Zeitung Heute : Von der Hand in den Mund

Familie Herrmann gehört seit 150 Jahren ein Feigengarten am Brandenburger Schwielowsee

Reiche Ernte, die Albrecht Herrmann just gesammelt hat. Wenn das pralle Fruchfleisch leicht nachgibt, ist die Feige reif für den Verzehr. Foto: Julia Baier
Reiche Ernte, die Albrecht Herrmann just gesammelt hat. Wenn das pralle Fruchfleisch leicht nachgibt, ist die Feige reif für den...

Wenn die Feigen reifen in Baumgartenbrück, dann schlüpft Albrecht Herrmann früh morgens in seine Schuhe, schnappt sich das Körbchen und strebt in seinen Feigengarten, um die eine oder andere zu ernten. Soooo viele sind es ja auch wieder nicht, die am sonnigen Südhang wachsen. Sultane heißen sie, Große Grise, Bella Brunetta oder Early Black. Gerade mal 30 Bäume und 20 verschiedene Feigensorten hat der 74-Jährige gleich nach der Pensionierung vor acht Jahren hinter dem familieneigenen „Gasthaus Baumgartenbrück“ angepflanzt. Vorsichtig und mit Gefühl kneift Herrmann die roten und violetten birnenförmigen Früchte. Wenn das pralle, schwere Fleisch leicht nachgibt, sind sie reif zum Verzehr.

Ficus carica. Feigen aus Karien, einer Landschaft in Kleinasien. Sie gab den Feigen ihren lateinischen Namen. Denn von dort kamen einst die als „köstliche Süßigkeit“ gerühmten getrockneten Feigen. Die Feige gehört zur Familie der Maulbeergewächse und ist im gesamten Mittelmeerraum heimisch. Aber unter dem Himmel von Brandenburg? Das glaubt doch keiner. Und doch: Selbst der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., ließ im Park von Schloss Sanssouci Nischen in seine Weinbergterrassen schlagen, in denen hinter 168 Fenstertüren Wein und Feigen vor allen Wettern geschützt gediehen. Baumgartenbrück aber liegt am Schwielowsee.

Überhaupt: Die Feige gedeiht auch in nördlichen Regionen. In wintermilden Gegenden wie den dänischen Ostseeinseln oder in Südengland. In Deutschland findet man sie außer in Baumgartenbrück im Weinbaugebiet der Pfalz, an der Berg- und an der Weinstraße. Kein Treibhaus schützt die Potsdamer Fici. Nur eine Handvoll alter Obstbäume, Gute-Luise- Birnen, Aprikosen, Pflaumen und Kaiser- Wilhelmäpfel umrahmen die exotischen Brandenburger Früchtchen.

Baumgartenbrück ist ein historischer Ort, eine Raststätte in alter Zeit, als noch die Postkutsche zwischen Königsberg und Kleve verkehrte. Schon 1676 führte dort eine Holzbrücke über die Havel, wo einst nur eine mit Pferdeschädeln gepflasterte Furt war und heute eine neue Brücke samt Bundesstraße den Fluss überspannt. Sie führte geradewegs zum Gasthaus der Familie Herrmann. Johann Josef Herrmann hatte das 1748 von einem Potsdamer Amtmann errichtete Haus 1826 für 5005 Taler gekauft. Seitdem ist das „Gasthaus Baumgartenbrück“ eine Art Sommerfrische mit Seeblick für Potsdamer.

Fontane kehrte bei Herrmanns ein und beschrieb deren Sommergarten vollmundig als „Brühlsche Terrasse am Schwielowsee“. Ob er auch Feigen genascht hat? Bestimmt. Seit der Zeit sind jedenfalls die Feigen in Herrmanns Garten erwähnt, und dank Hunderter von Fotoplatten, die Albrecht Herrmanns Mutter Liselotte verwahrte, gibt es auch ein Schwarzweißfoto von der 1859 geborenen Marie Goslich, auf dem Albrecht Herrmanns Tante Lieschen 1904 als Sechsjährige im Sonntagsstaat und weißer Schürze auf einer Stehleiter im Feigenbaum steht und nascht, was der Baum hergibt.

Albrecht Herrmanns Großvater Carl, der als Rosenzüchter bei Paris gearbeitet hatte, war schon 1870 nach Hause zurückbeordert worden, um nach Vaters Tod die Gaststätte zu übernehmen. Auch pflegte er den Feigengarten. Das war Männerarbeit, denn vor dem ersten Frost mussten die Zweige der Feigenbäume mitsamt ihren noch unausgereiften Früchten heruntergebogen und in der Erde verbuddelt werden. Im Frühjahr befreite man sie wieder, und Ende Juli konnte man die ersten Früchte reifen sehen. Während des Krieges verfiel die kleine Plantage, weil keine Männer da waren, um die schwere Arbeit zu verrichten. Albrecht Herrmann verbuddelt die Zweige vor dem Winter nicht mehr. Darum kann es passieren, dass der Frost einen Teil der Bäume nimmt.

Albrecht, der den Gasthausbetrieb an seinen Sohn Frank (43) übergeben hat, widmet sich neben einer kleinen Heimatstube im Obergeschoss des Gasthauses ganz der Wiederauferstehung des historischen Feigengartens als Familienkulturgut. Zuerst beschaffte er sich Steckhölzer von einem Schweizer Gartenbaubetrieb und ließ sie – „zum Leidwesen meiner Frau“ –, im warmen Badezimmer austreiben. „Sie sehen ja, was daraus geworden ist“, sagt er stolz. Lauter gesunde jugendliche Bäume. „Und weil die Feigen hier eigentlich nicht zu Hause sind, haben sie auch keine Schädlinge.“

Die Feigen reifen nach und nach. Die ersten sind im Frühling so weit. Andere erst im Herbst. Manche Sorten machen eine Pause, um Ende September ein zweites Mal Früchte zu bilden. „Die Blätter sind dazu da, um ihre Blöße zu bedecken“, witzelt Albrecht Herrmann. Feigenblätter eben. Und alle sehen verschieden aus. Und damit das Gießwasser am sandigen Hang nicht abfließt, hat er Erde um die schlanken Stämme gehäufelt und Kuhmist als Dung drunter gehoben. Wer Glück hat und im Sommer in Baumgartenbrück bei Sonnenschein vom Kaffeegarten rüberguckt nach Ferch und Caputh, der bekommt vielleicht ein Feigenkompott serviert oder ein Eis mit heißen Feigen. Puristen dürfen sich gegen einen kleinen Obolus auch gern aus der Schale mit den Pflückfrischen bedienen.

Feigen sind besonders reich an Kalzium, Phosphor, Eisen und Vitamin B. Wichtigste Anbauländer sind Italien, Griechenland, die Türkei, Algerien, Portugal, Spanien, der Iran und die USA. Die meisten Feigen kommen bei uns getrocknet auf den Markt. Der Wasseranteil ist dann von 80 auf etwa 30 Prozent gesenkt, dafür liegt der Zuckeranteil bei etwa 60 Prozent. Manche machen aus Feigen Dessertwein, oder sie werden geröstet und zu Feigenkaffee verarbeitet. In Spanien findet man sogar Feigenkäse.

Gasthaus „Baumgartenbrück“, Baumgartenbrück 4, 14548 Geltow; Telefon: 033 27 / 552 11, täglich ab 12 Uhr, außer montags. Die Heimatstube kann man nach Vereinbarung anschauen: Tel. 033 27 / 57 19 09

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben