Von Bayern nach Berlin : Wie fühlt sich Deutschland vor der Wahl?

Am Sonntag wird in Deutschland über die neue Regierung abgestimmt. Und wie wird gefühlt? Von Bayern nach Berlin – auf der Suche nach den Befindlichkeiten in der Republik.

Detlef Vetten
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Gerhard Seyfried (o.) schafft böse Cartoons,

Deutschland fängt im Süden auf einer Wiese unterm Brunnenkopf an. Linderhof heißt die Grenzstation, an der man früher lange warten und den herrischen Blick von Zöllnern aushalten musste. Linderhof, das sind ein paar Häuser und Berge drum herum. Das sind Hirsche, die im Herbst auf der großen Wiese die Geweihe kreuzen. Das ist dieses sündteure Schloss, das ein durchgeknallter König auf die Wiese hat stellen lassen. Und heute sind das Millionen Menschen, die den Bau sehen wollen.

Das Schloss ist viel zu hell. Viele Touristen sind bunt angezogen und haben eigenartig leere Augen. Sie plappern auf Schwäbisch, Japanisch, Amerikanisch.

Wir sind am Anfang einer anstrengenden Reise mit dem Rad von Linderhof in Oberbayern nach Lindenhof bei Berlin. Auf der Suche nach der Befindlichkeit in der Republik. Am Sonntag wird gewählt im Land. Und wie wird gefühlt?

In Oberammergau zum Beispiel, wo regional die Dorfparteien regieren und oben drüber die CSU. Hier arbeiten Christian Stückl und Frederik Mayet. Stückl: ein Besessener mit Räuberbart und Glutaugen. Mayet: vom Leben noch nicht angefressen, wunderbar anzusehen. Stückl ist der Regisseur der Oberammergauer Passionsspiele, Mayet gibt im nächsten Jahr den Jesus. Stückl ist mit 15 von der Klosterschule im benachbarten Ettal geflogen, weil er sich nicht auf eine Schulaufgabe vorbereitete, sondern Kostüme für sein erstes Krippenspiel nähte. In München machte Stückl später eine viel beachtete Karriere als mutiger Regisseur, dort leitet er das Volkstheater, er hat Preise gewonnen und die Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft inszeniert.

Aber das ist Beiwerk. Schon als Bub wollte Christian Stückl das Passionsspiel leiten. Das tut er seit 1987, und wie er das tut, ist bemerkenswert, denn er setzte sein Denken mehr und mehr gegen ein politisches System im Dorf durch.

Bis zu Stückls Tagen war die Oberammergauer Passion das bestverkaufte Laientheater der Welt, mehr nicht. Er machte daraus ein 30 Millionen Euro kostendes und wertes Kulturereignis.

Gerade ist er mit 50 Hauptdarstellern, zwei Priestern und einem Theologen eine Woche in Israel gewesen, um über Jesus und den Glauben zu diskutieren. Sagt: „Ich habe mir schon als junger Bursch vorgenommen, dass man es schaffen muss, über die Religion nachzudenken, bevor man das Spiel anfängt.“

Dass es auch über Politik nachzudenken gelte, bevor man das Wählen anfängt, das aber wird Stückl jetzt nicht anfangen zu verlangen.

Frederik Mayet, der kommende Jesus, erzählt von einem jüdischen Überlebenden des Holocaust, den sie auf der Reise trafen. Der habe gesagt, dass er nach dem Konzentrationslager allen Glauben verloren und nie mehr gefunden habe. Dass er nur noch weiterlebe, weil er es als seine Pflicht empfinde, über das zu reden, was damals passiert ist.

Mayet stockt, Stückl zieht hastig an einer Zigarette und nickt. Ja, da sind sie ins Grübeln gekommen.

Und jetzt sind sie zurück und werden das fromme Spiel stemmen gegen alle Bayerisch-Mächtigen. Gegen allen Wind, der aus den schwarzen Löchern im Dorf weht. Der Mann ist ein starkes Stück Deutschland.

