Zeitung Heute : Von Bologna lernen

Im Studiengang Heilpädagogik der KHSB spielt der internationale Austausch eine wichtige Rolle

Matthias Manych

Bei einem Gastvortrag im Jahre 2004 war die Aufmerksamkeit unter den Studierenden der Heilpädagogik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) besonders groß. Nicola Coumo von der Universität Bologna berichtete über neueste heilpädagogische Entwicklungen in Italien. Unmittelbar nach diesem Vortrag war auch das Interesse groß, das im Studium vorgesehene Praxissemester in der Provinz Bologna zu absolvieren. Kein Wunder, denn die fortschrittlichere internationale Sichtweise spielt in der Heilpädagogik eine besondere Rolle.

„Deutschland wird sehr stark von Entwicklungen aus England, den USA, Skandinavien und Italien beeinflusst“, sagt Monika Schumann, Professorin an der KHSB. Bereits in den 1950er-Jahren ging von Dänemark der sogenannte Normalisierungsgedanke aus, nach dem Menschen mit Behinderungen nicht mehr in Großeinrichtungen untergebracht, sondern in der Gemeinde oder im Stadtteil unterstützt werden.

Während in den 1970er-Jahren in Deutschland noch die auf das Reichsschulgesetz von 1938 zurückgehende Verpflichtung bestand, ein behindertes Kind auf eine Sonderschule zu schicken, wurde zur gleichen Zeit in Italien der gegensätzliche Weg beschritten: Per Nationalgesetz wurden 1977 Sonderschulen abgeschafft und die gesamte sonderpädagogische Unterstützung in Regelschulen und -kindergärten angesiedelt. „In nationalen und internationalen Studien ist belegt, dass die schulische Integration mit zusätzlicher pädagogischer Unterstützung ebenso gut ist, wie der Regelschulunterricht ohne behinderte Mitschüler – teilweise sogar besser“, berichtet Schumann.

Wegen des großen Interesses an praktischen Auslandserfahrungen stieg die KHSB im Jahr 2005 in das Erasmus-Programm ein. Damit ermöglicht die Europäische Union Studienaufenthalte im Ausland mit einer Förderungsdauer von drei bis zwölf Monaten. Monika Schumann ist die Kontaktdozentin für Italien und unterstützt die Interessierten bei der Suche nach einer passenden Praxisstelle, zum Beispiel in Schulen oder Kindergärten. Dort wird dann unter qualifizierter Anleitung mindestens 20 Wochen lang in Vollzeitbeschäftigung mitgearbeitet. Im Rahmen des studienintegrierten Praxisaufenthaltes können auch eigene heilpädagogische Angebote entwickelt werden.

Im jetzigen Bachelor-Studiengang liegt das Praxissemester im 4. Studienhalbjahr. Der durch Erasmus geförderte Austausch kann auch von Dozenten genutzt werden, etwa um gemeinsame Lehrpläne zu entwickeln. Die Kooperation in der Heilpädagogik soll künftig auch mit anderen Ländern aufgenommen werden. „Es könnte sein, dass in nächster Zeit die Niederlande, die Schweiz, Schweden und Österreich dazukommen“, hofft Monika Schumann. Schon jetzt verfügt die Katholische Hochschule über weitere Erasmus-Abkommen mit Universitäten in Spanien und der Türkei.

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