Zeitung Heute : Von Brilon nach Milchenbach: eine Wanderung auf dem Kamm des Rothaargebirges

Jürgen Knepper

Jetzt regnet es schon seit Beginn der Wanderung an diesem Morgen. Erst bilden sich Pfützen auf dem Weg, dann kleine Rinnsale, in denen die Fracht der tief hängenden Wolken zu Tal fließt. Voraus grummelt der Donner - auch das noch, ein Gewitter zieht herauf. Weit und breit keine Unterstellmöglichkeit. Auf dieser Etappe durchs südwestfälische Rothaargebirge merke ich: Die rauen Höhen und tiefen Täler dieser im Sonnenschein so idyllischen Landschaft sind vom Wasser geprägt, heute wie vor Urzeiten.

Begonnen hat dieser Marsch über die Wasserscheide zwischen Rhein und Weser an den Bruchhauser Steinen in der Nähe von Brilon. Diese vier bis zu 92 Meter hohen Klippen, der Ravenstein, Bornstein, Feldstein und der Goldstein, wurden von einem unterseeischen Vulkan vor Millionen Jahren aus Porphyrgestein in die Höhe gedrückt. Im Erdaltertum nämlich war das Rheinische Schiefergebirge von einem Urmeer bedeckt. Der Meeresgrund hob sich, faltete sich zu einem Hochgebirge auf. Wind und Wasser trugen es ab und modellierten die Landschaft zu dem, was sie heute ist: ein Mittelgebirge mit Gipfeln, die die 800 Meter knapp übertreffen.

Der kleinste der Bruchhauser Steine, der Feldstein, ist über in den Fels gehauene Treppenstufen zu besteigen, ein Geländer sichert die Aussichtsplattform, auf der ein neun Meter hohes Eichenkreuz steht. Ich bin allein und doch wieder nicht: Der Hinweistafel am Fuß der Klippen entnehme ich, dass ich die Bruchhauser Steine mit einem anderen, aber vergleichbar unsteten Vertreter der Evolution teilen muss, dem Wanderfalken. Er nutzt gern die steilen Wände der Klippen zum Brutgeschäft. Mein Blick von diesem Teil der frühgeschichtlichen Wallburganlage und Kultstätte schweift von Nordwesten nach Südosten, von Warstein über Grevenstein bis in Richtung Krombach - wenn es hier schon so viel gutes und mildes Wasser aus Wolken und Gestein gibt, warum, dachten sich die schlauen Bewohner dieser Gegend, soll man nicht ein bisschen Hopfen und Malz dazu tun?

Dem daraus entstehenden Produkt vermochten die Menschen weit mehr abzugewinnen als etwa Plänen, das in dieser Gegend parallel zur Ruhr verlaufende Flüsschen Neger aufzustauen und den Ort Brunskappel mit seinen vielen Fachwerkhäusern darin versinken zu lassen. Widerstand organisierte sich: Nein, das Rothaargebirge sollte mit seinen zahlreichen Talsperren nicht vollständig zum Wasserturm des Ruhrgebiets werden. Der industrielle Strukturwandel im Revier, stagnierende Einwohnerzahlen zwischen Dortmund und Duisburg und ein bewussterer Umgang mit der Ressource Wasser haben die Pläne für die Negertalsperre endgültig in den Schubladen verschwinden lassen. Man sieht: Sauerländer sind nicht nur frischem Pils gegenüber aufgeschlossen, sondern auch dickköpfig und stur, wenn es um ihre Heimat geht.

Am Langenberg vorbei, mit 843 Metern die höchste Erhebung in Nordrhein-Westfalen und direkt an der Grenze zu Hessen gelegen, gehe ich der Quelle der Ruhr entgegen und erreiche Winterberg. Der Himmel zieht sich zu. Aber es fallen keine Schneekristalle, sondern Regentropfen, als ich auf den Klimaweg zwischen Winterberg und dem Kahlen Asten (841 Meter hoch) einbiege. Dieser sechs Kilometer lange Höhenweg soll das Reizklima des Astengebiets dokumentieren. Das gelingt ihm perfekt, die Feuchtigkeit, die den Organismus zunehmend einhüllt, reizt mich zum Niesen und zur Einsicht, dass gegen Regen nur ein Mittel wirklich hilft: Sonnenschein. Ein Trost auch, dass das Reizklima das körpereigene Immunsystem stärkt, und irgendwie müssen ja die 1400 Millimeter Regen, die hier im Jahresdurchschnitt fallen, zustande kommen.

