nichts mehr wirklich tut“. Vielen in der Szene galt Neudeck als zu unbedacht. Als „charismatisch, spontan und immer etwas chaotisch“ beschrieb ihn einmal die Katholische Nachrichtenagentur.

Den Aktionismus, den Neudeck selbst pflegte, wirft er nun seinem Nachfolger Bierdel vor. Der habe mit der Tradition von Cap Anamur gebrochen, bei einem „gewaltigen Vorhaben“ wie der Aktion im Mittelmeer die „politischen Gewalten“ – also auch die Bundesregierung – vorab zu informieren. Genüsslich nimmt Otto Schilys Sprecher Rainer Lingenthal die Kritik auf. Er spricht von einer „Profilneurose des Herrn Bierdel, der in die großen Fußstapfen von Rupert Neudeck treten will“. Entwicklungspolitiker wundern sich über Neudecks Kritik an Bierdel: „Er hat ja solche Dinge auch getan.“ Neudeck nimmt für sich in Anspruch, das doppelte Spiel beherrscht zu haben: einerseits die Basisaktion, andererseits der mit den Regierungen verhandelte Ausweg. Es war die gute alte Zeit, in der sich Neudeck von Förderern wie Heinrich Böll oder Lew Kopelew beraten ließ. Ob Cap Anamur zur alten Stärke zurückfindet – und der Spendenfluss entsprechend anhält? „Ich weiß, dass es Diskussionen gibt“, sagt er auf die Frage, ob Bierdel im Amt bleiben wird. Den kann der Schleuserverdacht den Posten kosten. Der Organisation, ahnt Neudeck, könnte die Aktion im Mittelmeer noch teurer zu stehen kommen: „Wenn man nicht pfleglich mit dem Geld der Leute umgeht, die es nicht dicke haben, ist man geliefert.“

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