Zeitung Heute : Vom Mangel an Arbeit zum Mangel an Arbeitskräften

Agnes Blome
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Foto: WZV / David Ausserhofer

Cem und Leonie sind beide 18 – Geschwister in einer Patchwork-Familie. Leonie wird studieren und als Ingenieurin im Entwicklungsdienst arbeiten. Cem hat noch keinen Plan. In der Grundschule hatte er es erst schwer, aber dann profitierte er vom 2019 beschlossenen Milliardenprojekt „Das Deutschland-ABC“ was für „Aufbruch-Bildung-Chancengleichheit“ steht. Und das hieß: Das Ende des mehrgliedrigen Schulsystems und systematische Einführung für Schüler aus Migrationsfamilien. So hat er es auch dann doch geschafft.

Lilay (42) und Markus (50) sind beide in Vollzeit berufstätig. Und im Stress. Sie haben oft das Gefühl, nur für die Rente zu arbeiten – für die der Baby-Boomer. Diese geburtenstarke Generation belastet seit zehn Jahren zunehmend die Sozialversicherung.

Am hohen Rentenniveau liegt das nicht. Das sieht man an Lilays Eltern. Sie sind 70, er pflegt sie. Sein Leben lang war er berufstätig. Aber die 2013 beschlossene Mindestbeitragszeit von 25 Jahren erfüllt er nicht; er war selten sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Also jobbt er halbtags und am Wochenende im Supermarkt. Markus’ Eltern haben dagegen vorsorgen können. Sie betreiben „aktives Altern“, sind viel auf Reisen. Häufig engagieren sie sich in ihrem Mehrgenerationenhaus in der Hausaufgabenbetreuung. Aber viele Kids kommen nicht; Paare sind kinderlos, Familien haben meist nur ein Kind.Davon hätte auch Leonies Bruder Paul profitiert. Dieses Sorgenkind hat keinen Schulabschluss. Wie so viele junge Männer kam er in der Schule nicht mit und wollte das schnelle Geld in der Verschrottungsindustrie. Nach der Revolution in der Wiederverwertung von Faser-Kunststoff-Verbunden war es für Paul zu spät; lebenslanges Lernen ist immer noch nicht Teil des beruflichen Lebenslaufs, es gilt: einmal draußen, immer draußen.

Cem und Leonie aber wissen: Sie werden kaum Probleme haben, einen Job zu finden; Arbeitskräfte sind in Zeiten des Bevölkerungsrückgangs knapp. Nur: Ihnen wird Zeit fehlen. Sollen sie wirklich Kinder kriegen? Nach dem Ausbau der Ganztagsbetreuung und Reduzierung der Elternzeit auf drei Monate müssen Arbeitskräfte schnell zurück in den Job. Das sehen sie an Lilays und Markus’ Leben. Immer nur Stress. Aber die freuen sich schon auf ihren Ruhestand. Denn es gilt: Mit 76 Jahren, da fängt das Leben an! Agnes Blome

Agnes Blome forscht über Demographie und sozialen Wandel

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