Zeitung Heute : Von den Schülern lernen

Die Kultusminister haben über Reformen beim achtjährigen Gymnasium beraten. Was soll sich ändern?

A. Burchard U. Schlicht

Nachdem jahrelang Bayern die Hochburg des Widerstands gegen das 2003/2004 eingeführte Turbo-Abitur war, kommt die Kritik seit einigen Monaten aus allen westlichen Bundesländern. Gestresste Schüler, die ohne warmes Mittagessen bis in den Nachmittag lernen müssen und zu wenig Zeit für Sport, Musik und Freunde haben, wütende Eltern und ratlose Lehrer: In den Wahlkämpfen von Hessen und Hamburg kochte der Unmut hoch.

Jetzt stand das Thema „G 8“ erstmals in der Konferenz der Kultusminister (KMK) auf der Tagesordnung. Über eines waren sich die für die Schule verantwortlichen Minister schnell einig: Die seit 2001 geltende Regelung, dass alle Schüler bis zum Abitur mindestens 265 Jahreswochenstunden unterrichtet werden müssen, solle auch bei der verkürzten Schulzeit aufrechterhalten werden, sagte Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Ministerin im Saarland und Präsidentin der KMK. Eine Streichung von Stunden würde die Qualität des Abiturs infrage stellen.

265 Jahreswochenstunden von der fünften bis zur 12. Klasse – das bedeutet 33 bis 34 Stunden Unterricht pro fünftägiger Schulwoche und damit zwangsläufig Nachmittagsunterricht. In diesem Rahmen sehen die Minister aber durchaus Möglichkeiten, die Schüler zu entlasten. „Flexibilisierung“ war das Zauberwort in Berlin. Nach dpa-Informationen haben sie sich am Nachmittag auf „leichte Nachbesserungen“ an der Aufteilung der Pflichtstunden geeinigt. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) hatte zuvor vorgeschlagen, verstärkt Stunden aus dem Wahlunterricht – gemeint sind etwa Chinesisch- oder Theatergruppen – auf das Pflichtpensum anzurechnen. Bisher ist das schon für fünf der 265 Stunden erlaubt, jetzt sollen es offenbar mehr werden. Kramp-Karrenbauer sprach sich dafür aus, Übungsstunden einzubeziehen, ihre niedersächsische Kollegin hält es für denkbar, Zeit für Hausaufgaben anzurechnen, die in der Schule angefertigt werden.

Das alles seien „Propagandatricks“, kritisierte der Präsident des Philologenverbandes, der die Gymnasiallehrer vertritt. Mit solchen Maßnahmen wollten die Kultusminister Kürzungen der Stundentafel verschleiern, sagte Heinz-Peter Meidinger dem Tagesspiegel. Damit würde Deutschland aber im internationalen Vergleich weiter zurückfallen. In anderen Ländern gebe es deutlich mehr Unterricht – auch in zwölf Jahren bis zum Abitur.

Experten fordern den verstärkten Ausbau von Gymnasien zu Ganztagsschulen, um die Schüler mittags besser zu verpflegen und ihnen am Nachmittag Förderunterricht, Hausaufgabenhilfe, Sport oder kreative Arbeitsgruppen anzubieten. Auf die Frage, ob das Ganztagsschul-Programm des Bundes wegen G 8 verlängert und aufgestockt werden sollte, wollte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) am Mittag vor der Presse allerdings nicht antworten. Schavan war Gast der KMK, um mit den Ministern die „Qualifizierungsoffensive“ zu besprechen, mit der Bund und Länder bessere Bildungschancen von der Kita bis zur beruflichen Weiterbildung schaffen wollen.

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