Zeitung Heute : Vom Zeigen und Verschweigen

Dahlemer Museen entwickeln neue Konzepte für ihre Präsentation im Humboldt-Forum.

Leonard Fischl
24 Stunden Dahlem. Künstler verbinden in einem Videoprojekt zwei Berliner Museen mit dem Online-Archiv der TV-Produktion „24h Berlin“. Foto: Sebastian Bolesch
24 Stunden Dahlem. Künstler verbinden in einem Videoprojekt zwei Berliner Museen mit dem Online-Archiv der TV-Produktion „24h...

2019 soll das Berliner Stadtschloss eröffnen – und mit ihm das Humboldt-Forum. Zwei Dahlemer Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sollen dann eine neue Heimat in Berlin-Mitte finden: die Sammlungen des Museums für Asiatische Kunst und des Ethnologischen Museums. Der Umzug ins Humboldt-Forum eröffnet ganz neue Präsentationsmöglichkeiten, die derzeit durch das Experimentierprojekt „Humboldt Lab Dahlem“ getestet werden. Viola König ist Direktorin des Ethnologischen Museums und Honorarprofessorin am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. Sie leitet gemeinsam mit Klaas Ruitenbeek, dem Direktor des Museums für Asiatische Kunst, dem Ausstellungsmacher Martin Heller und der Kulturmanagerin Agnes Wegner das „Humboldt Lab Dahlem“.

Über zu viel Freizeit kann sich die Ethnologin nicht beklagen: Neben der kuratorischen und leitenden Arbeit im Museum und der wissenschaftlichen Forschung an der Freien Universität entwickelt Viola König aktuell ein Ausstellungskonzept für das Humboldt-Forum.

Obwohl noch viele Fragen offen sind, hat die Altamerikanistin eine klare Vorstellung, mit welchem programmatischen Blick sie die Schätze ihres Hauses präsentieren will. „Es geht um Multiperspektivität und darum, den Besuchern zu zeigen, dass unsere historische Sammlung für das Verständnis unserer Gegenwart außerordentlich relevant ist“, sagt die Wissenschaftlerin.

Als Beispiel nennt sie ein 17 Quadratmeter großes Baumwolltuch aus Mexiko – nach dem Sammler Lienzo Seler II. benannt –, das sie im Ethnologischen Museum im Rahmen ihrer Doktorarbeit untersucht hat. Das Baumwolltuch stammt aus dem Coixtlahuaca-Tal in Oaxaca in Mexiko und zeigt die verschiedenen ethnischen Einflüsse und Migrationsströme inner- und außerhalb dieses Landstrichs. Entstanden ist es um das Jahr 1590, kurz nach der Eroberung der Spanier.

„Das Tuch dokumentiert einen Clash der Kulturen“, sagt Viola König. „Es kommen europäische und präkolumbische Einflüsse vor. Das Tuch umfasst die gesamte Geschichte, Topografie, Mythologie und Dynastien-Folge der indigenen Elite.“ Zudem reflektiert das Dokument, wie die drei indigenen Völker, die das Tal bewohnten, sich selbst sahen und sich gegenüber den neuen spanischen Machthabern inszenierten. „Die Grobdaten kennen wir. Die Autoren haben das Tuch angefertigt, um den Spaniern zu beweisen: Das ist unser Land. Wir sind die legitimen Besitzer seit uralter Zeit.“ Andere Einflüsse würden wiederum verschwiegen – wie etwa die der Azteken, die vor dem Einmarsch der Spanier das Tal militärisch kontrollierten.

Diese Dialektik aus Zeigen und Verschweigen, die bis heute identitätsstiftend für jedes Volk sei, will Viola König den Besuchern vor Augen führen – und damit die Entwicklung und das Selbstverständnis von Kulturen erklären. Monica Pacheco, Doktorandin an der Freien Universität, knüpft an diese Forschung an. Die Altamerikanistin, die selbst aus dem mexikanischen Oaxaca-Tal stammt, promoviert im Rahmen des Exzellenzclusters Topoi an der Freien Universität; betreut wird sie von Viola König. Die in Deutschland ausgebildete Altamerikanistin steht mit Archäologen und Historikern in Kontakt, um diverse Forschungsstränge zusammenzuführen. Außerdem führt sie Interviews mit der Bevölkerung im Coixtlahuac-Tal, um den Inhalt, aber auch die Bedeutung des Tuches für die Gegenwart zu verstehen. Lienzo Seler II., das Baumwolltuch, soll im Humboldt-Forum gezeigt werden. Neben der Herausforderung, ein solch riesiges Dokument zu präsentieren, stelle sich die Frage, die auch viele andere Exponate betreffe, sagt Viola König: „Wie können wir dem Besucher zeigen, dass diese Landkarte kein totes Stück Stoff ist?“

Das „Humboldt Lab Dahlem“, eine von der Bundeskulturstiftung finanzierte Probebühne, soll bei der Beantwortung dieser Fragen helfen: Es ist eine Experimentierfläche für das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst – ein Labor für neue Ausstellungskonzepte, wie sie im Humboldt-Forum realisiert werden könnten.

Kürzlich ist die Ausstellung „Probebühne 3“ mit vier Projekten gestartet. Unter dem Titel „Fotografien berühren“ werden Porträtfotografien der indigenen Bevölkerung Südamerikas gezeigt, die um 1900 entstanden sind. Wie kann eine andere Welterfahrung, wie sie die Ethnologie unter dem Konzept des „Perspektivismus“ fasst, für Museumsbesucher sinnlich nachvollziehbar werden? Dieser Frage gehen der Künstler Sebastián Mejía und die Ethnologin Andrea Scholz in „Mensch – Objekt – Jaguar“ gemeinsam nach.

Ein drittes Projekt greift die Präsentation von Exponaten europäischer wie nichteuropäischer Herkunft auf. Bisher werden sie in Ausstellungen der Museen Dahlem nach kulturgeografischen Regionen getrennt gezeigt. Aber lassen sich Grenzen tatsächlich so einfach ziehen? „Warum nicht?“ stellt die Frage nach der europäischen Perspektive als Ausgangspunkt einer Präsentation. Im Rahmen dieses dritten Projekts der Probebühne 3 soll die bestehende Ordnung mittels spielerischer Interventionen und scheinbar unpassender Objekte irritiert werden. „Kapitel 1: Nacht“ ist der erste von drei Filmen im Porträt „24h Dahlem“ von Clara Jo in Zusammenarbeit mit Robert Lippok. Darin werden das Online-Archiv der TV-Produktion „24h Berlin“ (first-we-take-berlin.de) und die Archive der Dahlemer Museen experimentell zusammengeführt.

Bei allen Projekten bleibe der dynamische Zugang entscheidend, sagt Viola König: Das Humboldt-Forum solle kein statisches Gebilde sein, sondern ein Zentrum des aktiven interkulturellen Austauschs. Deswegen nimmt Viola König auch die postkoloniale Sicht auf die Gegenstände der Sammlung und die Debatte um die Restitutionsforderungen ernst: „Wir suchen das Gespräch mit jenen Gruppen, die dem Projekt kritisch gegenüberstehen – zuvorderst aber mit den Nachfahren der Völker, mit denen sich die Ausstellungen beschäftigen.“ Sie, die Kuratoren, Künstler und Besucher sollen im Humboldt-Forum gemeinsam wichtige Fragen für die Zukunft diskutieren, die die Konflikte zwischen den indigenen Völkern und den Europäern berühren und Lösungsansätze für das Zusammenleben heute entwickeln.

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