Überall Plakate. In Starnberg zum Beispiel. Starnberg ist eine der reichsten Städte Deutschlands, und vom Straßenrand schauen derzeit Frauen und Männer auf die Autofahrer. Die energische Frau Merkel. Der breite Herr Steinmeier. Der geschniegelte Herr Westerwelle. Der gestriegelte Herr Guttenberg.

Stark, kräftig, sozial, erfolgreich, zupackend. Beschreiben sie sich. Menschen ohne Zweifel. Keine wie Stückl aus Oberammergau, der auch grübeln kann. Aber auf den Plakaten steht brettbreit: Wir sind die Zukunft.

20 Kilometer nördlich von Starnberg beginnt München an der Isar mit dem wohlhabenden Stadtteil Solln. An der S-Bahnstation stehen deprimierte Menschen vor dem Blumenberg der Republik. Hier wurde Dominik Brunner zu Tode geprügelt, weil er Kinder vor jugendlichen Schlägern schützen wollte.

Die Menschen vor den Blumen sehen einander nicht an. Jeder hat Angst. Dann gehen sie langsam weg und versuchen, die Szenerie zu vergessen.

Uschi Müller ist mit ihrem Mann Gerd auf dem Bahnsteig gewesen und hat Blumen an die Stelle gelegt, wo das trockene Blut noch zu sehen war. Die Müllers leben drei Straßen vom Tatort entfernt; Gerd war der Bomber der Nation, der erfolgreichste Mittelstürmer des Landes. Er sagt: „Für Politik interessiere ich mich eigentlich nicht. Ich mache halt mein Kreuz, weil man das tut. Aber das mit den Schlägern, deswegen muss man wohl jetzt besonders wählen.“

Genau, sagt Uschi. Sie ist eine aparte Frau mit einem Sinn fürs Praktische. Nachdem das auf dem Bahnsteig passiert ist, wollten viele das Rezept kennen, wie man so etwas verhindert. Aber – mal ehrlich – man habe das Gefühl, dass sich da die Politiker nur wichtiggemacht haben.

Der Regen hört kurz hinter Ingolstadt auf. Weißblauer Himmel, ein lauer Rückenwind. Das Mühltal, die Heimat der Versteinerungen. Nürnberg, alert und provinziell. Das Maintal, Relikt aus einer altfränkischen Zeit, alles wie geleckt und das Fachwerk frisch gestrichen.

Dann geht es hinter der Bierstadt Kulmbach, wo der Thomas Gottschalk beim Aufreißen der Mädchen immer so viel geplappert hat, dass die die Lust verloren, links von der Hauptstraße ab in den Frankenwald. Kurve um Kurve hinan. Klar, hier kann es nur bergauf gehen. Nach der letzten Windung liegt sie da, die Adelsgemeinde derer von Guttenberg.

Guttenberg, die kleinste selbstständige Gemeinde in Franken. In den paar Sträßchen schmiegen sich die Heime der Kleinhäusler aneinander. Mit einem Aushang droht der evangelische Pfarrer den Menschen schlimme Folgen an, wenn sie nicht an Gott glauben. Vor dem Schlosstor steht auf zwei Schildern, was alles verboten ist.

Dazu lächelt der Wirtschaftsminister vom Plakat. Er hat wirklich schöne Zähne.

Das hat Familie Knetsch in der Oberen Dorfstraße auch gefunden. Also hat der Papa, ein ehemaliger Seemann, den es wegen der Liebe nach Oberfranken verschlug, zu seiner Michaela gesagt, sie soll doch etwas Schönes mit dem Herrn von Guttenberg für die Haustür basteln. Der hat schließlich schon mal einen Brief an die Knetschs geschickt und sich bedankt, dass sie ihn wählen. Die Frau Merkel hat ihnen auch schon zweimal geschrieben. Und der Papst sogar dreimal. Sie bastelten ein Herz.

