Zeitung Heute : Vom Leuchttisch zum Satellitenbild

REGINA KÖTHE

Einem Kartographen geht es manchmal ähnlich wie dem Erzähler des "Kleinen Prinzen": Er steht in der Wüste und muß sich orientieren.Wie findet man in der Wüste einen "markanten Punkt", wie es in der Fachsprache heißt? Das lernen die Kartenzeichner spätestens bei einem Auslandspraktikum oder einem Auftrag, der sie zur Feldarbeit in solch ein Gebiet führt.Die Koordinaten eines "markanten Punktes", zum Beispiel ein Hügel, werden mittels eines Satelliten genau bestimmt.Die Satellitenaufnahmen sind dann wiederum zu entzerren und müssen eine geometrische Basis bekommen, um dann als Grundlage für Karten zu dienen.Doch das ist nur ein mögliches Arbeitsgebiet.

Kartographie im ursprünglichen Sinne ist die graphische Darstellung der Erdoberfläche mit zeichnerischen Mitteln.Der Kartograph war bis vor einigen Jahren vor allem mit der Herstellung von gedruckten Karten betraut.Mittlerweile aber werden nur noch Stadtpläne, Autoatlanten und Wanderkarten gedruckt.Der weitaus größere Teil der Karten wird für die digitale Darstellung am Computer und als Multimediaprodukt hergestellt.Diese werden von Ämtern, Baufirmen und Instituten für Planung, Durchführung und Beobachtung benötigt.

Heute arbeitet man vor allem mit Graphikprogrammen wie AutoCAD oder Freehand und der Datenbanksoftware für Geo-Informationssysteme (GIS).Die handwerklichen Fertigkeiten wie Zeichnen oder der Umgang mit Reprotechniken machen nur noch knapp zwanzig Prozent des Studiums aus.Stattdessen stehen Softwareprogramme, die Fernerkundung durch Luft- oder Satellitenaufnahmen und die Geo-Informationssysteme im Vordergrund.

Laut Bernd Meissner, Professor für Kartographie an der Technischen Fachhochschule Berlin (TFH), begann diese Veränderung des Arbeitsfeldes Ende der achtziger Jahre.In Berlin studieren zur Zeit insgesamt achtzig Studenten das Fach.Zusätzlich sind im Rahmen eines Austauschprojektes der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DES) afrikanische Geographen, Ingenieure und Vermesser an der TFH, um sich in Computertechnik, Fernerkundung und Kartographie fortzubilden.Bundesweit gibt es in Dresden, München und Karlsruhe ebenfalls die Möglichkeit, dieses Fach zu studieren.

Cornelia Koch ist Diplom-Ingenieurin für Kartographie und hat sowohl den Lehrberuf als auch das Studium absolviert.1978 begann sie in der DDR ihre Lehre zur Kartographin.Zuerst hat sie nur "gemalt und gekratzt", das heißt, sie hat am Leuchttisch die Linien und Flächen auf Folien gezeichnet, die für die Druckvorlagen der Karten gebraucht wurden.Die Feder und ein Schaber mit Metallspitze waren ihre wichtigsten Werkzeuge.Der Schaber war dazu da, die Fehler "wegzukratzen", das heißt zu korrigieren.Mit der Lupe wurde überprüft, ob man die Linien in der richtigen Stärke, zum Beispiel 0,12 oder 0,5 Millimeter, gezeichnet hatte."Kartograph ist ein sehr penibler Beruf.Du erfährst, wie groß ein Millimeter ist."

Das Studium ermöglichte es ihr, nicht nur als Technikerin zu zeichnen, sondern redaktionell beim Tourist-Verlag in Berlin zu arbeiten.Nach der Wende war Cornelia Koch kurz arbeitslos, aber erhielt bald die Chance, an die TFH Berlin zu kommen und sich in die computergestützte Kartographie einzuarbeiten, die Ende der achtziger Jahre aufkam."Innerhalb weniger Jahre hat sich das Berufsbild inhaltlich und technisch stark verändert", sagt sie, "doch wer es am Leuchttisch kann, der kann es auch am Computer", sagt die Ingenieurin.

Nicht nur die Ausbildung, sondern auch der Arbeitsmarkt hat sich gewandelt.Waren vor zehn Jahren die kartographischen Verlage und Kommunal-, Landes- oder Bundesbehörden die Hauptarbeitgeber, so kommt heute nur noch ein Viertel der Absolventen in diesen Bereichen unter.Mittlerweile haben sich neue Firmen gegründet, die Geo-Informationssysteme entwickeln und betreuen, Software herstellen oder sich auf die Auswertung von Satellitenbildern spezialisieren.

Geo-Informationssysteme stellen Wechselbeziehungen zwischen Graphik und Datenbank her.Datenbanken enthalten Sachinformationen, die für Abfragen und Analysen genutzt werden können und deren Ergebnisse visuell als Karten dargestellt werden.GIS werden vor allem für Planungen und Consulting bei Sanierungsmaßnahmen und im Umweltschutz entwickelt und verwendet.Ebenfalls möglich ist die Spezialisierung auf die Photogrammetrie, das ist die Vermessung und Auswertung anhand von Luftbildern.

Volker Zirn hat sich nach dem Studium gemeinsam mit seiner Frau auf diesem Gebiet mit der Firma Stereokart selbständig gemacht.Insgesamt geht der Trend hin zu kleinen Firmen und zur Freiberuflichkeit.Wie überall, gilt auch hier: Wer sich spezialisiert, hat bessere Chancen.Für Cornelia Koch ist der Beruf der Kartographin faszinierend und vielschichtig.Er hat eine naturwissenschaftliche Dimension, die sich mit Geographie, Geophysik und Mathematik beschäftigt, aber auch eine handwerkliche und künstlerische Seite."Denn ohne graphisches Empfinden für Farbe, Design und Symbole bleiben die Karten ein unübersichtliches Konglomerat aus Informationen."

Informationen erhält man an der Technischen Fachhochschule Berlin, Studiengang Kartographie, Luxemburger Straße 10, 13353 Berlin, t 45 04 -25 94 / 25 92.

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