Zeitung Heute : Vom Ostwind getrieben

Nach dem Unglück von Tschernobyl floh die eine aus Deutschland, die andere blieb. Das rechte Maß der Angst kennt bis heute keine

Kathrin Kramer[Freiburg]

Manche Menschen besaßen damals Hausschuhe. Bei Abwesenheit standen die meist fein säuberlich aufgereiht vor der Wohnungstür. Das hielten andere für den Inbegriff von Spießigkeit. Bis zu dem Tag, an dem das Gras giftgrün wurde und sich der allgemeine Wortschatz sprunghaft erweiterte.

Am 26. April 1986 explodierte nördlich der ukrainischen Stadt Tschernobyl ein Atomreaktor. Die Welt erfuhr zunächst nichts davon. Zwei Tage später wurde in Finnland, Schweden und Dänemark ungewöhnlich hohe Radioaktivität gemessen. Erst an diesem Abend meldet die sowjetische Nachrichtenagentur Tass den Unfall im Atomkraftwerk.

Kurz vor Mitternacht verbreitet sich die Nachricht auch in Freiburg, der Stadt, die in Deutschland immer schon als Solarzelle grünen Umweltbewusstseins galt. In den Studentenkneipen schwappt die Meldung von Tisch zu Tisch. Es gibt kein anderes Thema mehr, an diesem Abend nicht und nicht an den folgenden. Keiner weiß, was sie bedeutet. Es gibt nur eine Ahnung davon, dass es eine Nachricht ist, die das Leben verändern wird.

Alle lernen Vokabeln und schaffen Hausschuhe an. Das wichtigste Wort in diesen Wochen heißt Becquerel, die Maßeinheit für Radioaktivität. Bald weiß jedes Kind, dass sich Jod 131 in der Schilddrüse, Strontium 90 in den Knochen festsetzt und Chinakohl besonders viel Caesium 137 enthält. Jeder wird zum Experten in Sachen Halbwertzeit. Entsetzt über die Hilflosigkeit von Politikern und so genannten Fachleuten, die sich im Fernsehen stündlich widersprechen, nehmen die Konsumenten ihre Rettung selbst in die Hand. Zumal der Wind gedreht hat.

Ganz ungewöhnlich für die Region weht plötzlich Ostwind und bringt auch noch Regen mit sich. Der Mai ist gekommen, die Geigerzähler schlagen aus. Es hagelt Messwerte. Aber was bedeuten sie? Am 1. Mai gibt es in Freiburg eine große Demonstration, an den Tag der Arbeit denkt dabei keiner. Viele Familien mit Kindern sind unter den Demonstranten. Als sich der Himmel verdunkelt und die ersten Regentropfen fallen, flüchten alle panisch unter die Arkaden am Münsterplatz oder spannen Planen auf. Mairegen macht in diesem Jahr nicht schön. Keiner weiß, was er macht.

Also gelten vorsorglich neue Regeln. Schuhe heißen fortan bei allen Straßenschuhe und bleiben mit Mänteln und Jacken vor der Wohnungstür. Alles, was bis dahin als gesund galt, erscheint jetzt bedrohlich: frische Milch, frische Luft, heimisches Obst und Gemüse. Wer sein Leben liebt, trinkt H-Milch, lässt die Kinder drinnen spielen, macht einen Bogen um die Marktfrau hinter ihren verdächtig grünen Salatköpfen. Selbst kompromisslose Makrobiotiker mutieren zu Aldi-Kunden. Zugelassen sind Dosengemüse, Tiefkühlkost, eingefroren vor dem 26. April 1986, und Frisches nur aus dem Treibhaus oder aus Übersee. Die ganz Vorsichtigen horten Jodtabletten.

Tarek ist in diesem Frühjahr eineinhalb Jahre alt. Tabea, von der später noch die Rede sein wird, noch nicht geboren. Tarek wohnt mit seiner Mutter in einem kleinen Haus mit großem Garten am Stadtrand von Freiburg. Die Sandkiste hat die Wohngemeinschaft extra für ihn gebaut. Es ist Tareks erster Sommer, in dem er auf eigenen Füßen in die Welt hinaus laufen soll. Und seine erste Lektion in Sachen Natur lautet: Nicht berühren! Für Uta Hohberg, Tareks Mutter, ist das fast das Schlimmste. Das Schlimmste für Tabeas Mutter kommt erst noch.