Das Haus der Knetschs hat einen drei Meter langen Riss. Wegen des Steinbruchs im Tal. Wenn dort gesprengt wird, bröselt der Putz in der Oberen Dorfstraße. Aber das macht nichts. „Wir haben es so schön hier. Wir möchten nirgendwo anders leben als in Guttenberg.“

Etwas weiter nördlich beginnt der Osten. Dörfer mit verlassenen Häusern. Sonntäglich verwaiste Gewerbegebiete. Mittags riecht es nach Sauerbraten. Unterklassige Fußballspiele mit zu dicken Kickern. Ein überteuertes Hotel bei Bitterfeld. Ein Baggersee bei Wünsdorf, der schon die Sommerwärme verloren hat. Ein verrammelter Kiosk im Strandbad. In Rangsdorf sitzen vor der Metzgerei in der Clara-Zetkin-Straße drei Rentner beim Bier. Es ist Mittag.

„Können Sie mir bitte sagen, wie ich nach Berlin komme?“

„Wat? Mitm Rad?“

Dann zeigt einer nach Norden. „Da jeht et durchn Wald. Immer jradaus. Aber is noch weit.“

„Wie weit denn, bitteschön?“

„Für uns so weit weg wie Honolulu.“

Und wie werden sie es mit dem Wählen halten? Der Wortführer macht eine Handbewegung, als würde er eine Wespe verscheuchen. „Du weißt doch nicht mehr, wen du wählen sollst. Ich hab das Gefühl, die verarschen uns alle.“ Naja, vielleicht der Platzeck nicht. „Aber der ist so traurig.“

Weiter auf der Clara-Zetkin-Straße. 300 Meter hinter der Metzgerei hat jemand ein Platzeck-Plakat verschmiert. In der Tat: Der Politiker lächelt, aber die Augen sind voller Melancholie.

Stadtgrenze Berlin, dann weiter bis Schöneberg. Zur Siedlung Lindenhof mit ihrem idyllischen Park, den vielen Seerosen im Teich und, wenn man genau hinsieht, Löchern in den Fassaden. Dahinter noch, in einem Café, sitzt der Künstler Gerhard Seyfried, ein 61-jähriger Anarchist voller Menschenwärme. Ein Mann, der bitterböse Cartoons über die Republik zeichnet, einer, der immer noch eine tiefe Regung fürs Land hat. Vor gut 30 Jahren von München nach Berlin zugewandert. Ein paar Mal ist er der Stadt ausgebüxt, immer wieder hat es ihn zurückgezogen. Mehr New York als in Berlin gibt es in Deutschland nicht.

„Herr Seyfried, bei der Lektüre ihres Tupamaro-Romans geht es um Deutschland, und man bekommt den Eindruck, Sie hatten beim Schreiben Riesenzorn.“ Das findet er lustig. „Logisch hatte ich einen Riesenzorn. Den habe ich immer noch.“

„Wie bitte?“

„Naja, wenn man das alles mit wachen Sinnen verfolgt, was hier vorgeht, dann muss man eine Wut bekommen.“

Er guckt in die Sonne, trinkt einen Schluck Bier. „Früher habe ich mich im Widerstand versucht. Dann habe ich gemerkt, dass ich mit Zeichnungen mehr erreiche. Also mache ich meine Arbeit. Das hilft mir, mit dem Zorn zu leben.“

Noch ein kleiner Schluck. Kinder spielen auf dem Platz, Mütter halten einen Plausch, Menschen sitzen in der Sonne und lesen Bücher. Seyfried lächelt. Es sei doch ganz prachtvoll hier. „Das lassen wir uns doch von denen nicht kaputt machen.“ Er deutet in Richtung Regierungsviertel. Und auf zwei Plakate mit Erfolg und Kraft versprechenden Politikern.

Seyfried lässt sich die Gaudi nicht verderben. Auch nicht, wenn jetzt ein paar von denen gewählt werden müssen.

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dagegen wird lustig

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