Zeitung Heute : Vom Schacht verschluckt

Wie ein Patient drei Tage im Kliniklift überlebte

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Mächtige Pfeiler aus grauem Beton wuchten die beiden fünfgeschossigen Blöcke dem wolkenlosen Himmel entgegen. Zwischen den Bettentrakten liegt das Hauptgebäude, fast doppelt so hoch. Fenster sind nicht zu erkennen hinter der Fassade mit den Ornamenten aus Spritzbeton; in den Aufbaujahren der kriegszerstörten Republik war so etwas modern. Dieses Haus hat 1200 Betten, aus diesem Haus verschwand am Freitagabend ein alter Mann, 68, einfach. Er war aus dem Altersheim hergebracht worden. Er saß im Rollstuhl. Er hatte einen Termin in der Augenklinik, fünfter Stock. Er wartete. Dann wollte er unten noch eine Zigarette rauchen. Er rollte Richtung Lift. Und dann war er weg. Drei Tage lang steckte er im Aufzug fest, sein Rollstuhl umgekippt.

Karlheinz S. hat überlebt. Aber nur knapp. Wie konnte es dazu kommen, dass ein Patient, ein pflegebedürftiger noch dazu, gerade in den Fluren einer Klinik verloren geht? Auch wenn sie riesig ist?

Auf Station 34 gibt der Redakteur von RTL gerade Anweisungen. „Schieben Sie Ihren Bruder an dem Schild entlang“, sagt er. Im Rollstuhl sitzt Karlheinz S., ein Kissen auf dem Schoß. Der Bruder schiebt. Ins Raucherzimmer. Die Nichte des alten Herrn reicht ihm eine Zigarette. Auf seinem Unterarm klebt Mull, über dem Einstich für die Infusion. Nach fast 80 Stunden ohne Wasser und nur mit einer Packung Kekse braucht der Körper jetzt Nährstoffe. Aber der alte Mann lächelt stolz. „Ich war Ringkampfsportler“, murmelt er. Ironie des Schicksals: Früher war er Aufzugmonteur.

Erst in der Nacht zum Dienstag war das Rätsel um sein Verschwinden gelöst worden. Gefunden hatten ihn nicht die Techniker des Hauses, nicht die Polizeibeamten und auch nicht die verzweifelten Verwandten, die an fast jedem Baum im Park Flugblätter mit dem Konterfei des alten Herrn aufgehängt hatten. Sein Leben hat er einem Zufall zu verdanken: Nach knapp 80 Stunden hatte Karlheinz S. noch genügend Kraft, gegen die Tür aus poliertem Stahl zu klopfen – das alarmierte eine aufmerksame Pflegerin.

Was macht einer, der fast vier Tage im Aufzug steckt? „Ich bin durch die Etagen gefahren, um mir die Zeit zu vertreiben“, sagt er. Der Bruder schüttelt den Kopf. Aufzug Nummer 20 stand, zwischen dem zweiten und dem dritten Stockwerk. „Er weiß es nicht mehr“, sagt der Bruder. Vor 26 Jahren sei Karlheinz S. auf einer Baustelle verunglückt. Deshalb gerate ihm immer wieder mal etwas durcheinander. Vielleicht ist ihm auch deshalb das Leiden in den Stunden der Isolation nicht mehr gewärtig, der starre Blick im Neonlicht auf die Aufzugwände aus poliertem Stahl, der wohl jeden Menschen in Verzweiflung treiben würde.

„Angeblich hat es keinen Notruf gegeben“, sagt der Bruder von Karlheinz S.; er glaubt das nicht so recht. Hat sein Bruder den Knopf nicht gedrückt? „Ich habe es versucht“, sagt der und schnippt die Zigarette in die Krankenhaustasse. Die Aufzugknöpfe sind auf Hüfthöhe angebracht und müssten vom Rollstuhl aus erreichbar sein. Vielleicht kam er nicht heran. Vielleicht streckte er sich, bis der Rollstuhl schließlich stürzte. „Ein Mensch in anderer körperlicher Verfassung hätte tot sein können“, sagt der Bruder.

Auf den langen Fluren scheint fast jeder von der Geschichte gehört zu haben; in den Aufzügen ist sie Gesprächsthema Nummer eins. „Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände“, sagt ein junger Arzt, schlank und braun gebrannt. Er arbeite seit 1988 im Gebäude, ohne je von Problemen gehört zu haben; ein anderer macht sich Sorgen, dass dieser Vorfall die Klinik, über deren Schließung immer wieder mal diskutiert wird, nun endgültig in Misskredit bringt.

Es sind noch viele Fragen offen nach den Lücken in einem System, das gerade den Schwachen helfen soll. Zufälle? Oder Nachlässigkeit? Die wichtigste ist wohl, warum niemand bei dem verwirrten alten Herrn im Rollstuhl war, als der seinen Ausflug im Krankenhaus begann, weder aus der Klinik, noch vom Pflegeheim. Die Kriminalpolizei ermittelt.

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