Zeitung Heute : Von der Rolle

Aufwendige Oberflächenstrukturen, exzentrische Formensprache – die aktuellen Tapetenkollektionen spielen in neuen Mustern mit alten Zöpfen.

Foto: Reinhart Bünger
Foto: Reinhart Bünger

Harald Glööckler, Deutschlands exzentrischster Modeschöpfer und Multitalent, hat die Tapete als neue Spielwiese für sich entdeckt. Gemeinsam mit Dieter Langer, dem Art Director der Marburger Tapetenfabrik, hat der extravagante Designer eine neue Kollektion auf den Markt gebracht. „Diese Mischung aus Kitsch, Rokoko und Rock ’n’ Roll, die hat’s bisher noch nicht gegeben“, sagt Langer. Was wohl stimmt.

„Wir wollten die außergewöhnlichsten und pompösesten Tapeten aller Zeiten realisieren. Tapeten, die eine kleine Plattenbauwohnung genauso erstrahlen lassen wie ein russisches Schloss“, sagt Glööckler. Und weiter: „So kreierte ich Tapeten, eine prachtvoller als die andere. Königsblaue Tapeten mit kreisförmigen Anmutungen oder goldenen Applikationen, rote Tapeten verziert mit Strasssteinen und der funkelnden Pompöös-Krone, aber auch schwarze mit glitzernden Steinen, die ein schwarzer barocker Rahmen schmückt. Tapeten mit schwarzer Leopardenoptik mit goldenen Schleifen und silbernen Engelsflügen, die aus mehreren Kronen emporschweben, weiße Tapeten mit filigranen silbernen Applikationen und Quasten oder auch reine, goldfarbene Tapeten mit und ohne barocke Details.“

Die neue Kollektion ist trotz dieses Sprachbombastes nicht so leicht einzuordnen und das soll sie auch nicht sein. „Vierzig Prozent unseres Umsatzes machen wir im Inland, sechzig Prozent geht in den Export“, sagt der Marburger Chefdesigner für Europas viertgrößten Tapetenhersteller.

Nicht nur im Ausland sind die Geschmäcker verschieden. „Es gibt nicht den einen Trend, sondern eine Handvoll verschiedener Geschmacksidentitäten“, sagt Langer. Nicht das Alter der Kunden mache den Unterschied, sondern Vorlieben würden die Auswahl einer Tapete beeinflussen. Harald Glööckler scheint vor allem zu wissen, was Frauen wünschen. Nicht nur, weil sein Credo „Jede Frau ist eine Prinzessin!“ ist. „Ein Hang zu Glitzer, das mögen Frauen“, sagt er: „Die Pfauenfedern, die Applikationen, die Farbe des Champagners.“ – „Außerdem spielen wir mit Lidschattenfarben“, ergänzt Langer und in der Tat sehen einige Muster aus wie gemalt, vermögen Strasssteine auf dem schwarzem Papier überraschende Effekte zu erzeugen. 55 verschiedene Muster sind seit Freitag im Handel, schwere Vliestapeten im Rollenmaß 10,5 x 0,70 m. Die Preise beginnen bei 60 bis 80 Euro die Rolle, die teuren Digitaldrucke kosten um die 100 Euro.

Für die neueste Kollektion der 1845 gegründeten – und damit einer der ältesten europäischen – Marburger Tapetenfabriken gilt, was auch über die aktuelle Ware aus anderen Häusern zu sagen ist: Die meist großflächigen Motive eignen sich für vor allem für hohe Räume. Sie bringen im Zusammenspiel mit passenden Möbeln aber durchaus Chic in die Wohnung. Glööckler spricht sogar von „als Vorhang konzipierten Tapeten, die pompös sind – durch sie wird jede Wohnung zu einem Boudoir, zu einem Palast“. Niedrige Neubauwohnungen könnten mit dem großflächigen Verkleben der Ware allerdings auch zu einem Albtraum werden, wie jeder weiß, der sich noch an großflächige Blumenmuster aus der Flower-Power-Zeit in den Siebzigern erinnert. Im Neubau dürfte eine mit dieser Ware geschmückte Wand wohl durchaus ausreichen.

Neben den am Donnerstag in Berlin vorgestellten prunkvollen Ornamenten der Glööckler-Kollektion prägen derzeit weiche Formen und vornehme Zurückhaltung die Tapetenmuster. Naturverbundenheit und die Trendfarben Grau und Blau spielen eine Rolle, auch auf den wieder Mode gewordenen Fototapeten.

Neu in diesem Jahr sind zudem runde, organische Formen in Softeis-Tönen wie Pistazie und Himbeere oder in sanften Farben wie Beige und Creme. Diese Tapeten in raffinierten Dessins sollen Frische und Jugendlichkeit in einen Raum bringen. Clean und modern – 2012 bekommen Tapeten in Grau- und Silbertönen einen neuen Auftritt: In vielen verschiedenen Farbabstufungen, in puristisch-klarem Design oder mit verspielten Elementen bieten graue Tapeten viele Kombinationsmöglichkeiten und Raum für kreatives Wohnen. Ob sachlicher Bauhaus-Stil oder entspannter Lounge-Look – Grau ist selten langweilig.

Die neuen Tapetenmuster wirken wie ein – gelegentlich durchaus unruhiger – Gegenpol zu unserer digitalisierten Welt. Wo die Suche zur Natur nicht im Vordergrund visualisiert wird, sind Anmutungen aus der Vergangenheit zu sehen: Krönchen, Schleifchen, Federchen. Tapeten, die Materialien wie Holz, Stein, Fell und Leder nachbilden, sind so vielfältig wie nie zuvor. Sie schaffen, wie auch die pompös daher kommenden Muster, eine warme Atmosphäre im Raum. Terrakotta, Walnuss, Birke und Lehm sind Farben, die das Kombinieren leicht machen.

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