Zeitung Heute : von Bremen Straßen Die

Werder ist Meister im Fußball – und Bremen Vize-Meister in der Straßenkriminalität. Warum sich die Stadt jetzt neu erfinden will.

Christine-Felice Röhrs

Letzte Woche haben sie Julians Bruder die Füße mit einem Gürtel zusammengebunden, ihn durch die Straße geschleift und mit Stöcken draufgehauen. Sagt Julian. Am Nachmittag, Stuhmer Straße, Gröpelingen, Bremens Werftarbeiter-Viertel. Hier fuhr die Polizei lange nur in Doppelstreifen rein. Mittlerweile hat zwar auch die Stuhmer Straße was abbekommen von den 70 Millionen, mit denen die Gegend saniert wurde. Die Häuser, die gestapelten Kartons gleichen, sind sauber verputzt, und hinter der Nummer 8 liegt ein Streichelzoo, für die vielen Kinder. Aber hinter den Fassaden müssen sich noch immer 35 000 Menschen aus 70 Nationen zusammenraufen, und in manchen Straßenzügen sind bis zu 50 Prozent arbeitslos. Auch das ist Bremer Realität.

Die Meisterstadt. Mitten in Bremen, an den Häusern des Rathausplatzes, hängen diese riesigen Plakate. „Danke Werder“ steht drauf. Oder „Danke. Ihr seid Helden“. Vor ein paar Spieltagen hat Werder Bremen Bayern geschlagen. Und alles ist anders. Bremen, dem bisher jede Theatralik fehlte, wo der Landeschef nur Bürgermeister heißt und die Kicker für Schuhe mittlerer Preislage werben, Bremen also ist jetzt Schauplatz großen Fußballs. Ganz Deutschland guckt her. Aber weiß es, was es da sieht?

Für die meisten ist Bremen wie ein blinder Fleck. Man weiß, dass da was ist. Fußball. Oder Werftenkrise. Aber man kriegt es nicht scharf, aus der Ferne. Mag sein, dass es an dieser viel zitierten Bremer Ruhe liegt. Daran, dass die Bremer so sind wie Thomas Schaaf zum Beispiel, Werder-Trainer und „notorisch unaufgeregt“, wie einer mal schrieb. „Wie sehen Sie die Lage?“ hatten Journalisten ihn vor dem Spiel gegen Bayern gefragt. Und Schaaf, sehr vernünftig: „Wie sie ist.“

Vielleicht liegt es aber auch an diesen irritierenden Nachrichten – Bremen, das große Einerseits-Andererseits. Als „größtes Dorf Deutschlands“ gilt Bremen und liegt doch nach neuesten Zahlen des BKA bei der Straßenkriminalität ganz weit vorn, knapp hinter dem Erstplatzierten Köln. „Stadt der Wissenschaften“ ist es gerade geworden, aber bei Pisa landete es an letzter Stelle in Sachen Elementarbildung. Bremen investiert und investiert, doch die Arbeitslosenzahlen und die Pro-Kopf-Verschuldung bleiben die höchsten in ganz Westdeutschland. Was also ist Bremen?

Die drei Freunde sitzen auf dem Balkon von Meikes Wohnung und trinken Bier. Julian, 17, mit dem verprügelten Bruder, der bald den erweiterten Hauptschulabschluss hat, Meike, 21, die aussieht wie ein Junge und jetzt „in der Verpackung“ arbeitet, Tareq, 19, ohne Abschluss, der in der Schule mal jemanden durch die Scheibe geworfen hat und gefeuert wurde. Jetzt arbeitet er schwarz, auch in der Verpackung, und hofft, vielleicht Zeitsoldat werden zu dürfen, weil er da „Aufstiegschancen“ sieht. „In Bremen laufen immer mehr herum mit einer Wut im Bauch“, wird die Polizeireporterin des „Weser Kurier“ später sagen. Bei Mord und Totschlag war Bremen mal zwei Jahre führend, wird sie sagen, aber zurzeit sei es die Gewalt unter Jugendlichen, die der Stadt Sorgen bereite. Jedes fünfte Kind lebe mittlerweile von Sozialhilfe.