„Das war all dem so entgegengesetzt, was ich mir vorgestellt hatte“, sagt Uta Hohberg. Sie war Arzthelferin und in den zehn Jahren, die sie damals in Freiburg lebte, politisch immer aktiv gewesen. Auch in der Anti-Atomkraft-Bewegung, die im Badischen dank des erfolgreichen Widerstands gegen das geplante Kernkraftwerk in Wyhl besonders stark war. Sie war auch auf der Demonstration am 1. Mai 1986, mit Tarek im Buggy. Denn der Ernstfall war eingetreten, nicht, wie immer befürchtet, im benachbarten französischen Kernkraftwerk von Fessenheim, sondern im fernen Tschernobyl. Doch im Ernstfall rückt die Welt zusammen. Alle Warnungen waren in den Wind geschrieben. Und der kam jetzt von Osten.

Wir sitzen am Küchentisch der kleinen Dachwohnung mitten in Freiburg und blicken über die Dächer bis zum Münsterplatz. Uta Hohberg arbeitet inzwischen als Sozialpädagogin, Tarek studiert in Dresden. 20 Jahre sind eine lange Zeit, und sie erinnert sich nur noch an das, was damals entscheidend schien: den Ostwind eben, der die Angst schürte, und den bedrohlichen Regen.

Als Uta Hohberg mit ihrem Bruder, einem Radiologen, telefoniert und ihm die neuesten Messwerte aus Freiburg durchgibt, wiegelt der ab: „Kein Grund zur Panik, alles noch im grünen Bereich.“ So ein Idiot, denkt sie, „auch einer von den Verharmlosern“.

Keinem war mehr zu trauen in diesen Tagen, neutrale Information nicht zu haben. Uta Hohberg erinnert sich an die endlosen Diskussionen, was nun zu tun sei, die immer länger werdende Liste von Schutzmaßnahmen und das stärker werdende Gefühl: Das kann ich meinem Kind nicht antun. So reifte der Entschluss, Deutschland vorerst zu verlassen.

Eine befreundete Mutter aus der Krabbelgruppe war mit einem Brasilianer verheiratet. Seine Familie besaß ein großes Haus mit Gästeanbau in Salvador da Bahia, Platz genug für vier Frauen mit ihren Kindern. Uta Hohberg beschloss zu emigrieren, jedenfalls für die nächsten Wochen. Alles Weitere würde sich dann erweisen. Auch der Vater des Kindes war einverstanden. „Alle, die Kinder hatten, redeten mir zu.“ Wenige schüttelten den Kopf. Für Hohberg war es das erste Mal, dass sie Europa verließ.

Bei Nacht und Nebel brachen sie auf zum Flughafen München. „Wir kamen uns vor wie auf der Flucht.“ In Brasilien suchten die vier Mütter als Erstes eine Naturärztin auf. Die verschrieb den Kindern drei kalte Wickel am Tag mit anschließender Frottage, dazu täglich einen Einlauf, alles zur Entgiftung. Man ernährte sich makrobiotisch. Ausflüge führten meistens zum Bioladen in der Stadt. Viel Zeit für Strand, Land und Leute blieb da nicht. Unter der Überschrift „Und dann in Brasilien …“ finden sich im Fotoalbum mal gerade zehn Bilder. Aber die Kinder können auf der Erde sitzen, sich ins Gras legen, Sand essen, und auf dem Markt türmen sich die genießbaren Früchte.

Tarek lernt sprechen. Ein paar Wochen im Leben eines Einjährigen sind lang, und der Vater verpasst viel. Uta Hohberg will in ihr altes Leben zurück. In Deutschland legt sich die Aufregung, die Gefahr hat etwas Einschätzbares bekommen. Nach sechs Wochen fliegt Tarek mit seiner Mutter zurück nach München. Die Wohngemeinschaft wechselt den Sand in der großen Sandkiste aus, Tarek muss oft die Hände waschen, aber das Leben normalisiert sich, inklusive der Ernährung.

