Zeitung Heute : Vom Maria am Ostbahnhof bis nach Kuba

ELFI KREIS

Beim Surfen in Sachen Berliner Kunst und Kultur im Internet gibt es nette Zufallsbekanntschaften. Unter www.icf.de . haben sich Künstler aus vier europäischen Städten zu einer gemeinsamen Website verlinkt. Die Berliner Fundgrube versammelt Kunststücke wie "Einstürzende Neubauten", "Radio internationale Stadt" und die "Erste Meisenknödeltestreihe" des Vogelkundlers Wolfgang Müller. Diese Berliner Homepage ist die Ausnahme. Allenfalls Initiativen zur Medienkunst wie der Verein "Micro" ( www.micro.de ) sind vernetzt. Ansonsten lautete bislang die Devise: Jeder für sich auf seiner Homepage und die Suchmaschine gegen alle.

Sich mühsam von Website zu Website zu hangeln wird schnell zum digitalen Survivaltrip. Eine Website wie www.art-on.de für zeitgenössische Bildende Kunst mit Ausstellungskalender, Hintergrundinformationen und eigenen Kritiken zählt zu den Ausnahmen. Meist wird man mit aufgewärmten Infos aus der Tagespresse abgespeist oder landet in toten Kunstkummerkästen, wo sich nur noch die Bannerwerbung bewegt. Wo sind die Berliner Kulturdatenbanken und Kunstserver, die den Überblick verschaffen? Wenn www.berlin.de als offizielle Website der Stadt mit seiner Rubrik "Kultur und Freizeit" andere Schwerpunkte setzt oder Angaben ihr Verfallsdatum längst überschritten haben?

Das Plus großer Infotools - die Vielzahl abrufbarer Einzelseiten - ist auch ein Nachteil. Enorme Mengen an Informationen verursachen Staus auf der Datenautobahn. Die Kulturdatenbank "CultureBase" für Veranstaltungstermine in Berlin löst dieses technische Problem durch ein System, das sich selbst automatisch verwaltet. Die Gruppe "Kunst & Technik" stellt Interessenten aus dem Kulturbetrieb das nötige Eingabe-Interface zur Verfügung. Vorteil: Gesendete Daten sind sofort abrufbereit. Nachteil: Es herrscht nicht gerade Massenandrang. Über ein Ausgabemodul lassen sich zudem nach persönlichen Auswahlkriterien zusammengestellte Termine direkt auf die eigene Homepage laden. Um die Aktualisierung dieses persönlichen Veranstaltungskalenders muß man sich anschließend selbst nicht mehr kümmern, ein kostenloses Extra. Unter www.berlin.heimat.de/cb sind die nach Sparten (zu wenige) und Berliner Bezirken (nicht alle) geordneten Daten abrufbar.

Neu ist der "Kulturserver der Länder" ( www.kulturserver.de ). Er versteht sich als regionale Online Community für Kunst und Kultur. Benjamin Heidersberger, Leiter des Betreibers "Ponton European Media Art Lab", definiert den Kulturserver als "eine Kommunikationsplattform, die wie eine Art Suchmaschine funktionieren soll und von Soziokultur bis Oper reicht". Alle Serviceangebote wie interne Kommunikationsnetze, Homepage, Veranstaltungskalender und Web-Mail sind kostenlos. Die Geschichte von Ponton klingt wie ein Software-Märchen: vom Piratensender zum Server der niedersächsischen Landesregierung. Auch das Infosystem der Parlamentarier der Europäischen Union stammt aus dem Elektronikstudio des 16 Mitarbeiter starken Teams. Pontons erste Piratenradio- und TV-Sender standen auf der Ars Electronica, Linz und der documenta 8 in Kassel. Mit ZDF und 3sat realisierte Ponton danach Medienexperimente wie "Piazza virtuale" zur documenta 9. Das Unternehmen arbeitet auf den Gebieten Online-Communities, digitales Fernsehen und virtuelle Marktplätze. 1997 entwickelte Ponton das Designkonzept von Spiegel Online. Ziel des Kulturservers ist die Einrichtung und Vernetzung regionaler Kulturserver weltweit. Dazu sucht sich Ponton Partner, die Kulturserver in ihrer Heimatregion betreiben. Im Mai kam Sachsen-Anhalt hinzu. Vor zwei Wochen ging der "Kulturserver Berlin" ins Netz.

Für die Homepage wurde auf der Website ein Baukasten bereitgestellt, der keine technischen Vorkenntnisse erfordert. Die Schritte sind allgemeinverständlich erklärt. Die Ein-Mann-Redaktion Berlin lehrt in Kursen, wie man seine Seite mit Links vernetzt und aufwendiger gestaltet. Kulturserver TV/Radio bietet in einer Art "Offenem Internet-Kanal" Sendeplätze für Eigenproduktionen von zu Hause aus an. Dazu genügt ein Audio-Interface. Zudem gibt es ab Mitte Juni erste Liveübertragungen aus den Sophiensälen und von Maria am Ostbahnhof. Wer sich derzeit durch den Berliner Veranstaltungskalender mit seiner übersichtlich gegliederten Menüleiste klickt, erlebt allerdings noch seltsame Überraschungen. In Gommern oder Magdeburg ist angeblich mehr los als in Berlin. Erst wenige kennen den Server und liefern Termine. Dabei geht das einfach mit E-Mail, Anmeldung und Kennwort. In Kürze kann auch türkisch navigiert werden.

Nach Berlin kommt Kuba: Zum Jahreswechsel soll der nächste Kulturserver im "Instituto Cubano del Libro" in der Altstadt von Havanna ans Netz gehen. Privathaushalte haben in Kuba noch keinen Internetanschluß. Der Schriftstellerverband und Ponton planen daher als Standort ein Internetcafé: das erste in Kuba überhaupt.

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