Zeitung Heute : Von der massenhaften Produktion zum individuellen Exemplar

Jörg Plath

Digitaler Buchdruck revolutioniert den herkömmlichen BuchhandelJörg Plath

Den schwarzbunten Kühen auf den grünen Wiesen unmittelbar vor dem Parkplatz des Gewerbegebietes von Hamburg-Norderstedt droht keine Gefahr. Beim Books-on-Demand-Druckbereich des Buchgroßhändlers Georg Lingenbrink (Libri) wird zwar, ebenso wie an einigen anderen Orten der Republik, an einer new frontier gearbeitet. Aber die Pioniere des kostengünstigen digitalen Buchdrucks auf Bestellung kommen ohne die Abschlachtung von entfernten Verwandten des Bisons aus. Kolonisiert wird innen, im Buchhandel.

Noch bewegt sich das Auftragsvolumen des digitalen Buchdrucks im Promillebereich. Aber Pionier Lingenbrink stellte Books on Demand (BoD) auch erst 1998 auf der Frankfurter Buchmesse vor. Statt 3000 Exemplare eines Buches herzustellen, zu lagern und nach und nach in die Buchhandlungen zu liefern, wird der Titel im Computer gespeichert und erst auf Bestellung gedruckt. Dafür benötigen die zwei Laserdruckmaschinen in Hamburg-Norderstedt, die wie große Kopierer aussehen, nur wenige Minuten. Der Buchblock wird mit dem Umschlag verklebt, geschnitten und versandt; zwei, drei Tage später hält der Leser das Buch in den Händen: liber ex machina.

Das Papiermanuskript oder die Computerdatei in eine druckfähige Form zu bringen, ist mit weniger als 500 Mark sehr preisgünstig, und so hat Georg Lingenbrink zunächst Graswurzelautoren umworben, die keinen Verleger für ihr Buch erwärmen konnten. Unter www.bod.de werden im Internet "Wüste, Liebe und Computer" oder "Die Hühnerleiter ins Nirvana" angeboten, merkwürdigerweise ohne Leseprobe, dafür jedoch mit Verfasserfoto und aufschlußreichen Antworten auf sinnige Fragen wie "Welche Autoren halten sie für maßlos überschätzt?"

Sprüche des Samurai

Immerhin schon mehr als 1000 Mal verkauft wurden das BoD "OV Maxim", der Bericht eines Stasi-Opfers, und "Hagakure", eine in Jim Jarmuschs "Ghost Dog" ausgiebig zitierte Samurai-Sprüchesammlung. Der Übersetzer besorgte sich die Rechte, nachdem der Film in den USA angelaufen war, und legte das Buch wenige Wochen später zum deutschen Filmstart vor - ein für Verlage undenkbares Tempo. Weitere Libri-Kunden sind Bibliotheken, die seltene Bücher digitalisieren lassen, Akademiker, die ihre Doktorarbeiten verlegen, und englischsprachige Verlage, die mit den Lager- auch Zoll- und Transportkosten sparen.

Die Hälfte von monatlich 20 000 Exemplaren druckt Libri jedoch für Haffmans, Beltz und Dumont. Die Verlage nutzen den Digitaldruck für wissenschaftliche Publikationen, Jahrbücher und vergriffene Titel, für die sich der erst ab etwa 300 Exemplaren rentable Offsetdruck nicht lohnt. Gegenwärtig sind 1500 Books on Demand verfügbar, 4000 bis 5000 sollen es bis Ende des Jahres vor allem durch Verlage werden.

Der Libri-Wettbewerber Koch, Neff & Oetinger (KNOe) startete vor einem halben Jahr und wendet sich nur an die Verlage, deren Bücher die Stuttgarter an den Buchhandel ausliefern. Nicht einzelne, just in time produzierte Bücher, sondern Kleinstauflagen ab 20 Exemplaren können beim Kooperationspartner Digital Druck GmbH in Frensdorf geordert werden, sobald der KNOe-Lagerbestand zu gering wird. Ein gutes Dutzend von 120 angesprochenen Verlagen, darunter vor allem wissenschaftliche wie Rudolf Haufe und Böhlau, nehmen das Angebot bisher wahr.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Verlagsauslieferungen wie Großhändler sparen Lagerkosten; Libri druckt einen selten nachgefragten Titel erst bei Bedarf, KNOe lagert immer nur kleine Mengen. Teures Kapital steckt nicht mehr in Paletten voller Bücher, keine Restauflagen müssen verramscht oder ins Altpapier geworfen werden. Die Qualität eines digital gedruckten Taschenbuches gleicht nahezu dem im Offset produzierten. Leinen- und Ephalineinbände werden demnächst möglich. Bertelsmann will Mitte des Jahres die Hardcover-Produktion in einer Maschine aufnehmen, so daß die Zwischenprodukte nicht mehr zeitraubend und teuer zwischen Druck-, Umschlag-, Klebe- und Schneidemaschinen hin- und hergetragen werden müssen. Nur der digitale Farbdruck wird noch eine Zeitlang unerschwinglich bleiben.

Ständige Verfügbarkeit auch von Nischentiteln fast ohne verlegerisches Risiko und bei geringen Kosten - der Digitaldruck bietet jedem etwas, Autoren, Verlegern, Großhändlern, Sortimentsbuchhändlern. Wem er freilich welche Vor- oder Nachteile bringt, ist noch unsicher. Daher ist es ruhig in der Branche. Als der Fotosatz den Setzerberuf sterben ließ, gab es konkrete Opfer. Solche Brachialmethoden gehören der Vergangenheit an. In der Gegenwart scheint das digitale Zeitalter nicht nur eine Branche, sondern auch gesellschaftliche Usancen zu verändern. Wo aber alles fließt, folgen auf Verluste beruhigenderweise immer Gewinne.

