Zeitung Heute : Von der Dauerhaftigkeit der Dauerwelle

„Haute Couture für den Kopf“ nennt der Berliner Friseur Dirk Stellbrink die neuesten Trendfrisuren. Er selbst ist mehr für Pflegeleichtes

Maren Sauer

Es ist ein schleichender Prozess, der nach etwa sechs bis acht Wochen seinen Höhepunkt erreicht: Nichts geht mehr. Selbst die Wirkung einschlägiger Stylingprodukte der Kategorie „ultrastark“ sowie virtuoser Fönkünste verpufft im Nu. Wo einst eine Frisur war, sind nur noch Haare, die dringend eines Nachschnitts bedürfen.

„Den wollen in der Tat die meisten Kundinnen“, sagt Dirk Stellbrink, Inhaber zweier Salons in Berlin. Eher selten sei der Wunsch nach einem Neuschnitt, der mit einer kompletten Typveränderung einhergeht. „Einerseits liegt das daran, dass sich Frauen nur ungern von Frisuren trennen, mit denen sie gut klarkommen“, sagt der 46-Jährige. Andererseits aber verstärke sich das Bedürfnis, beim Bewährten zu bleiben, oft durch die Alltagsuntauglichkeit vieler von Magazinen lancierter Frisuren.

Darauf hinzuweisen, hält der Friseurmeister für seine Pflicht: „Frisurenfotos sind die schönsten Lügen der Welt.“ Momentaufnahmen lässiger Fransenschnitte, akkurater Pagenköpfe, stacheliger Irokesenkämme, lasziv wirkender Ponytollen oder wallender Mähnen. Haarige Kunstwerke, von Stylisten-Teams samt Profi-Equipment geschaffen. Fotogene Schöpfe, an denen stundenlang efiliert, gefönt, geglättet, gefärbt, gescheitelt, gezwirbelt und toupiert wurde.

„Trotzdem trägt es sehr zu einem gelungenen Endergebnis bei, wenn Kunden vorher zeigen können, wie sie sich ihre Wunschfrisur vorstellen“, räumt Stellbrink ein. Er arbeitet seit 28 Jahren als Friseur, eröffnete 1992 seinen ersten Salon und hat etliche Trends kommen und gehen sehen: Miniplis und exzessives Blondieren, harte und weiche Konturen, symmetrische und asymmetrische Linien. „Aber der letzte wirklich neue Look war doch eindeutig der Punk“, bemerkt er. Er revolutionierte die jahrzehntelang von brav Onduliertem, dramatisch Toupiertem und adrett Frisiertem dominierte Haarmode. Hielt ihr schrillbunte Farbakzente und spektakulär Unfrisiertes entgegen. Seitdem wiederholt sich nur noch alles, eine Retro-Welle löst die nächste ab.

Und so gleichen auch die aktuellen Haar-Trends einem Déjà-vu-Erlebnis: „An denen ist nur neu, dass man auf Teufel komm raus alle möglichen Stilrichtungen in einer Frisur miteinander kombiniert.“ Ein bisschen Hippie, etwas Bohème, ein wenig Popper und eine Prise Punk. Heraus kommen Schnitte mit meist unregelmäßigen Konturen und strähnigen Akzenten, die nach starken, kontrastreichen Kolorierungen verlangen, vor allem aber ein intensives Styling sowie das passende Make-up erfordern. „Sonst sehen sie nach nichts aus, und deshalb werden sie sich auch nicht durchsetzen“, prophezeit Stellbrink. Haute Couture für den Kopf sei das, ein Stil, der völlig ignoriert, dass das Gros der Frauen im Alltag das Unaufwändige bevorzugt.

Entsprechend aussichtsreich schätzt er die Chancen für das Comeback der Dauerwelle und die Renaissance lockiger Haarpracht ein: „Die wird kommen, weil dauergewellte Haare einfach enorm praktisch und wandlungsfähig sind.“ Zudem gelten sie in der langen Version, allen Trends zum Trotz, nach wie vor als Inbegriff der Weiblichkeit. Ein Zusammenhang, der sich Dirk Stellbrink beim besten Willen nicht erschließt. „Aber der Faktor, dass viele Frauen Wert darauf legen, dass ihre Frisuren auch ihren Männern gefallen, ist alles andere als unerheblich.“

Dirk I., Goethestraße. 15 (Charlottenburg), Telefon: 313 71 32; Dirk II., Auguststraße 88 (Mitte), Telefon: 28 87 97 67.

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