Zeitung Heute : Von den Barrieren in den Köpfen

Der Tagesspiegel

Eine ungewöhnliche Kirche an einem ungewöhnlichen Ort – Maria Regina Martyrum. Das Anfang der sechziger Jahre gebaute Gotteshaus soll erinnern an die katholischen Christen, die zusammen mit ihren evangelischen Mitgläubigen im Widerstand gegen die Nazi-Diktatur ihr Leben verloren. Der rechteckige Bau am Heckerdamm wirkt von außen wenig einladend. Im Inneren sind die Fenster unsichtbar. Doch an diesem strahlenden Sonntagmorgen gelingt es selbst dem indirekten Sonnenlicht, den Betonwänden etwas von ihrem Grau zu nehmen.

Im Gottesdienst sitzen neben den Schwestern aus dem benachbarten Karmeliterinnen-Kloster auch viele ausländische Gläubige von den Philippinen, aus Vietnam oder Polen. Die Kirchenbänke sind voll. Jesuitenpater Hans-Georg Lachmund, der Seelsorger der Gemeinde, prägt die Liturgie dieses dritten Fastensonntags mit wohltuender Klarheit. Die Gebete sind konzentriert und sparsam formuliert – alle bezogen auf das Evangelium des Tages. Jesus trifft am Jakobsbrunnen eine Frau aus Samaria und beginnt mit ihr ein Gespräch. Er hat Durst und bittet die Frau um Wasser – etwas, was ein frommer Jude damals nicht tat. Man hielt besser Distanz zu Samaritern. Sie hatten den falschen Glauben. Das war zumindest die allgemeine Überzeugung. Dennoch sprechen die beiden miteinander.

Dialog und Vorurteile, davon handelte auch die Predigt. Wer sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzt und etwas riskiert, kann anderen begegnen. Ein echtes Gespräch kommt nur zustande, wenn beide den Mut haben, sich hinter die Fassade schauen zu lassen, sagte Pater Lachmund. Manche Barrieren seien auch heute noch fest in Köpfen verankert. Als Beispiel nannte der Jesuit die Bundestagsdebatte zur Zuwanderung. Viele Vorurteile und Schlagworte habe es dort gegeben, „die uns zu nichts verpflichten".

Martin Gehlen

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