Zeitung Heute : Von der nationalen Bildung zur EU-Bildung

Wolfgang Keck
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Foto: WZB / David Ausserhofer

Nicht die Ökonomie, sondern die Wissenschaft ist zum Vorreiter der europäischen Integration geworden. Ein Europa-Verbund aus Forschungsinstituten und Universitäten konkurriert mit US-Eliteuniversitäten und Exzellenzzentren in Ostasien und den Golfstaaten. Seit der 2012 verabschiedeten „Agenda von Maribor“ verfolgt die EU eine eigene Bildungspolitik. Veröffentlichungen in Englisch sind der Gradmesser für Forscher-Renommee. Lehre auf Englisch wurde im Wettbewerb um die besten Köpfe zum entscheidenden Faktor. Kleinere Länder waren am schnellsten. Unis wie die Klaipeda University in Litauen und die University of Bratislava führen als Eliteeinrichtungen die Rankings an. Der Ausbau der europäischen Spitzenforschung und -ausbildung hat aber auch Schattenseiten. Wer Transnationalisierung und Anglisierung nicht vollzog, schrumpfte zu Ausbildungseinrichtungen für den lokalen Arbeitsmarkt.

Hart traf es die Wissenschaftsverlage. Die totale Ausrichtung auf ganz wenige englischsprachige referierte Top-Journals hat 2021 zu einem Kollaps geführt. Nicht-englischsprachige Zeitschriften mussten zuvor schon aus Mangel an Artikeln aufgeben. Die Top-Journals konnten die Flut eingereichter Beiträge nicht bewältigen. Selbst Quotierungsverfahren begrenzten nur kurz die Zahl der Einreichungen.

Der EU-Evaluationsbericht Andropoulos/Galuzzi ließ dann die Blase platzen. Selbst bei renommierten Zeitschriften wurden Artikel nicht an Gutachter weitergeleitet, sondern pauschal abgelehnt. Mangels Gutachtern wurden fachfremde Referees ausgewählt. Intransparenz und Kungelwirtschaft griffen um sich; bisweilen wurden für Gutachten 200 000 Euro Schmiergeld gezahlt. 2022 wurde das System dann auf ein vereinheitlichtes Bewertungssystem umgestellt.

Gleichzeitig wurden die Anforderungen an die eingereichten Aufsätze drastisch erhöht. Jeder Veröffentlichung muss eine eigene Validierungsstudie beigefügt werden, in der Methode, Daten und Auswertungen nach vorgegebenen Kriterien detailliert dokumentiert sind. Dadurch sank die Zahl der Einreichungen deutlich. Die Qualitätsstandards wurden transparenter, viele Autoren schreckten vor Einreichungen zurück. Der zeitliche Aufwand für einen Forschungsartikel hat sich seit 2009 mehr als verdreifacht. Wolfgang Keck

Wolfgang Keck forscht über

demografischen

Wandel,

Generationenbeziehungen und

Sozialstaat

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