Die Polizeireporterin, Rose GerdtsSchiffler, ist am Montag nicht zu kriegen. Da hat sie Familientag. Den hat sie sich ausbedungen. Im Vertrag steht auch, dass sie nicht zu Tatorten muss. Dass eine Verbrechensbeauftragte nicht zu Tatorten muss, das ist auch Bremen. Das Verständnis von Nachrichten sei eben bürgerlich, nicht reißerisch, sagt sie am Dienstag.

Zum Treffen im Foyer des „Weser Kurier“ kommt die schmale Blondine ein paar Minuten zu spät, ein Termin davor und noch ein paar danach, ein bisschen außer Atem ist sie – sie hat viel zu tun in letzter Zeit. Am Breitenweg, der Discomeile, gibt es jedes Wochenende mehr Messerstechereien, erzählt sie. „Da flippen ganz normale Jugendliche aus!“ Handys und Markenklamotten zocken sie ab. Um ein Leben geht es, das sich immer mehr nicht leisten können. „Unselig“ sei es, sagt Gerdts-Schiffler, dass gleichzeitig die Ausgaben gekürzt werden. Die meisten Freibäder sollen schließen, das Netz der Bibliotheken schrumpft, auch die Vorschulen würden abgeschafft, in denen die ausländischen Kinder wenigstens schon mal ein bisschen Deutsch lernten. Gerdts-Schiffler sagt: „Wissen Sie, wir haben zu viele Verlierer in dieser Stadt.“

Siegreiches Bremen – Stadt der Verlierer?

„Empfindlich darf ich hier nicht sein“, sagt Peter Siemering. Es ist um die Mittagszeit herum, und draußen flaggt ein Mitarbeiter der Bremer Touristik-Zentrale drei Mal Werder. Werder ist der größte Werbeträger für Bremen (nicht Beck, denn die Brauerei macht zwar viel Werbung, nur das Wort Bremen taucht da nie auf). Mit „empfindlich“ meint Siemering: Er darf sich einfach nichts draus machen, wenn die lokale „taz“ ihm mal wieder um die Ohren haut: „ein Wahnsinn, dieser Kommerz!“: Schlachte-Promenade, Space Center, das herausgeputzte Schnoor-Viertel, die neue Galopprennbahn… Siemering ist Bremens Ober-Erfinder, als Chef der BTZ seit sieben Jahren. Die Schlachte unterhalb des Rathausplatzes war sein erstes Projekt. 16 Kneipen mit Wasserblick, wo vorher ein Parkplatz war. Ein großer Erfolg.

Bremen erfindet sich neu zurzeit. Und vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass es dauert, bis die Konturen hier an Schärfe gewinnen. Bremen ist dabei, den alten Charakter abzustreifen, Strukturwandel nennt sich das – das neue Bremen muss man da erst suchen. Man findet: bisher allenfalls Splitter. Für jeden will das neue Bremen in Zukunft etwas sein. Für Junge, Alte, Busreisende, Wissenschaftler und Star-Trek-Fans. Kommt und seht mich, sagt Bremen. Was es nie getan hat, tut es jetzt. Verkauft sich. Will es jedem recht machen. Ein Pfeffersack im roten Kleid. Hanseatisch ist das nicht.

Peter Siemering hat sich zurückgelehnt in seinem Stuhl, und mit Handkantenschlägen auf den Tisch kommentiert er die Pläne: Bis 2006 will Bremen noch einmal 4600 Arbeitsplätze in der Fremdenverkehrsbranche schaffen, auf 16 000 aufstocken, genauso viel wie bei Daimler Chrysler, Bremens größtem Arbeitgeber. Schon jetzt, sagt Siemering, liege man beim Zuwachs im Tourismus an zweiter Stelle hinter Berlin. 2010 will Bremen auch Europas Kulturhauptstadt sein. „Bus-Destination 2004“ ist es gerade geworden. Siemering springt auf und geht den Pokal holen – alles dran, Glas, Silber, Marmor. Von der Arbeitslosigkeit spricht Siemering nicht.

