Zeitung Heute : Von der Magie des Unfertigen

Baustellen und Rohbauten sind immer noch die Magneten der Schaustelle Berlin, die sich eine Woche lang der Architektur widmet

-

Wer heute mit der SBahn am Lehrter Bahnhof vorbei fährt, kann noch ein wenig von dem nachempfinden, was die Baustelle Berlin in den neunziger Jahren war: Baugruben, Baukräne, Lastwagen, Staub, Schmutz, Umleitungen und Bretterzäune. Seit der Mitte der neunziger Jahre hat sich das Gesicht der Hauptstadt spürbar gewandelt, zeigt sich jetzt in neuem Glanz, was sich vor acht, zehn Jahren so noch keiner vorstellen konnte. Die meisten Baugruben sind längst geschlossen, der Potsdamer Platz und das Regierungsviertel stehen als touristische Sehenswürdigkeiten längst auf der Mussliste der Berlinbesucher und das Diplomatenviertel in Tiergarten mit seinen vielen Botschaften glänzt strahlender als je zuvor. Dennoch gibt es immer noch Aha-Erlebnisse und noch immer kann man spektakuläre Bauten im Entstehungsprozess bestaunen.

Gerade das Unfertige zieht Berliner und Besucher magisch an. Einen Ort so zu sehen, wie man ihn später nie wieder zu sehen bekommt – das leere Jüdische Museum war ja ein Publikumsrenner – das hat seinen Reiz. So dürfte im Rahmen der Schaustellen-Woche „Metropole & Architektur“ vom 3. bis zum 9. Juli der Rohbau der Berlinischen Galerie, dem Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, in dem ehemaligen Glaslager unweit des Jüdischen Museums einmalige Raumerlebnisse versprechen.

Auch der jetzt für das Museum aufgegebene Standort im Viktoria-Quartier, das riesige Areal der ehemaligen Schultheiß-Brauerei in Kreuzberg, bietet interessante Perspektiven für das Wohnen in einer gelungenen Kombination von Moderne und historischer Industriearchitektur. Aber aufregende Baukunst ist in Berlin nicht nur eine Sache der großen spektakulären Gebäude, sondern Reizvolles und Interessantes manifestiert sich auch in den zahlreichen Siedlungs- und Stadtreparaturprojekten, wie etwa des Rückbaus einer Plattensiedlung zu einem attraktiven Ensemble, dem man seine ursprüngliche Gestalt nicht mehr ansieht. Weitere Führungen hinter die Kulissen verschiedener Institutionen werden angeboten.

Tag der offenen Tür – Die Berlinische Galerie vor der Eröffnung

Seit dem Run auf das leere Jüdische Museum und das leere Zeughaus wissen wir: Auch ein leeres Museum kann spannend sein. Zudem bietet es dem Besucher einen Hauch von Exklusivität. Nach langer Odyssee durch Berlin wird die Berlinische Galerie in dem ehemaligen Glaslager in der Alten Jakobstraße endgültig ihr Domizil aufschlagen und wieder Gelegenheit haben, die Schätze der modernen Berliner Kunst, die auch immer ein Stück deutsche Kunst sind, auszustellen. Was einmal wo hinkommt, erfährt man an diesen Tagen. Besonders interessant ist die große Halle mit ihrer Treppenanlage.

Samstag, 3. Juli, 12 bis 18 Uhr; Sonntag, 4. Juli, 12 bis 18 Uhr. Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin. Eintritt frei. Keine Tickets erforderlich.

Tag der offenen Tür im Internationalen Congress Centrum ICC Berlin

Viel Aufregung gab es vor 25 Jahren über das Internationale Congress Centrum Berlin, das wie ein Raumschiff von einem anderen Stern vor dem Messegelände niedergegangen war. Ein Bauwerk mit bis dahin ungekannten Dimensionen, das die Architekten Ralf Schüler & Ursulina Witte für 9100 Besucher gebaut hatten. Der futuristsiche Komplex hat 14 300 Kongresse, Konzerte und Tagungen erlebt. Wie dieses Bauwerk funktioniert, was es seinen Besuchern bietet, welche Technik in den 80 Veranstaltungsräumen eingesetzt wird, das kann man beim Blick hinter die Kulissen erfahren.

Samstag, 3. Juli, 10 bis 17 Uhr. Haupteingang ICC Berlin – Kassenhalle, neue Kantstraße / Ecke Messedamm, 14057 Berlin. Eintritt frei. Keine Tickets erforderlich.

Architektenführung durch die Landesvertretung Bremen

Im Berliner Diplomatenviertel am Tiergartenrand sind auch einige Vertretungen der Länder beim Bund angesiedelt. Das Berliner Architektenbüro Léon Wolhage Wernik GmbH, das auch die Indische Botschaft in der Tiergartenstraße entworfen hat, hatte zuvor mit der Landesvertretung Bremen ein Zeichen seines Könnens gesetzt. Der terracottafarbene Bau mit seinem Gästehaus-Turm und dem flachen Hauptgebäude bildet ein reizvolles Ensemble in dem einstigen Villenviertel.

Montag, 5. Juli, 14 Uhr 30; Donnerstag, 8. Juli, 14 Uhr 30. Tickets kostenlos – ausschließlich im Tourist Info Center der BTM im Europacenter. Aus Sicherheitsgründen bitte Reisepass oder Personalausweis beim Einlass vorzeigen.

Die Elektropolis Siemensstadt – Hightech unter Denkmalschutz

Es gibt Industriestandorte in Berlin, die einzigartig, aber dem Bewusstein der breiten Öffentlichkeit ein wenig entzogen sind. Dazu gehört die Siemensstadt. Der Name ist zwar jedermann bekannt, doch dürfte die Backstein-Architektur jener Elektropolis aus der Nähe betrachtet noch so manche Überraschung bereit halten. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war hier nicht nur ein riesiger Werkskomplex entstanden, sondern auch Wohnungen, Kirchen, Schulen und eine Grünanlage. Und vom Siemens-Turm, der den Komplex überragt, bietet sich ein prächtiger Rundblick auf die Stadt. R.B.

Samstag, 3. Juli, 10 Uhr. Montag, 5. Juli, 14 Uhr. Donnerstag, 8. Juli, 16 Uhr. Tickets 3 Euro im Schaustelle-Vorverkauf.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!