Zeitung Heute : Vom Tiermodell zum Therapieansatz

Forschung in der Psychiatrie: Trotz erfreulicher Erfolge bleiben viele offene Fragen.

Kein Zweifel: In den letzten zwei Jahrzehnten sind die Neurowissenschaften beim Verständnis der Krankheiten, die die menschliche Psyche treffen, ein entscheidendes Stück weiter gekommen. „Haben wir früher noch ganz pauschal vom ‚genetischen Anteil' der Erkrankungen gesprochen, so können wir das heute schon auf einige Risikogene eingrenzen“, sagt Prof. Dr. med. Peter Falkai, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Past President der DGPPN. „Dieser Erfolg ist der genetischen Forschung der letzten Jahrzehnte zu verdanken. Untersuchungen an Tiermodellen haben dazu beigetragen, dass die Funktion dieser Risikogene für psychische Erkrankungen besser verstanden wird“, so Falkai.

Dazu kommen die Methoden der modernen Bildgebung, das Neuroimaging: So kann man mittels der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) zumindest für eng umschriebene Fragestellungen klar belegen, dass Aktivitäten in bestimmten Regionen des menschlichen Gehirns bei einigen psychischen Erkrankungen charakteristische Abweichungen zum „Normalbild“ zeigen, etwa bei der Schizophrenie oder bei bipolaren Störungen.

Auch bei der Früherkennung von Demenz-Erkrankungen, deren Bedeutung in den nächsten Jahren aufgrund des viel beschworenen demografischen Wandels weiter zunehmen wird, gibt es wichtige Entwicklungen, die wiederum der modernen Bildgebung, aber auch der biochemischen Untersuchung von Rückenmarksflüssigkeit zu verdanken sind. Bei der Behandlung sieht die Bilanz bisher allerdings noch traurig aus. Falkai spricht sogar von einem „wahren Waterloo“, denn auch die Hoffnungen auf eine therapeutische Impfung wurden bisher enttäuscht. Ein wichtiges Ziel ist es nun, den natürlichen Verlauf einer früh diagnostizierten demenziellen Erkrankung verlangsamen zu können. In den neurobiologisch orientierten Forschungsrichtungen haben sich in den letzten Jahren beträchtliche Datenmengen angesammelt. „Trotzdem haben wir bisher nur kleine Puzzlesteine zusammengetragen, für das vollständige Bild brauchen wir neue analytische Strategien wie zum Beispiel multivariate statistische Verfahren“, urteilt Falkai. Wichtig sei zudem, Befunde aus Bildgebung und molekularer Diagnostik auf der einen Seite und klinische Parameter wie den Verlauf einer Erkrankung auf der anderen Seite zusammenzuführen.

In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojekt, das noch bis 2018 laufen soll, hat ein Forscherteam unter Leitung von Falkai und seinem Kollegen Prof. Dr. med. Thomas Schulze von der Uni Göttingen sich deshalb daran gemacht, die Beziehungen zwischen Genotyp und Krankheitsbild bei über 3000 Patienten mit einer Psychose im Langzeitverlauf zu untersuchen. Daraus könnte eine Typisierung entstehen, die im Idealfall auch Auswirkungen auf die gezielte Behandlung von Untergruppen mit unterschiedlicher Prognose haben würde.

Vor allem auf dem Gebiet der psychotischen Erkrankungen sind die Psychiater mit den derzeitigen Behandlungsmöglichkeiten nämlich unzufrieden: Zwar können Mittel aus der Gruppe der Neuroleptika, von denen die ersten schon seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts im Einsatz sind, den Patienten die „Positiv“-Symptome wie Wahnvorstellungen und Halluzinationen nehmen. Die „Negativ“-Symptomatik mit kognitiven Störungen, Antriebslosigkeit und Stimmungstiefs sei allerdings bisher noch nicht zufriedenstellend behandelbar, sagt Falkai. „Es gibt jedoch interessante Tiermodelle, an denen verschiedene Substanzen getestet werden können.“ Gute klinische Studien wünscht er sich zudem für einige Substanzen, die schon seit Jahren für andere Anwendungsgebiete zugelassen sind, nun aber auch in das Visier von Psychiatern geraten. Bis hin zu Fischölkapseln, die in Vor- und Frühstadien einer psychotischen Erkrankung vorbeugend wirken könnten.

Das Motto des diesjährigen DDPPN-Kongresses „Von der Therapie zur Prävention“ gilt nämlich auch im Bereich der psychotischen Erkrankungen. „Wir wollen Personen mit einem erhöhten Risikoprofil identifizieren und sie behandeln, bevor die Krankheit ausbricht“, so Falkai. Zum erhöhten Risiko tragen dabei keineswegs nur genetische Veränderungen, sondern auch lebensgeschichtliche Ereignisse bei.

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