Zeitung Heute : Von Bologna nach Berlin

Europas Bildungssystem wächst zusammen: Die Umstellung auf Master- und Bachelor-Studienabschlüsse läuft auf Hochtouren

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„Wie schön wäre ein einheitlicher Studienabschluss in ganz Europa.“ Das hat sich schon mancher Absolvent deutscher Hochschulen gewünscht, der mit seinem Diplom oder Magisterabschluss im Ausland bei der Suche nach Job oder Aufbaustudienplatz nicht genügend Anerkennung fand. Der Wunsch könnte in Erfüllung gehen, denn Europas Bildungssystem wächst langsam zusammen. Formuliert wurde das Ziel europaweiter Studienabschlüsse bereits 1999 – von 29 EU-Bildungsministern im italienischen Bologna.

Mittlerweile beteiligen sich insgesamt 40 Staaten am „Bologna-Prozess“. Zu dessen wesentlichen Punkten gehört die Schaffung eines zweistufigen Systems von Studienabschlüssen. So sind auch die deutschen Hochschulen gefordert, Studiengänge nach dem Bachelor- und Master-Typ zu konzipieren, wie sie das angelsächsische Bildungssystem schon lange kennt. Doch die Aufgabe fällt schwer, bedeutet es doch den Abschied von traditionellen Abschlüssen wie Diplom, Magister oder Staatsexamen, die Ingenieuren, Geisteswissenschaftlern oder Juristen in Deutschland die Qualifikation traditionell bescheinigten.

Doch das vertraute System hat auch Nachteile. Negativ schlagen vor allem hohe Abbrecherquoten und überlange Studienzeiten von sieben, acht oder noch mehr Jahren zu Buche. Wer schneller in den Beruf will oder das Studium abbrechen muss, stand bislang ohne berufsqualifizierenden Abschluss da. Denn Vordiplom oder Zwischenprüfung werden nicht als solcher anerkannt. Das ist bei dem neuen System anders.

Der Bachelor-Grad, für den sechs Semester vorgesehen sind, gilt bereits als berufsqualifizierend. Als vorteilhaft wird auch der stärkere Praxisbezug gesehen. Wer noch den Master erwerben will, muss weitere vier Semester studieren.

Das Studium ist nach thematisch zusammenhängenden Lehrveranstaltungen aufgebaut. Solche Module werden mit Leistungsnachweisen, etwa einer Klausur, abgeschlossen. Damit erhält man Leistungspunkte (Credit Points), je nach Bachelor–Abschluss zwischen 180 und 210.

Nach dem "European Credit Transfer System (ECTS)" ist dieses Leistungspunktsystem quasi genormt. Die einzelnen Bachelor- und Master-Studiengänge bauen somit auf international vergleichbaren Leistungen auf. Das fördert die Mobilität und erleichtert den Hochschulwechsel – auch ins Ausland.

Mit derartig gravierenden Änderungen geht auch eine inhaltliche Erneuerung des Studiums einher. Das erfordert viel Arbeit und Zeit, so dass eine Übergangsfrist bis 2010 vorgesehen ist. Es gibt allerdings viele Hochschulen, die nicht so lang warten wollen. Die Stuttgarter Hochschule für Medien oder die Fachhochschule Konstanz beispielsweise. Beide haben komplett auf Bachelor umgestellt. Oder die Ruhr-Universität Bochum, an der sich unter den rund 60 Studiengängen nur noch etwa ein Dutzend eingliedrige Angebote finden. Laut Hochschulrektorenkonferenz (HRK) gibt es im kommenden Wintersemester insgesamt 1253 Bachelor- und 1308 Master-Studiengänge.

Auch an den Berliner Universitäten ist die Umstellung bereits in vollem Gange. Hatten diesen Schritt bisher meist kleinere Fächer vollzogen, folgen nun auch stark nachgefragte Studiengänge. Beispielsweise kann man sich im Fachbereich „Philosophie und Geisteswissenschaften“ der Freien Universität Berlin ab Wintersemester 2004/2005 nur noch in Bachelor-Studiengänge einschreiben. Ähnliches gilt für Anfänger der Germanistik, Slawistik, Anglistik oder Skandinavistik an der Humboldt-Universität.

Auch die Technische Universität Berlin offeriert bereits Studiengänge mit Bachelor oder Master-Abschluss, so auch traditionelle Ingenieurstudien, wie die Elektrotechnik. Bis 2006 sollen die meisten Disziplinen auf das neue System umgestellt sein. Ebenso wenig verschließen sich Fachhochschulen und private Hochschulen dem Zug der Zeit.

Zu den privaten Akademien, die Bachelor- und Master-Studiengänge anbieten, gehört die Berliner Kommunikations-Hochschule Pixelapostel. In Kooperation mit der Akademie für multimediale Ausbildung und Kommunikation an der Hochschule Mittweida werden etwa die Bachelor-Studiengänge Media Management und Business-Management angeboten. Interessenten können unter Schwerpunkten wie Media Consulting, PR-Kommunikations-Management, Digital Design oder Wirtschaftskommunikation wählen. Vier Semester werden auf dem Berliner „pixelcampus“ absolviert, ein Semester in Mittweida. Die einsemestrige Praxisphase kann auch im Ausland abgelegt werden. „Neben Fachwissen wollen wir auch soziale Kompetenzen vermitteln“, sagt Geschäftsführer Carsten Henning-Ruminski. Der neue Studiengang Wirtschaftskommunikation, der Anfang November startet, wurde bereits nach den Bologna-Richtlinien zertifiziert. Infoveranstaltungen zum Bachelor gibt es jeweils um 17 Uhr bei Pixelapostel. Infos unter 030 / 79 74 2 9 50.

Mehr Infos im Internet::

www.hrk.de

www.senwisskult.berlin.de

www.mwk.bwl.de

www.pixelapostel.de

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