Zeitung Heute : Vom Unglück des Steuersparens

Harald Martenstein

Ich kann den Postchef verstehen. Jeder Mensch, der Steuern zahlt, möchte Steuern sparen, jeder. Der Gedanke, dass einem das sauer und, nebenbei bemerkt, meist sogar ehrlich verdiente Geld gleich wieder zu großen Teilen abgenommen wird, hat für Angehörige unserer Gattung etwas ungemein Provozierendes. Andere Säugetiere empfinden ähnlich. Man versuche, einem kleinen Hund 19, einem großen Hund 33 Prozent seines Knochens wegzunehmen mit der Begründung, dies sei gut für alle Hunde oder für die Hundesrepublik.

Jeder Mensch sieht natürlich ein, dass Schulen gebaut werden müssen. Aber die Steuern, die man selber zahlt, werden leider immer nur für den verfluchten, langweiligen Neujahrsempfang des Bundespräsidenten verwendet. Wer braucht das? Da hätte die gesamte deutsche Gesellschaft doch viel mehr davon, wenn ich von dem Geld selber einen geilen Empfang gebe.

Der Wunsch, Steuern zu sparen, ist dem Menschen also zutiefst eingewurzelt, wie das Bedürfnis nach Schlaf, Nahrung oder Sexualität. Zugleich stürzt dieser Wunsch immer wieder ganze Personengruppen ins Unglück. Erstes Beispiel: die gesellschaftskritischen Autoren. Aus irgendeinem Grund hat die Republik Irland an Schriftstellern einen Narren gefressen, sie zahlen dort fast keine Steuern. Die Tatsache, dass Heinrich Böll, Uwe Johnson, Michel Houellebecq und andere Gesellschaftskritiker ihren Wohnsitz nach Irland verlegt haben oder hatten, hängt nicht etwa mit dem irischen Wetter zusammen, denn dieses ist lausig. Die Autoren sitzen in Irland, langweilen sich und zählen die Regentropfen, während ihre Bücher immer depressiver werden, aber sie sparen Steuern. Zweites Beispiel: Schauspieler. Schauspieler waren in den letzten Jahren besonders anfällig für das Steuersparmodell „Ostimmobilie“. Man macht Schulden bis zum Anschlag und investiert diese in eine Ostimmobilie, die Schulden kann man gegen die Steuerschuld aufrechnen, dann stellt die Immobilie sich als wertlos heraus und der jetzt bitterarme Schauspieler muss spielen, bis er tot umfällt. Aber er hat Steuern gespart. Manager dagegen scheinen mit Hilfe des Staates Liechtenstein Steuern zu sparen, sie verlieren den Job, ihr Image ist kaputt, und sie kommen in den Knast.

Von allen Trieben des Menschen ist der Steuerspartrieb wahrscheinlich der destruktivste. Alle tun es, aber wen macht es glücklich? Ich verbringe Stunden damit, Taxi- und Restaurantquittungen zu sortieren, statt in dieser Zeit Volleyball zu spielen. Die einzige Methode des Steuersparens, die mit einer annehmbaren Lebensqualität einhergeht, besteht offenbar darin, in die schöne Schweiz, das schluffige Österreich oder das sonnige Monaco zu ziehen, wie Schumi, Franz oder Boris. Oder man tankt in Polen.

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