Ausgedacht hatten sich die Bremer ihre schöne neue Welt Anfang der 90er Jahre. Die alte war zerplatzt mit einem Knall. AG Weser bankrott, Vulkan Werft fast bankrott, und in Gröpelingen, wo die Arbeiter wohnen, brannten die Autos. Bremen war Bettler geworden.

Die Krise hat viele Gründe. In einem Stadtstaat ist man schnell über die Grenzen, und wer im Grünen wohnt, zahlt eben da Steuern und nicht in Bremen. Bis zu 40 Prozent der Arbeitsplätze, heißt es, werden von Pendlern belegt. Und dann machten die Stadtchefs diese Umfrage. Schauten verzweifelt, wo ein bisschen Zukunft herkommen könnte – und mussten feststellen: Bremen hat kein Image. Null. Weder positiv noch negativ. Die Bremer Stadtmusikanten, die kannten die Menschen, aber die stehen am Westeingang des Rathauses erstaunlich versteckt und auch ziemlich klein, die reichen nicht als Zukunft. Und bat man die Leute, mal die zehn größten deutschen Städte aufzuzählen (Bremen ist zehntgrößte), dann landete man auf Platz 40. Sogar Berchtesgaden lag davor.

So kam die Neuerfindung ins Spiel.

Jetzt versuchen die Bremer es also mit Größe in ihrer kleinen Stadt. Das Größte, was das Experiment hervorgebracht hat, ist das Space Center. Eine Viertelstunde über die Autobahn raus, da liegt es, wo früher die AG Weser war und sieht aus wie das Kanzleramt hoch 20.

Na gut, es ist Dienstagnachmittag, und die Sonne scheint. Vielleicht nicht der richtige Moment, um Europas größten Indoor-Freizeitpark zu besuchen. Aber 22 Autos, wo Tausende Platz hätten?

Drinnen ist es gespenstisch. Vielleicht wird die Eingangshalle irgendwann einmal nicht mehr so überdimensioniert wirken wie ein Spezialeffekt in „Star Wars“, irgendwann, wenn wirklich die 1,3 Millionen Besucher im Jahr kommen, die man sich ausgerechnet hatte. Es ist eine schwache Hoffnung. Star-Trek-Musik braust aus unsichtbaren Boxen, und in der Ferne, am Ende der Flucht, die durch die Einkaufspassage aufs Space Center zuführt, trottet einsam ein Wachmann, der Körper gespiegelt im gebohnerten Boden. Die Szenerie wirkt wie ein Abspann, und eigentlich ist sie das ja auch. 40 000 Quadratmeter Gewerbeflächen, alle Läden rechts und links, stehen leer.

Space Center und Shoppingmall, zusammen der Space Park, hatten sich beim Kundenfang eigentlich gegenseitig helfen sollen. Es klang so schön: Bremen ist ja Stadt der Luft- und Raumfahrt – die EADS baut hier Teile für die Trägerrakete Ariane und für Satelliten. Aber dann traten die drei „Ankermieter“ der Mall wegen der schlechten Konjunktur zurück, 80 weitere Interessenten sagten ab. Im Februar eröffnete der Space Park ohne Läden. Jetzt gibt es Lockangebote für Senioren, ohne Achterbahn.

380 Millionen Euro privater Investoren stecken im Beton, sagen Experten, und 150 Millionen der öffentlichen Hand. Machte das Center dicht, dann gäbe das bundesweit zumindest hochgezogene Augenbrauen. Denn das Geld ist teilweise einmal aus dem Länderfinanzausgleich geflossen, und dann hat Bremen ja auch außerordentliche Sanierungsgelder erstritten – 8,5 Milliarden Euro seit 1994. Geld, das Bremen investiert statt zu entschulden, was in Teilen ja auch klappt. Das Wirtschaftswachstum liegt inzwischen über dem Bundesdurchschnitt. Aber eine echte Wende ist nicht in Sicht.

