Zeitung Heute : Vom Winde verweht

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Soll man gegen Windpocken impfen?

Hartmut Wewetzer

Ein wenig knirschte es schon, als im letzten Herbst die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut empfahl, von nun an alle Kinder gegen Windpocken zu impfen. Warum denn das?, fragten sich so manche Kommentatoren und Eltern. Die Windpocken tun doch so gut wie niemandem etwas! Die „Frankfurter Allgemeine“ beschwor sogar das Bild eines Windpocken-Familienidylls: „Wollt ihr nicht zum Spielen rüberkommen? Meine Kinder haben die Windpocken!“, zitierte die Zeitung Frauen, die „anderen Müttern die Gelegenheit zur Ansteckung bieten möchten“. Und klagte: „Die generationenlang begrüßte frühe Ansteckung mit Windpocken dürfte indes bald ein Ende haben.“

Mit den freudig begrüßten Windpocken ist das allerdings so eine Sache. 750 000 Fälle dieser Virusinfektion gibt es im Jahr in Deutschland. Und die stellen alles in allem eine erhebliche Belastung dar. Nicht nur, weil das Kind krank ist, sondern auch, weil Mutter oder Vater zu Hause bleiben müssen, sofern beide berufstätig sind. Zwar heilen die Windpocken selbst in den allermeisten Fällen aus, doch siedeln sich die Viren andernorts im Körper an, nämlich in Nervenzellen im Bereich des Rückenmarks. Ist das Immunsystem geschwächt, können diese Viren später eine Gürtelrose hervorrufen, eine schmerzhafte Hautentzündung.

Vorreiter bei der Impfung sind die USA. Dort wird die Windpocken-Impfung für alle Kinder seit zehn Jahren empfohlen. Nun hat ein Team der US-Seuchenbehörde CDC im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ Bilanz gezogen: Die Windpocken gingen um bis zu 84 Prozent zurück, die Zahl der Todesfälle (ja, auch die gibt es) sank von 145 vor Impfung auf etwa 66. Am meisten profitierten kleine Kinder im Alter von ein bis vier Jahren – also genau jene, deren Ansteckung angeblich „generationenlang“ begrüßt worden war. Überträgt man die Zahlen auf Deutschland, könnten von rund 50 Kindern durch die Impfung etwa 30 gerettet werden. Weil die Windpocken nur beim Menschen vorkommen, wäre es möglich, das Virus durch die Impfung auszurotten.

Es gibt allerdings noch Einwände. So ist offen, ob der Impfstoff wirklich für immer feit. „Wir gehen von einem lebenslänglichen Schutz aus“, sagt Jan Leidel, der stellvertretende Leiter der Impfkommission. Doch er kann nicht ausschließen, dass später noch einmal aufgefrischt werden muss. Auch bietet die Impfung keinen völligen Schutz. Gelegentlich erkranken geimpfte Kinder trotzdem, die Windpocken „brechen durch“. Aber sie verlaufen dann milder.

Andere Kritiker befürchten, dass die Gürtelrose häufiger werden könnte, weil das Immunsystem nicht mehr durch die Anwesenheit „wilder“ Windpocken-Viren stimuliert werde. Für diese Annahme gebe es keine Belege, sagt der Impfexperte Leidel. Er rechnet sogar mit dem Gegenteil – weniger Fälle von Gürtelrose, weil die Impfung diese Spätfolge der Windpocken abschwächt.

Es ist also eine ziemlich gute Idee, die Windpocken-Party künftig abzublasen. Für Partys gibt es bessere Gründe.

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