„Ich weiß nicht, vielleicht hatte ich damals mehr Angst, als sein musste“, sagt Uta Hohberg. „Aber diese Reise war meine einzige Möglichkeit, gegen dieses Gefühl von Ohnmacht anzugehen.“ Ihr ist die Lust an weiten Reisen geblieben, Tarek der Widerwille gegen Bananen.

In einem Bildband mit Freiburger Gesichtern sitzt Tabea auf den Schultern ihres Vaters und lacht. Ihre Eltern haben eine Waldorfschule bei Freiburg mitbegründet. Im Bildtext ist zu lesen: Tabea ist „sechs Monate nach der Katastrophe von Tschernobyl geboren und behindert“. Mehr kann Anne Bahmann auch fast 20 Jahre nach der Geburt ihres ersten Kindes nicht über den Zusammenhang des Reaktorunglücks mit den vielfältigen Entwicklungsstörungen von Tabea sagen.

Sie war im vierten Monat schwanger, als der Reaktor barst. Und sie befand sich am Ende ihres Psychologiestudiums in Göttingen. „Natürlich haben wir alle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, die empfohlen wurden, Milchpulver gekauft und frisches Gemüse gemieden.“ Aber an besondere Besorgtheit kann sie sich nicht erinnern. Vielleicht, weil der Examensdruck ihr gar keinen Raum dafür ließ, vielleicht auch, weil sie sich durch die Schwangerschaft „ein Stück weit geschützt“ fühlte. „Ich habe immer gedacht: Das wird schon gut gehen.“

Anfang Mai besucht sie ihren Mann in Freiburg. Ein wunderbarer Sonntag, und die werdenden Eltern machen einen Spaziergang auf den Schönberg. „Im Nachhinein haben wir gerätselt, ob das gut war.“ Für Juni hatten sie eine Reise auf die griechische Insel Samos gebucht. „Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, mich dort womöglich in größere Gefahr zu begeben.“ Aber am Strand hat Anne Bahmann plötzlich Angst, ins Wasser zu gehen.

Tabea wiegt bei ihrer Geburt nur 2400 Gramm, sie lässt sich schwer stillen, und auf das erste Lächeln wartet die Mutter lange. Nach neun Monaten ist unübersehbar, dass Tabea in ihrer gesamten Entwicklung stark verzögert ist. Die Ärzte stellen eine Mikrozephalie fest – der Kopf ist vergleichsweise klein –, sie leidet unter epileptischen Anfällen und entwickelt autistische Züge. Genetische Ursachen gibt es nicht. Die Gründe für die Behinderungen sind im Verlauf der Schwangerschaft zu suchen. Tabea versteht alles, was man sagt, aber sprechen kann sie bis heute nicht. Ihr geistiges Leben, sagt die Mutter, „findet hinter verschlossenen Fenstern statt“. Sie liest den „Stern“ und den „Spiegel“, aber sie muss ins Bett gebracht werden wie ein Baby.

Keiner der vielen Ärzte, die die Eltern im Laufe der vergangenen 20 Jahre konsultierten, ist jemals auf ihre Frage nach einem möglichen Zusammenhang mit einer Strahlenbelastung durch die Reaktorkatastrophe eingegangen. Jeder Arzt, sagt Anne Bahmann, hat diese Frage überhört. „Ich hatte immer das Gefühl, dass uns unsere Fragen als müßige Suche nach Schuldigen ausgelegt werden.“

„Später habe ich immer wieder darüber nachgedacht, ob ich alles getan habe, um mein Kind während der Schwangerschaft zu schützen.“ Heute, sagt Anne Bahmann, würde sie genauer nachfragen, die Risiken abwägen, vielleicht das Land verlassen, wie Uta Hohberg es gemacht hat.

Die Nachricht aus Tschernobyl hat das Leben in Deutschland nicht verändert, wie damals befürchtet. Aber sie hat Spuren hinterlassen. Die Hausschuhe sind geblieben, die Reiselust, die Bananenphobie, und die offene Frage nach dem angemessenen Maß von Angst.

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