Zeitung Heute : Vom Kurs abgekommen

Sabine Beikler

Die Bundesregierung bietet Integrationskurse an, die für viele Ausländer verpflichtend sind – nicht aber für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Was bringen diese Kurse?


600 Stunden Sprachkurs, anschließend 30 Stunden Orientierungskurs, in denen Zuwanderern beigebracht wird, was ein Volkslied ist und wie ein Bund-Länder-Finanzausgleich funktioniert – so sieht das Programm der Integrationskurse aus. Dass diese Kurse „dringend verbessert“ werden müssen, fordert nicht nur der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening. Er hält die Pläne des Bundes, die Mittel für die 8200 Integrationskurse von rund 208 Millionen Euro in 2005 auf 141 Millionen Euro kürzen zu wollen, für den „absolut falschen Weg“. Auch Maria Böhmer, als Staatsministerin im Bundeskanzleramt für Migration und Flüchtlinge zuständig, möchte lieber „Haushaltsmittel aufbauen und noch nachlegen“, sagt ihre Sprecherin.

Für Neuzuwanderer ohne Deutschkenntnisse sind Integrationskurse seit Januar 2005 verpflichtend. Nur wird damit nicht die Problemgruppe der Kinder und Jugendlichen aus der zweiten und dritten Generation mit Migrationshintergrund erreicht. Denn im Zuwanderungsgesetz ist festgelegt, dass sich die Integrationskurse nicht an eingebürgerte Menschen richten. Auch jugendliche Zuwanderer profitieren kaum von dem Angebot: Bundesweit sind es von 8200 Kursen nur 113 Integrationskurse, die sich speziell an Jugendliche richten. „Diese Kurse sind erst im Laufe des vergangenen Jahres aufgebaut worden. Das Angebot soll noch erweitert werden“, sagte die Sprecherin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge.

Auch wenn es an den Schulen und in der Vorschule Sprachunterricht für Kinder mit Migrationshintergrund gibt: „Wir brauchen für diejenigen, die hier schon länger leben und sogar schon eingebürgert sind, Sprachkursangebote, wenn sie nicht gut Deutsch sprechen“, fordert Kenan Kolat, Chef der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Gerade bei den Jugendlichen reichten die Sprachkenntnisse oft nicht aus, um einen Schulabschluss zu machen.

Die Jugendlichen der zweiten oder dritten Zuwanderergeneration seien die „Verlierer der politischen Versäumnisse der vergangenen Jahre“, sagt Piening. Durch „berufliche Qualifizierungsnetzwerke“ in Zusammenarbeit mit Schulen, Verbänden und der Wirtschaft müssten vorbereitende Kurse mit Deutschunterricht vor der Ausbildung angeboten werden. Piening fordert auch eine bessere Verzahnung zwischen den Arbeitsagenturen und freien Trägern, die Sprachunterricht anbieten.

Bei den Zuwanderern jedenfalls werden die Integrationskurse gut angenommen: In Berlin besuchten fast 53 Prozent der 12 600 Teilnehmer im vergangenen Jahr freiwillig die Kurse. Bundesweit ist die gleiche Tendenz festzustellen: Von 215 651 Teilnehmern haben 103 146 – also knapp 48 Prozent – freiwillig teilgenommen. Neben 33 000 Spätaussiedlern, die einen Anspruch auf einen Kurs haben, wurden rund 42 500 Neuzuwanderer zu einer Teilnahme verpflichtet. Aber auch mehr als 18 000 Ausländer, die schon länger in Deutschland leben, mussten einen Kurs besuchen – darunter viele Arbeitslosengeld-II-Empfänger.

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