Zeitung Heute : Von der Hitparade zur Schaubühne

Der Tagesspiegel

Von Alva Gehrmann

Meyer. So heißen ja viele. Dieser wäre beinahe Schlagerstar geworden. 1984, mit gerade mal 19 Jahren, gewann Hans-Werner Meyer die „Goldene Eins“ in der ZDF-„Hitparade“ mit seiner A-Capella-Gruppe „Echo- Echo“– vor Roland Kaiser und Nino de Angelo. Für ihn ein Spaß. „Mir war schnell klar, dass ich so nicht leben möchte. Die Schlagerwelt ist eine armselige Welt“, sagt er. 37 ist er heute. Ein Glas Orangensaft in der Hand, sitzt er im Café „Koffein Kombinat“ in Mitte.

Als Musiker wurde er auf der Straße entdeckt. Als Schauspieler nicht. „Ich habe nie das Glück gehabt, dass man mich gesehen und sofort gesagt hat: Ich mache was mit dir.“ Also ergriff er selbst die Initiative. Heute kommt man an ihm nicht mehr vorbei. Er spielt ohne große Gesten – dafür intensiv. Tiefsinnig und charmant.

März und April sind regelrechte Meyer- Fernsehwochen. Dabei macht er sich sogar selbst Konkurrenz. Am 12. März zum Beispiel war er in „Eine außergewöhnliche Affäre“ (Sat 1) und zeitgleich in der RTL-Serie „Die Cleveren“ zu sehen. Am 2. April findet ein zweites Duell statt. Dann spielt er im Sat-1-Zweiteiler „Liebe darf alles“ an der Seite von Gudrun Landgrebe. Meyer ist mal der impulsive Mann, der sich in die Frau seines Chefs verliebt, mal der nachdenkliche Polizeipsychologe Dominik Born.

Born, diese Rolle hat ihn bekannt gemacht. Seit drei Jahren jagt der Polizeipsychologe mit seiner Kollegin Eva Glaser (Astrid M. Fünderich) Serienmörder. Noch. Fünderich hat aufgehört. Bleibt die Gerichtsmedizinerin Korda, die ihren Kollegen Born in einer Folge so beschrieb: „Er ist ein manisch depressiver Charmeur. Eitel, chronisch verunsichert und besessen von kranken Hirnen.“ Meyer lacht. Das trifft die Rolle ganz gut, sagt er. „Er hat meine Schwächen, aber ich habe nicht unbedingt seine Stärken.“ Meyer ist ein Schauspieler, der sich einmischt, an Drehbüchern mitarbeitet – auch bei „Die Cleveren“ (21 Uhr 15). Er hat Angst vor Mittelmäßigkeit. Arbeiten in preußischer Manier: Diszipliniert. Pünktlich. Professionell. Aber mit Leidenschaft.

Das war schon immer so. Hans-Werner Meyer hatte früh ein Gefühl dafür, dass er Schauspieler werden will. Und das, obwohl der gebürtige Hamburger nach eigenem Bekunden eher schüchtern war. Ein normales Mittelstandskind. Mit 13 besaß er zwei Wellensittiche, die er frei durch sein Zimmer fliegen ließ. Mit 17 flog Meyer aus: nach Amerika. Für ihn ein positiver Kulturschock, ohne den er vielleicht nie Schauspieler geworden wäre. „Als Europäer war ich dort, zumindest eine Zeit lang, der Star. In den USA hilft man sich, ,featured’ und versichert sich gegenseitig, wie talentiert man den anderen findet. Ich kam voller Selbstbewusstsein nach Deutschland zurück.“

Kurz darauf war die „ZDF-Hitparade“. Und die Bewerbung an der Hamburger Schauspielschule – doch dort flog er in der ersten Runde raus. Okay, dann werde ich eben Arzt, dachte er sich. „Zwei Jahre später saß ich in meiner Wohnung und sagte zu mir: Du probierst es bei allen staatlichen Schulen und danach bei den privaten – und du hast keine Entschuldigung mehr vor dir selbst.“ Mit Erfolg. Sowohl Bochum als auch Hannover wollten ihn. Er ging zur Hochschule für Musik und Theater in Hannover.

Dort merkte man früh, dass dieser Hans- Werner Meyer weiß, was er will. Auch Walter D. Asmus, sein ehemaliger Schauspiellehrer, bekam seinen preußischen Sinn zu spüren. „Ich bin einmal zu spät zur Probe gekommen. Da hat mich Hans-Werner fertig gemacht. Das konnte er nicht ertragen“, erinnert sich Asmus und lacht. „Er ist schon der Typ, der einem auch mal die Meinung sagt.“ 1990 ging Meyer ans Münchner Residenztheater. In den ersten Jahren hat er immer wieder an der Berufswahl gezweifelt. „Als junger Theaterschauspieler wird man nicht respektiert, nicht von den Intendanten, nicht von den Regisseuren.“ Das Publikum kann ebenfalls grausam sein. „Manchmal spielt man sich die Seele aus dem Leib, und es kommt keine Reaktion.“ Doch er hielt durch. Fünf Jahre später ging er an die Schaubühne in Berlin – bis 1997.

Meyer zog es weiter, zum Film. Er spielte in „Marlene“ und „Vera Brühne“ mit. 2000 bekam er den Bayrischen Fernsehpreis. Genug zu tun für Meyer, der zeitweise anderthalb Jahre ohne Pause gedreht hat. „Mir ist klar, dass es nicht immer so laufen wird, vor allem, wenn ich mit der Serie aufhöre.“ Doch so ein Ende hat für ihn auch immer etwas Gutes – „ein notwendiger Nullpunkt für Neues“. Finanzielle Sorgen macht er sich nicht. „Es ist eher die Angst davor, nichts zu tun zu haben. Denn als Schauspieler existiert man nur, wenn man spielt. Sonst ist man nicht wirklich vorhanden.“

Bis Ende Juni wird die fünfte Staffel von „Die Cleveren“ gedreht. Der Alltag eines Schauspielers ist nicht immer so spannend, wie der Zuschauer denkt. Geduld und Humor sind für Meyer Überlebenstaktiken. Er hat gelernt, die Rolle nicht mehr mit dem Leben zu verwechseln. Trotzdem ist Dominik Born sein ständiger Begleiter. „Die Rolle geht mit einem spazieren. Das ist wie in einer Beziehung. Da geht man sich auch mal auf die Nerven“, sagt Meyer und lächelt. „Es würde mich mal interessieren, ob Born manchmal auch keinen Bock auf mich hat.“

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