So ist an jedem Euro, den Bremen fehlinvestiert, ganz Deutschland beteiligt, könnte man sagen – ein demütigender Gedanke und geeignet, das Selbstbewusstsein anzugreifen. Auch deshalb sind die Bremer ihren Fußballern wohl so dankbar. Willi Lemke, langjähriger Werder-Manager, heute Senator, sagte gerade: „Wenn wir es schaffen, mit unseren Mitteln den Großen eins auszuwischen, dann ist das über den Fußball hinaus ein Zeichen für die Bürger Bremens.“

Den Minderwertigkeitskomplex, den einige den Bremern attestieren, merkt man im Alltag allerdings nicht. Die Fußgängerzone ist voll mit fröhlichen Menschen, vor Tagen hatten sich noch 60 000 hier ausgetobt und Zeitungen mit den Meisternachrichten zu Konfetti zerrissen, sagt der Kellner vom Café Knigge, der sich einfach mit an den Tisch setzt. Armenhaus, Arbeitslose, Almosenempfänger? „Oooch, muttscha“, sagt der Kellner, „muttscha“ – Bremer Allzweckwort. Muss ja weitergehen. Gejammert wird in Bremen wenig.

Bremens größte Eigenart ist vielleicht, dass es seine Eigenarten so gut versteckt. Dass weder der Ausschlag nach oben noch der nach unten sichtbar wird. Es bietet jedem erst einmal eine gepflegte, solide Projektionsfläche. In ihre Vorgärten pflanzen Bremer bevorzugt Rhododendron. Die Hosen sitzen ein bisschen höher auf den Hüften, und die Handygesprächsquote in Kneipen liegt niedriger. Bremen ist wie das Wohnzimmer der Großmutter. Man würde eigentlich nichts genauso machen, aber trotzdem ist es ein Zuhause. Und irgendwie scheint das auch die Neuen schnell zu ergreifen.

Am Ende der Bremen-Recherche liegt ein Spaziergang mit John von Düffel. Von Düffel ist Dichter, Dramaturg und Bachmann-Preis-Träger und arbeitet eigentlich am Thalia-Theater in Hamburg, aber dort hinziehen, das wollte er nicht. Seit vier Jahren lebt er jetzt in Bremen, die längste Zeit, die er jemals an einem Ort verbracht hat, und endlich kann mal einer das Bremen-Geheimnis lüften. Wie es diese eigenartig eigenartenlose und krisengeschüttelte Stadt schafft, trotz allem geliebt zu werden.

Für von Düffel ist Bremen eine Art Anti-Therapie: zu Hamburg, zu der Aufgeregtheit, „zum gebrochenen, flirrenden Großstadtmenschen“. Aber auch für andere könne Bremen herhalten, als Gegenentwurf zum Leben insgesamt vielleicht, zu Brutalität und Hektik und Unübersichtlichkeit. Von Düffel sagt, er selber sei ein Theatralischer manchmal, obwohl er überhaupt nicht so wirkt, wie er da sitzt im Café an der Promenade, ganz unprätentiös, in Jeans und T-Shirt, den Rucksack neben sich. Sein Bremen hat sich zusammengesetzt aus dem Eindruck, dass nicht die Stadt ihn besitzt, sondern er die Stadt, und aus einer Menge Einzelbildern: der Park, in dem er joggt, der See, in den er springt, bevor er wieder heimwärts läuft. Und diese Aromaströme. „Machen Sie doch mal die Nase auf“, bittet von Düffel. Malziges liegt in der Luft, das kommt von Beck, der Brauerei, aber einen Schritt weiter ist es schon Schokoladiges, das kommt von Kraft Jacobs Suchard, und manchmal riecht von Düffel auch den Kaffee von Tchibo oder Hag.

Bremen stürmt die Sinne nicht. Es erobert sie langsam. Es heißt, solche Beziehungen halten am längsten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!