Zeitung Heute : Von der Moral der Scheinheiligen

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TRIALOG

Woran sollen sich die Bürger noch orientieren? Wo bleibt der moralische Halt für die Bürger innerhalb ihres Gemeinwesens Staat?", so hat der Präsident des Bundes der Steuerzahler angesichts der vielen Politikerskandale in dieser Zeitung besorgt gefragt. Auf’s erste möchte man dankbar sein, dass mal jemand Klartext spricht, den Politikern ins Gewissen redet und sich Sorgen macht um die Zukunft der Moral. Beim genaueren Hinsehen aber verfliegt der Respekt, denn das Argument lautet: Wenn Politiker korrupt sind, ist es kein Wunder, wenn wir, die Steuerzahler, noch mehr schummeln. Ihr seid dran schuld, wenn wir nicht moralisch handeln. Die Empörung entpuppt sich als Persilschein auf Vorrat, als Schachzug auf dem Schuldverschiebebahnhof. Nirgends ist die Scheinheiligkeit so zu Hause wie bei hochmoralischen Argumentationen.

Und beim dritten Blick hat auch die These, dass Politiker moralische Orientierung, gar den moralischen Halt der Bürger zu liefern haben, keinen Bestand. Es ist doch umgekehrt. Wir beurteilen unsere Politiker nach strengen moralischen Maßstäben, strengeren als wir an uns selbst anlegen, und denken gar nicht daran, uns von ihnen unsere Maßstäbe vorgeben zu lassen. Ich jedenfalls bin noch nie auf die Idee gekommen, meine moralischen Orientierungen von Politikern zu beziehen. Die SED-Politiker meiner DDR-Biografie haben dazu auch keinen Anlass gegeben. Es ist ein Merkmal der Weltanschauungsdiktaturen, dass da die Politik die Moral diktieren möchte. Deshalb erstaunt es mich, regelmäßig zu hören und zu lesen, die Politiker seien besonders für die Moral der Bürger verantwortlich. Die mit diesem Argument ihre Politikerschelte potenzieren, merken wohl nicht, dass sie dabei die Bürger und also auch sich selbst zu leicht verführbaren Unmündigen herabwürdigen. Mündige Bürger dagegen wollen zuerst selbst für sich verantwortlich sein und für ihre moralischen Maßstäbe. Moral, die den n verdient, hat viel mit Selbstachtung zu tun. „Halte dich zu gut, Böses zu tun", hat Matthias Claudius dazu gesagt. Ich weiß sehr wohl, dass viele Mitbürger gar nicht in diesem Sinne mündig sein wollen. Bloß: Mit vorbildlichen Politikern ist denen auch nicht zu helfen.

Du stellst ja den Politikern einen Freibrief aus, höre ich manche entgegnen. Davon kann aber nicht die Rede sein. Wenn sie Zwielichtiges tun, müssen sie gehen. Dass sie durch Fehlverhalten auch das Ansehen ihrer Partei und der Politik im Ganzen schädigen, ist unbestritten. Dass ihnen aber im Besonderen die Aufgabe zukomme, Hüter der öffentlichen Moral zu sein, halte ich für einen doppelten Irrtum. Sie können das nicht leisten. Sie werden dem falschen Maßstab unterstellt, wenn sie danach beurteilt werden und nicht nach ihrer politischen Kompetenz. Özdemir hat aufgegeben, weil er einen Gratisflug privat genutzt hat. Das ist doch lächerlich.

Richard Schröder ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität und Sozialdemokrat.

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