Der Digitaldruck verbindet bisher getrennte Produktionsabschnitte, beschleunigt sie und erleichtert den Marktzugang: Während die Auslieferer Libri und KNOe zur Druckerei werden bzw. mit einer solchen eng kooperieren, erwachsen Verlagen in den Autoren Konkurrenten. Diese können ihre Manuskripte ohne großen Aufwand selbst verlegen und mieten sich je nach Finanzkraft und Ambition einen Redakteur, Grafiker und Werbefachmann. Die Verlage verlieren Marktmacht: das Privileg als Schleusenwärter des allgemeinen Interesses.

Eine Schwemme von Titeln wird die Folge sein. Die Verlage müssen auf einem Markt, der rasant wächst und zunehmend auf Spezialinteressen antwortet, um die knappe Ressource Aufmerksamkeit buhlen. Bei steigenden Titelzahlen werden die seit Jahrzehnten sinkenden Auflagen weiter zurückgehen. Zudem sind Books on Demand nie vergriffen.

Der ehemalige Ullstein-Verleger Wolfram Goebel setzt daher auf den Autorenvertrieb. Er hat den ersten Books-on-Demand-Verlag gegründet, der zur Leipziger Frühjahrsbuchmesse vergriffene Krimis wieder verfügbar macht. Die Autoren können ihre Bücher beim Drucker Libri zum Selbstkostenpreis einkaufen und wieder verkaufen. Tausende von Exemplaren setzten Selbstverleger, so Goebel, jährlich durch persönlichen Einsatz ab. Der Autor als Unternehmer ist das Ideal des BoD-Verlages.

Books on Demand bringen für Autoren auch Probleme mit sich. Nach geltender Regelung fallen die Buchrechte an sie zurück, sobald der Verlag das Buch nicht mehr lieferbar hält. Bleibt der Titel aber digital bestellbar, behält der Verlag nahezu ohne unternehmerisches Risiko die Rechte. Die üblichen Honorare in Höhe von fünf bis zehn Prozent des Ladenpreises erscheinen dafür zu niedrig.

Überflüssig wird der gerade gerettete feste Ladenpreis. Er erlaubt den Verlagen eine Mischkalkulation, bei der wenige gut verkäufliche Bücher die Minderheitentitel finanzieren. Bieten sie die letzteren aber als Book on Demand an, fördert der feste Ladenpreis nicht verlegerisches Engagement, sondern sprudelnde Kassen.

Am traditionellen Sortimentsbuchhandel schließlich läuft, sofern er sich nicht im Internet engagiert, das wachsende Geschäft mit digital gedruckten Büchern vorbei. Wenn Verlag oder Autor das Risiko einer traditionell gedruckten Auflage scheuen und Book on Demand oder eine digitale Kleinauflage wählen, wird auch der Buchhändler vorsichtig sein und nur auf Kundenwunsch bestellen. Statt eines Buches lediglich ein Terminal in der Buchhandlung vorzufinden, dürfte niemanden hinter dem heimischen Bildschirm hervorlocken. Davon profitieren Internetbuchhandlungen, während in den Ladengeschäften vornehmlich gut verkäufliche Titel stehen. Die Digitaltechnik verstärkt die Entwicklung zum Buchkaufhaus.

Seine Stärken spielt der Digitaldruck freilich erst da aus, wo er die Mimikry ans Althergebrachte, an den Offsetdruck hinter sich läßt. Brockhaus bietet im Internet unter www.brockhaus.de oder bei www.buecher.de "Das persönliche Buch zum Millennium" an. Persönlich ist darin zwar nur die Namensnennung in der Anrede, vielleicht noch die aus dem Lebensalter des Beschenkten errechneten Zahlen zum bisherigen Shampoo- und Kalorienverbrauch. Zu diesen wohligen Schrecken treten ernstere: Layout und Redaktion unterbieten manche Schülerzeitung.

Der Reader als Hightech-Produkt

Aber von einem ähnlich gearteten und nur über das Internet vertriebenen Weihnachtsbuch soll Brockhaus in vier Wochen 3000 Exemplare verkauft haben. Die Digital Druck GmbH, nach eigenen Angaben mit 40 000 gedruckten Büchern größter europäischer Anbieter, weiß von weiteren Vorhaben verschiedener Verlage. Bücher sollen mit einem Namen auf jeder Seite "personalisiert" werden. Chöre können ihre "individuellen" Songbücher, Reisende ihre Cicerones je nach Route zusammen stellen; Fachbücher werden je nach Niveau und Interessen kompiliert. Der einst mühsam geklebte und kopierte Oberstufen- oder Seminarreader kehrt als Hightech-Produkt wieder.

Selbst das Einzelexemplar ist dank des Digitaldrucks erschwinglich: Die Welt wird Buch, ja: Alle Welt wird Buch. Neueste Unübersichtlichkeit befürchten die Kritiker, Demokratisierung jubeln die Befürworter. Beide bewerten dasselbe nur verschieden. Das Buch gewinnt an Stoffen, was es an Nimbus verliert; der Buchmarkt antwortet stärker auf Spezialinteressen, während die symbolische Leitfunktion des Buches endgültig an andere Medien übergeht, ebenso die ihm zugeschriebene Kompetenz, allgemeine Zusammenhänge darzustellen und Orientierung zu leisten. Willkommen in der schönen neuen Digitalbuchwelt.

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