Von besserem Wetter ist auf der Plattform des 20 Meter hohen Astenturm allenfalls etwas zu ahnen. Hier oben hatte bis vor wenigen Jahren Wetterwart Willi Pfennig seinen Arbeitsplatz, übrigens den höchsten, vielleicht schönsten und gewiss kurzweiligsten in Nordrhein-Westfalen. Jahrzehntelang stellte er Tag für Tag seine meteorologischen Beobachtungen und Messungen an und meldete die Ergebnisse an das Deutsche Wetteramt in Essen, das sie nach Offenbach weiterreichte. Wenn er mal bei seiner Arbeit aufgeblickt hat, dann verschlug es ihm oft den Atem. Von diesem Turm über dem grünen Teppich der weiten Wälder sieht man bei Inversionswetterlagen, die im Frühjahr und Herbst auftreten, die Halligen im Norden, den Brocken im Harz, im Südwesten den Kleinen Feldberg liegen, im Osten taucht der Thüringer Wald auf, weiter südlich davon zeichnet sich die Rhön ab.

Endlich, der Wald lichtet sich, eine Bank. Vor langen Jahren haben Waldarbeiter die Bäume am steil abfallenden nördlichen Berghang gefällt und eine Schonung angelegt. Der Blick kann endlich wieder einmal weit schweifen. Unten liegt als einzige sichtbare menschliche Siedlung der Flecken Milchenbach.

Und da ist es auf einmal wieder, das Meer, das hier vor Millionen Jahren getost hat: In dichten Reihen rauschen vom Horizont her die Wogen heran. Schräg links buckeln sich die hohen Kuppen der Lenneberge bei Saalhausen, aus Nordosten rollt das Massiv der Hunau (818 Meter) auf mich zu, im Süden verebbt die Flut in den Erhebungen des Wittgensteiner Landes und der Haincher Höhe an der Grenze zu Hessen. Alles ist vom herrschenden Fichtenwald blau-grün, die Wogen tragen Gischt aus Bäumen, wie Priele graben sich die Flüsse Lenne, Sieg, Eder und Lahn in den Grund.

Das alte Meer vor und hinter dem Kamm des Rothaargebirges hält weiterhin den Atem an. Im sonnenbeschienenen Milchenbach rührt sich nichts. Weiße Wattewolken ziehen ihren Weg.

Anreise: Per Bahn anreisend lässt sich das Rothaargebirge von Osten her von Brilon oder Winterberg aus erkunden. Wer im Westen starten will, fährt mit der Bundesbahn bis Siegen, dort startet die Rothaarbahn (RB 93) nach Bad Berleburg. Aus Richtung Süden führt ab Marburg die Obere Lahntalbahn (RB 94) nach Erndtebrück.

Vergünstigungen: Sauerland Card, ein Bonusheft mit Vergünstigungen und Rabatten wie der kostenlosen Nutzung von öffentlichen Bussen im Hochsauerland. Gilt in Winterberg und seinen Dörfern, außerdem in Brilon, Olsberg, Schmallenberg und Willingen.Auskunft: Touristikzentrale Sauerland Heinrich-Jansen-Weg 14, 59929 Brilon; Telefonnummer: 029 61 / 94 32 29, Telefaxnummer: 029 61 / 94 32 47; die Internet-Adresse: www.sauerland-touristik.de

Touristikverband Siegerland-Wittgenstein, Koblenzer Straße 73, 57072 Siegen; Telefonnummer: 02 71 / 333 10 20, Telefaxnummer: 02 71 / 333 10 29.

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