Zeitung Heute : Vom Winter schwärmen

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Neulich erlebte ich den härtesten Winterurlaub meines Lebens: Ich war auf einer griechischen Insel eingeschneit. Zuerst gab es starken Wind, dann heftigen Schneefall und schließlich Eiseskälte. Kein Flugzeug kam durch, uns abzuholen, und leider auch keine Fähre. Wir saßen fest auf Santorin und es war kalt. Der Schnee fiel unaufhörlich und es war glatt. Streusand und Räumfahrzeuge gibt es auf Santorin nicht. So ein Wetter normalerweise ja auch nicht.

Die alten Einheimischen standen an den Fenstern und schauten auf das schäumende Meer. Erwachsene bewarfen sich mit Schneebällen und wälzten sich wie Hunde im weißen Nass. Nach drei Tagen waren fast alle krank.

Uns tröstete das Gefühl, bei einem Ereignis von historischer Bedeutung dabei zu sein. Zumindest erschien es einem so in der Langeweile der Festgesessenen. Im Hotel liefen rund um die Uhr und auf allen Kanälen Sonderberichte zur Lage der Nation, die wir natürlich nicht verstehen konnten. Jeder Sender hatte ein eigenes Schneelogo; das ganze erinnerte an die Berichterstattung zum 11. September. Aber es waren nur Bilder von Orten, in denen es schneite. Es sah aus, wie es eben so aussieht im Winter. In unseren Breiten jedenfalls. Wenn man den Ton wegdrehte, hatte es etwas Meditatives.

Zurück in Berlin bekam ich eine E-Mail, ein Bekannter schickte Fotos vom Winterurlaub. Er war Skifahren in Georgien und hatte in durchgekrachten Betten einer alten Skihütte gehaust. Er schrieb, dass sie abends immer Stromausfall hatten und kein Dieselaggregat, dafür aber selbst gebrannten Schnaps, goldenen georgischen Wein, weißen Käse, Fleisch am Spieß und eine ganz nette Wirtin, die mal Filmproduktion in Moskau studiert hatte. Die Fotos, die er mitgeschickt hat, zeigten drei glückliche junge Menschen im Skilift und auf der Piste, weite Blicke über endlose weiße Gipfel und einzelne Skispuren im Schnee. Obwohl ich die Tage zuvor eine ganze Menge von dem weißen Zeug gesehen hatte, waren es Bilder, bei denen mir sofort die Wärme ins Herz floss und das Fernweh erwachte: Georgien! Der Kaukasus!

Nun, so schnell werde ich dort nicht hinkommen. Dafür aber kommt ein kleiner Gruß aus dem Kaukasus zu uns nach Berlin. Auf meinem Tisch landete gerade ein Papier, das zu einem Galakonzert eines tschetschenischen Kinder- und Jugendtanzensembles namens „Sija Bashajew“ einlädt. Es verspricht „eines der besten Kinder- und Jugendtanzensembles der Russischen Föderation, atemberaubende Tanzkunst (kaukasische Säbeltänze) mit exotischem Temperament und faszinierender Körpersprache“. Das ganze findet in gut zwei Wochen statt, im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in der Friedrichstraße, schräg gegenüber den Galeries Lafayette. Auf dem Foto der Einladung sind zwei Kinder in weißer Tracht abgebildet. Das Mädchen trägt Schleier und lange Zöpfe, der Junge Pelzmütze und einen kleinen Säbel. Hinter ihnen sieht man hohe Gipfel mit viel Schnee darauf.

Galakonzert am Sonnabend, 20. März, 15 Uhr im Großen Saal, Russisches Haus der Wissenschaft und Kultur, Friedrichstr. 176-179, Tel. 20302320.

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